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Letzte Ehre auf dem Asphalt: 71 tote nigrische Soldaten, aufgereiht vergangenen Freitag auf der Landebahn des Flughafens von Niamey.
Letzte Ehre auf dem Asphalt: 71 tote nigrische Soldaten, aufgereiht vergangenen Freitag auf der Landebahn des Flughafens von Niamey. Stringer/Reuters

Die Sahelzone wird immer mehr zum Brennpunkt islamistischen Terrors. Die Vereinten Nationen warnen vor einem "neuen Syrien".

Von Bernd Dörries, Paul-Anton Krüger, Kapstadt/München

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Nur der Präsident konnte dem Desaster etwas Positives abgewinnen. Am Freitag vergangener Woche lagen 71 tote Soldaten auf der Landebahn eines Militärstützpunktes in der Nähe von Nigers Hauptstadt Niamey, eingepackt in Leichensäcke, darüber die Flagge des Staates Niger. Angehörige weinten, klagten, nun auch nicht mehr leben zu wollen. "Euer Tod ist glorreich - mit der Waffe in der Hand zu sterben, ist eine der besten Arten zu sterben", sagte Nigers Präsident Mahamadou Issoufou und verlieh den Toten posthum den Tapferkeitsorden. Es war ein hilfloser Versuch, einem sinnlosen Tod noch etwas Sinn zu verleihen.

Die Region könnte zu einem neuen Syrien werden, warnen die Vereinten Nationen

Die Soldaten starben in einem Armeestützpunkt, den einige Hundert Islamisten überrannten. Es ist der bisher schwerste islamistische Anschlag in Niger. Der "Islamische Staat in der Westsahara" bekannte sich zu dem Anschlag, auch lokale Al-Qaida-Ableger sind in der Sahel-Zone aktiv, dazu die Extremisten von Boko Haram aus Nigeria. In Niger, Burkina Faso und Mali starben in den vergangenen vier Monaten bei Angriffen auf Militärstützpunkte insgesamt 230 Soldaten. Die Region könnte zum neuen Syrien werden, warnen die Vereinten Nationen; zu einem Ort, an dem Dschihadisten versuchen, ein neues Kalifat zu errichten, zu einem Rückzugsort für Terroristen, die Anschläge in Europa planen.

Frankreich stellt sich dieser Bedrohung mit 4500 Soldaten in der Opération Barkhane entgegen, Deutschland unterstützt die UN-Stabilisierungs- und Ausbildungsmission Minusma in Mali mit 1100 Mann. An diesem Freitag beginnt Frankreichs Präsident Emmanuel Macron eine Reise in die Region, die am Sonntag in Niger ihren Abschluss finden soll. Macron will von den sogenannten G-5-Staaten Burkina Faso, Niger, Mali, Mauretanien und Tschad ein robustes, über den UN-Sicherheitsrat abgesichertes Mandat für die Mission, bei der jüngst 13 französische Soldaten bei einem Hubschrauberunfall ums Leben kamen.

Zwischen der Sahel-Zone und dem Mittelmeer liegt Libyen, ein weiterer scheiternder Staat, den die Extremisten des IS zu einer ihrer "Hauptachsen künftiger Operationen" machen wollen, wie ihr dortiger Anführer Abu Mussab al-Liby in einem Video angekündigt hat. Raubüberfälle, Kidnappings und Schutzgelderpressung sind die aus dem Irak bekannten Vorboten, die mit dem Aufbau klandestiner paramilitärischer Strukturen einhergehen. In Mossul hatte die irakische Zentralregierung dem einst zugesehen, in Libyen gibt es vielerorts wie in den Sahelstaaten keine staatlichen Strukturen, die dem entgegentreten könnten. Mit Drohnen attackieren die USA sporadisch mutmaßliche Extremisten. Die Bundesregierung müht sich, mit einer für Januar geplanten internationalen Konferenz abzuwenden, dass Libyen auf Jahre in einen blutigen Bürgerkrieg versinkt, der schon jetzt maßgeblich ein Stellvertreterkrieg konkurrierender Regionalmächte mit Beteiligung Russlands ist.

Noch schwieriger ist die Lage in Niger, einem der ärmsten Länder der Welt, das zugleich eine der höchsten Geburtenraten hat. Spätestens 2012 ist es in der Fokus der europäischen Politik geraten, Bundeskanzlerin Angela Merkel reiste in den vergangenen Jahren gleich zwei Mal dorthin und versprach Unterstützung beim Kampf gegen Terror und illegale Migration. Man werde verschiedene deutsche Entwicklungsprojekte "wirklich gut zum Laufen zu bekommen", sagte sie bei ihrem Besuch im Mai. Mehrere Hundert Millionen Euro hat Europa bisher für die Länder der Sahel-Zone ausgegeben, florieren tut aber vor allem der Terror. Laut der Organisation "Armed Conflict Location and Event Data Project" stieg die Zahl der Angriffe und Entführungen 2019 um 400 Prozent auf 210 Vorfälle, 367 Menschen kamen ums Leben.

Zumindest zum Teil ist das auch eine indirekte Folge der europäischen Anti-Migrationspolitik. Niger und die Stadt Agadez waren jahrelang die wichtigste Drehscheibe für Migranten auf dem Weg nach Europa. Noch vor wenigen Jahren zogen laut Präsident Issoufou bis zu 150 000 Flüchtlinge vor allem aus Westafrika durch das Land, mittlerweile sei deren Zahl auf etwa 10 000 gesunken. Die Migranten waren aber für Niger der wichtigste Wirtschaftsfaktor. Der ist nun weggefallen, was zu sozialen Spannungen führt. Europa hatte stets versprochen, Niger im Gegenzug für seine Bemühungen zu entschädigen, davon ist bisher aber nicht viel angekommen.

"Wenn man bedenkt, welche Rolle wir bei der Reduzierung der Flüchtlingsströme gespielt haben, haben wir nicht substanziell von Investitionen profitiert", sagte Innenminister Mohamed Bazoum der Welt. Bürgerrechtler kritisieren, dass es Europa gar nicht um Niger gehe, sondern nur um die eigenen Interessen. "Trotz massiver Präsenz internationaler Truppen wird die Bevölkerung nicht vor Anschlägen bewaffneter Gruppen geschützt. Das sorgt für großen Unmut. Denn es bedeutet: Nicht um unsere Sicherheit hier geht es, sondern um den Schutz Europas vor Terror und Migration", sagte Moussa Tchangari, Generalsekretär der Journalistenvereinigung Alternative Espaces Citoyens.

Macron verlangt angesichts von Protesten gegen Frankreichs Präsenz von den Sahel-Staaten ein Bekenntnis zu dem Einsatz. Eigentlich hätten deren Präsidenten nach Frankreich kommen sollen. Doch nach der Attacke in Niger sagte Macron den Gipfel ab, schickte Generalstabschef François Lecointre nach Niger und telefonierte mit Präsident Issoufou. Man beschwor die Einigkeit im Kampf gegen den Terrorismus. Die G-5-Staaten befürworten nun ein Mandat unter Kapitel 7 der UN-Charta, wie von Macron gewünscht. General Lecointre warnte, was kommendes Jahr in der Sahel-Zone geschehe, werde deren Zukunft bestimmen. Neben militärischen Anstrengungen müsse es eine politische Lösung geben, die alle Staaten der Region einbeziehe und die internationale Gemeinschaft. "Wenn wir dieses Zeitfenster verpassen, bin ich ziemlich pessimistisch", sagte er.

© SZ vom 20.12.2019 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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