Werkstatt Demokratie Russland: Zwiespältige Gefühle für die Europäer

Moskau, Innenstadt. Im Hintergrund das Moscow International Business Center (Moskva City).

(Foto: AFP)

Moskau präsentiert sich seit zehn Jahren deutlich urbaner und auch "europäischer" als zuvor, als das Stadtbild stärker von der sozialistischen Stadtplanung vergangener Tage geprägt war. Da wirken die "Chruschtschowkas" aus den Sechzigerjahren inzwischen wie aus der Zeit gefallen. Diese nach dem früheren Sowjetführer Nikita Chruschtschow benannten Plattenbauten sind wegen ihrer Monotonie, die ganze Straßenzüge prägen, und wegen ihres geringen Wohnkomforts berüchtigt.

"Euro-Remont" lautet dagegen das Zauberwort, das in Moskau Menschen wie Darja Tarassowa seit einigen Jahren lockt, die hier ausziehen wollen. Es bezeichnet Wohnungen, die dem westeuropäischen Standard entsprechen sollen.

Tarassowa hat 15 Jahre in einem der alten Blöcke gewohnt. Ihr neues Apartment liegt nun in einem Wohnkomplex, der erst im Jahr 2015 errichtet worden ist und deutlich moderner, freundlicher und tatsächlich auch europäischer wirkt. Stolz führte Tarassowa die neue Behausung einem deutschen Bekannten vor - noch vor dem Umzug. Dieser, ein Banker und öfters geschäftlich in Moskau, staunte allerdings nicht schlecht, als er die Wohnung betrat. Ein Rohbau.

Für Russland ist das normal. Die neuen Eigentümer müssen alle Montagearbeiten selbst veranlassen. Gerade die lapidare Erklärung der 43-Jährigen dazu verrät viel darüber, was die Russen über die EU denken - als deren ersten Repräsentanten sie Deutschland betrachten. "Wir sind hier eben nicht in Deutschland", sagt sie.

Kurz und knapp bringt sie zum Ausdruck, was hier jeder Russe über Westeuropa zu denken scheint: Nicht nur, dass Wohnungen schlüsselfertig übergeben werden, und dass die Menschen in großem Komfort leben. Sondern dass dort überhaupt alles viel besser organisiert ist als in Russland. Das alles funktioniert. Und zwar auch auf höherer Ebene: demokratische Spielregeln würden eingehalten und - am Allerwichtigsten - die EU soll weitgehend vom Übel der Korruption befreit sein. Die belastet dagegen die Russen in ihrem Alltag tatsächlich sehr, in dem ohne Schmiergeld oftmals überhaupt nichts geht.

In ihrer Bewunderung für die Westeuropäer übertreiben die Russen allerdings. Sie übersehen, dass auch diese nicht vor Korruption und Unterschlagung gefeit sind, wie etwa Fälle wie Siemens und Ghosn (Nissan/Renault) belegen, und dass der Lobbyismus in westeuropäischen Parlamenten auch eine Bedrohung der Demokratie darstellt.

So übt die EU eine große Anziehungskraft auf viele Russen aus. Zugleich ist unter ihnen jedoch auch das Gefühl weit verbreitet, von den Westeuropäern unfair behandelt und zu Unrecht an den Rand der europäischen Völkerfamilie gedrängt worden zu sein.

Das Narrativ des Kremls, dass Russland von Feinden umzingelt sei, verfängt sogar bei aufgeklärten Russen. Die pensionierte Lehrerin Wiktoria Nowikowa etwa, die als begeisterte Tänzerin regelmäßig den Wiener Opernball besucht, erklärt mit viel historischem Sachverstand, warum die russische Annexion der Krim aus ihrer Sicht berechtigt ist. Gleichzeitig bedauert sie den Konflikt, der dadurch mit der Ukraine und Westeuropa entstanden ist. Nicht nur fühlt sie sich durch das militärische Kräftemessen zwischen dem Westen und Russland bedroht. Sie fürchtet auch, dass sich Russland in Europa dadurch noch stärker isoliert.

Von Paul Katzenberger, Moskau

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