Süddeutsche Zeitung

Werkstatt Demokratie:Die Vermessung des Gemeinsinns

Zu Beginn der Corona-Krise schien die Solidarität gewaltig zu sein. Inzwischen hat die Bereitschaft, sich einzuschränken, deutlich nachgelassen. Wie steht es also um den Gemeinsinn in Deutschland? Sind wir weiter als früher? Eine Analyse in Grafiken.

Wer zum Wohle der Gemeinschaft handelt, kann davon ausgehen, dass die übrigen Gruppen- oder Gesellschaftsmitglieder das zu schätzen wissen. Aber auch das Credo des Neoliberalisums - "Eigenverantwortung" - ist noch immer häufig zu hören. Wenn sich alle selbst helfen, ist schließlich allen geholfen. In der Corona-Krise haben die Menschen in Deutschland und weltweit beides gezeigt: Gemeinsinn und Egoismus, Nachbarschaftshilfe und Hamsterkäufe, aufopfernden Einsatz in der Pflege und Corona-Partys.

Bundeskanzlerin Angela Merkel war sich dessen im März 2020 bewusst, als sie den "Millionen und Abermillionen" Deutschen dankte, die sich an die beschlossenen Ausgangsbeschränkungen hielten. Zugleich fand sie es notwendig, eindringlich an die Bevölkerung zu appellieren: "Bitte ziehen Sie alle mit!" Selbstverständlich ist das nämlich nicht.

Die Menschen schwanken zwischen Eigennutz und Gemeinsinn. Solidarität, so definiert es der Soziologe Heinz Bude, ist der Ausdruck des Aufeinanderangewiesenseins. Wer niemanden braucht oder das Gefühl hat, nur ausgenutzt zu werden, muss schon ein großer Menschenfreund sein, um sich um Menschen zu kümmern, die keine Verwandten oder Freunde sind.

Wie steht es nun tatsächlich um den Gemeinsinn in Deutschland? Was hat sich in den vergangenen Jahren, was hat sich durch und während der Corona-Krise geändert?

Bereits in den ersten zwei Wochen der bundesweiten Maßnahmen hat das Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld mehr als 3000 Menschen im Internet befragt. Immerhin 85 Prozent erklärten, sie würden sich dafür verantwortlich fühlen, zur Gesundheit und Versorgung von Angehörigen von Risikogruppen beizutragen. 62 Prozent sahen sich in der Verantwortung für die Menschen in ihrem Wohnort. Die Hälfte der Teilnehmer fühlte sich verantwortlich für alle Menschen in Deutschland und immerhin 45 Prozent für die Menschheit insgesamt.

In einer zweiten Befragung Mitte April, an der fast 1700 Teilnehmer der ersten "Welle" erneut mitmachten, war das Verantwortungsgefühl zumindest gegenüber den Menschen im Wohnort, in Deutschland und der Menschheit gegenüber etwas zurückgegangen.

Sehr hoch war der Anteil derjenigen, die in beiden Befragungen von sich sagten, sie wären "eher" oder "auf jeden Fall" bereit, Nachbarn Hilfsmaßnahmen anzubieten: Mehr als 90 Prozent sagten das über Einkäufe für andere, mehr als 80 Prozent zeigten sich bereit, Vorräte oder Medikamente zu teilen.

Die Studie erhebt nicht den Anspruch, repräsentativ zu sein. Auch weisen die Wissenschaftler darauf hin, dass Menschen dazu neigen, eigene positive Eigenschaften wie Hilfsbereitschaft zu überschätzen. Aber selbst wenn die Zahlen tatsächlich etwas niedriger liegen dürften, wären sie noch immer eindrucksvoll. Bestätigt werden sie durch die Daten eines gemeinsamen Projekts der Universität Erfurt, des Robert Koch-Instituts und anderer Institutionen (Covid-19 Snapshot Monitoring, Cosmo). Seit Ende März finden dafür regelmäßig Umfragen statt. Im Schnitt erklären die Beteiligten darin etwas häufiger, sie würden anderen eigene Hilfe anbieten, als dass sie das nicht täten.

Die hier erklärte Hilfsbereitschaft und das Verantwortungsgefühl passen zu der anfänglich sehr hohen Bereitschaft, die von der Bundesregierung und den Ländern beschlossenen Schutzmaßnahmen einzuhalten. Mit der Zeit hat sich die Haltung hier allerdings zum Teil deutlich verändert, wie die Cosmo-Umfragen sowie ein Langzeitprojekt der Universität Mannheim zeigen.

