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Werkstatt Demokratie:Zwischen Sehnsucht und Vorurteil

(Foto: Tom Grimbert/Unsplash; Illustration Jessy Asmus)

Europa als Konkurrenz oder Bedrohung? Als Partner? Vielleicht sogar als Vorbild? So blickt die Welt auf unseren Kontinent - SZ-Korrespondenten berichten.

Europäer haben eine eigene Vorstellung von ihrem Kontinent - einig sind sie sich allerdings nicht unbedingt. Aber wie wird Europa von außen wahrgenommen? Als ein Block? Ein Flickenteppich? Als Bedrohung, Verbündeter oder sogar Vorbild? SZ-Korrespondenten berichten.

USA: Europa, Ort für ein besseres, gesünderes Leben

Europa muss sich aus den USA derzeit viel Kritik anhören - jedenfalls wenn die Regierung in Washington und insbesondere Präsident Donald Trump sich äußern. Europa zahle zu wenig für die Nato, lasse zu viele Flüchtlinge herein - und die europäischen Autos seinen ein Sicherheitsrisiko für die USA. Zwar hofiert Trump Autokraten wie Ungarns Ministerpräsidenten Viktor Orbán. Zu wichtigen Politikern wie Angela Merkel oder Frankreichs Präsidenten Emmanuel Macron findet er keinen Draht - obwohl gerade Letzterer wirklich alles versucht hat, gute Stimmung zu machen.

Donald Trump, Shinzo Abe, Angela Merkel, Paolo Gentiloni

Kein besonders gutes Verhältnis besteht zwischen Bundeskanzlerin Angela Merkel und Donald Trump. Der US-Präsident versteht sich besser mit Autokraten wie Ungarns Ministerpräsidenten Viktor Orbán.

(Foto: AP)

Aufgeklärte, liberale Amerikaner beobachten deshalb mit zunehmendem Grauen, wie Trump die alten Bande zu den wichtigsten Verbündeten der USA aufs Spiel setzt. Seine Basis hingegen findet wie Trump, die USA haben genug für Europa getan. Sollen die sehen, wo sie bleiben, America first.

Wo es nicht um Politik geht, ist die Einstellung der Bevölkerung Europa gegenüber eigentlich grundsätzlich eher positiv. Der Kontinent wird mit einer ganzen Reihe wichtiger positiver Eigenschaften gleichgesetzt: etwa mit Qualität, Lebensfreude, einer gewissen Freizügigkeit und viel, viel Urlaub. Für die Europäer. Viele Amerikaner kommen über zwei Wochen Jahresurlaub kaum hinaus.

Dieser Artikel gehört zur Werkstatt Demokratie, ein Projekt der SZ und der Nemetschek Stiftung. Alle Beiträge der Themenwoche "Heimat Europa" finden Sie hier, alles zum Projekt hier.

Außerdem auf der Hitliste: halbwegs bezahlbare Krankenkassen für jeden. Und in den meisten Fällen kostenlose Bildung! Vom sozialen Netz und den Arbeitnehmerrechten ganz zu Schweigen. Vergangene Woche erst hat eine Nachbarin ihren Job in einem Architektenbüro verloren. Morgens kam sie nichtsahnend ins Büro. Zwei Stunden später stand sie mit einem Pappkarton in den Händen auf der Straße. Darin durfte sie gerade noch ihre wenigen privaten Besitztümer packen, die auf ihrem Schreibtisch standen.

Wer sich mit jungen Eltern unterhält, bekommt schon nach einem kurzen Gespräch über die Vor- und Nachteile des Lebens in den USA und in Europa diesen Satz zu hören: Ach, könnten wir doch nach Europa ziehen. Danach ein langer Seufzer. Und das sagen Menschen, denen seit Jahrzehnten eingetrichtert wird, die USA seien das großartigste Land der Erde.

Die USA - obwohl nach wie vor die mächtigste und reichste Wirtschaftsnation der Erde - haben in den vergangenen Jahren massive Umwälzungen erlebt. Die Reichen sind unendlich viel reicher geworden. Die Armen sind weiterhin arm. Nur werden es immer mehr. Und die Mittelschicht, nun ja, die verliert immer mehr an Bedeutung. Selbst ihren Vertretern fällt es inzwischen schwer, sich eine Krankenversicherung zu leisten, die all das abdeckt, was etwa die gesetzliche Krankenkasse in Deutschland bietet.

Gute Schulbildung für die Kinder wird schon ab Geburt zur finanziellen Herausforderung. Alles ist teuer. Schon ein Kindergartenplatz in New York kostet schnell 2000 Dollar. Im Monat. Die wenigen öffentlichen Kitas sind keine Orte, an denen verantwortungsvolle Eltern ihren Nachwuchs lassen möchten.

Das alles im Hinterkopf hat sich der Blick auf Europa verändert. Früher einmal war das nur eine schnucklige Ansammlung von Klein- bis Kleinststaaten, die von den USA vom Joch des Nationalsozialismus befreit wurden. Heute ist Europa ein Ort, an dem es sich aus Sicht vieler Amerikaner schlicht besser, sicherer, gesünder leben ließe als in den USA.

Von Thorsten Denkler, New York