So begann die Zustimmung zu den Einschränkungen bereits nach wenigen Wochen zu bröckeln, wie tägliche Umfragen unter mehreren Hundert Menschen zeigen, Inzwischen findet die Mehrheit nur noch, dass große Veranstaltungen verboten bleiben sollen. Alle anderen Maßnahmen befürworten nur noch weniger als die Hälfte. Und fast jeder Fünfte lehnt inzwischen sogar alle Maßnahmen ab. Schon bevor die Regeln zum "Social Distancing" gelockert wurden, haben sich immer mehr Menschen immer häufiger mit mit anderen getroffen.

Wird die Bevölkerung danach gefragt, ob die persönlichen Freiheitsrechte wegen der Infektionsgefahr eingeschränkt werden sollten, ist die Zustimmung zwar immer noch größer als die Ablehnung. Zu Beginn der Pandemie war diese Haltung aber deutlich stärker ausgeprägt. Und die Zustimmung, Gemeinschaftseinrichtungen zu schließen, hat extrem nachgelassen. Gerade hier zeigt sich inzwischen, wie wichtig die persönliche Betroffenheit der Einzelnen ist: Im Gegensatz zu Menschen ohne Kinder unter 18 Jahren fordern Eltern mit schulpflichtigen oder jüngeren Kindern nun mehrheitlich, Kindergärten, Kitas und Schulen wieder zu öffnen - auch wenn das Risiko, dass das Virus sich wieder stärker ausbreitet, dadurch erneut zunehmen könnte. (Mehr dazu im nebenstehenden Artikel.)

Die Bedeutung der persönlichen Betroffenheit belegt auch eine Umfrage der Friedrich-Alexander-Universität in Nürnberg-Erlangen. Ein großer Teil der Bevölkerung ist zwar noch bereit, alle anderen Werte dem Schutz des Lebens unterzuordnen. Es sind aber vor allem ältere Menschen, die das so sehen - also gerade jene, deren Leben und Gesundheit am stärksten gefährdet ist. Die Jüngeren wünschen sich inzwischen dagegen offenbar endlich wieder ein Leben wie vor der Krise. (Siehe nebenstehenden Text zu dieser Studie.)

Die anfänglich sehr große Solidarität mit gesundheitlichen Risikogruppen tritt demnach offenbar immer stärker in den Schatten der Ängste um die wirtschaftlichen Verhältnisse in der Gesellschaft. Dabei ist es nicht so sehr die Befürchtung, den eigenen Arbeitsplatz zu verlieren oder in finanzielle Schwierigkeiten zu geraten. Die Menschen treibt eher die Angst um, dass kleinere Unternehmen Konkurs anmelden müssen oder es insgesamt zu einer Rezession kommt.

Zugleich hält die Sorge an, dass die Gesellschaft in der Corona-Pandemie egoistischer und die Kluft zwischen Arm und Reich immer größer wird.

Das spiegelt sich auch darin wieder, dass inzwischen etwa die Hälfte der Bevölkerung den wirtschaftlichen Schaden für größer hält als den gesellschaftlichen Nutzen. Diese Beobachtungen lassen sich immer noch als Hinweise auf einen Gemeinsinn interpretieren, dessen Fokus sich aber verschoben hat.

Wie die Erfurter Fachleute berichten, findet zwar weniger als ein Drittel der Befragten die gegenwärtigen Lockerungen übertrieben. Immerhin ein Fünftel aber meint, die Maßnahmen selbst gingen zu weit. Diese Gruppe ist einerseits schlechter informiert, fühlt sich vom Virus weniger bedroht, vertraut den Behörden weniger - und hängt eher Verschwörungstheorien an. Andererseits zeigen diese Menschen auch vermehrt Existenzängste und setzen auf mehr Eigenverantwortung im Infektionsschutz, obwohl sie sich selbst schon weniger an die bisherigen Regeln halten als andere. Fast die Hälfte der Befragten ist den Anti-Corona-Maßnahmen gegenüber unentschieden und könnte in Richtung Ablehnung kippen.

Langfristige Entwicklung des Gemeinsinns

Wie stand es nun in den vergangenen Jahren es um den Gemeinsinn in Deutschland? Nach Einschätzung der Mehrheit nicht besonders gut. Wie die Ergebnisse der "Allgemeinen Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften" (Allbus) des Leibniz-Instituts für Sozialwissenschaften in Köln und Mannheim (Gesis) zeigen, geht eine deutliche Mehrheit davon aus, dass sich die meisten Leute in Wirklichkeit nicht darum scheren , was mit ihren Mitmenschen geschieht. Gerade in jüngerer Zeit allerdings ist der Anteil dieser Skeptiker von etwa drei Vierteln der Bevölkerung auf deutlich unter 70 Prozent gesunken.

Der Meinung, jeder müsse selbst schauen, wo er oder sie bleibe, waren 2004 noch etwa 60 Prozent der Befragten, zehn Jahre später fand mehr als die Hälfte, dies sei nicht der Fall.

Dass der Wunsch nach sozialer Gerechtigkeit größer ist als die Einstellung, jeder sei seines Glückes Schmied, zeigen eine Reihe weiterer Fragen. So ist die Ansicht, dass Einkommen und Wohlstand zugunsten der "einfachen Leute" umverteilt werden müssten, in den zehn Jahren zwischen 2008 und 2018 zwar etwas zurückgegangen. Es waren allerdings immer noch deutlich mehr als 60 Prozent dieser Meinung.

Nach der sozialen Gerechtigkeit befragt, erklärte 2018 im Politbarometer mehr als die Hälfte der Teilnehmer, es gehe ungerecht oder sogar sehr ungerecht zu in Deutschland. 88 Prozent meinten, die Schere zwischen Reich und Arm sei größer oder sogar viel größer geworden.

Und seit Jahren meinen mindestens drei von vier Teilnehmern der Allbus-Umfragen, die Situation werde für die "einfachen Leute" schlechter.

Auch Konflikte in der Gesellschaft deuten auf einen Mangel an Gemeinsinn hin. Und ein relativ großer Teil der Bevölkerung sieht davon einige. Vergleicht man allerdings die Ergebnisse der Allbus-Umfragen von 2018 mit denen zehn Jahre zuvor, dann nehmen die Konflikte eher ab. Nur im Verhältnis zwischen Ausländern und Deutschen sahen vor zwei Jahren noch zwei von drei Befragten große Probleme - das sind mehr als 2008.

Obwohl viele Befragte meinen, es gehe in Deutschland eher ungerecht zu, werden Menschen am Rande der Gesellschaft, insbesondere Hilfsbedürftige wie Obdachlose und Arbeitslose, immer noch stark abgewertet. Vor allem Arbeitslose gelten wenig. Die Ursache dürften Vorurteile sein wie jene, dass die Betroffenen selbst an ihrer Lage schuld wären oder das Sozialsystem ausnutzten, um auf der faulen Haut zu liegen.

Die Antworten in den Umfragen zur Gerechtigkeit und Umverteilung des Wohlstands könnten nun so interpretiert werden, dass Teilnehmer sich selbst als ungerecht behandelt wahrnehmen - und deshalb in der Gesellschaft insgesamt Ungerechtigkeiten sehen. Gegen diese Annahmen spricht, dass seit Jahren eine deutliche Mehrheit für sich selbst feststellt, der eigene Anteil am Lebensstandard in Deutschland sei gerecht oder mehr als gerecht.

Und auch die eigene Lebenszufriedenheit ist eher groß und nimmt seit Jahren weiter zu. Es scheint demnach, dass es den meisten Menschen gut geht in Deutschland. Viele betrachten also die Verhältnisse tatsächlich als ungerecht, ohne sich selbst davon betroffen zu fühlen.

Freiwilliges Engagement und ehrenamtliche Arbeit

Als gutes Maß für den Gemeinsinn gilt ein freiwilliges Engagement, etwa die aktive Mitarbeit oder ehrenamtliche Arbeit in Vereinen und Organisationen, von der andere profitieren. Dazu befragt das Deutsche Zentrum für Altersfragen (DZA) seit 1999 immer wieder etliche tausend Menschen ab 14 Jahren. Die letzten veröffentlichten Daten stammen aus dem Jahr 2014, erst Ende 2020 werden vorläufige Zahlen der nächsten Studie veröffentlicht. Doch auch die älteren repräsentativen Umfragen ergeben ein interessantes Bild. So erklärten bis 2009 etwa ein Drittel der Befragten, sie würden sich engagieren. 2014 waren es dann sogar fast 44 Prozent!

Der größte Anteil des Engagements fiel auf Sport und Bewegung - es profitieren also insbesondere Sportvereine von der Bereitschaft zu helfen.

Ehrenamtlich im engeren Sinne - also als jemand, der in eine öffentliche Funktion wie in einen Vereinsvorstand gewählt wurde - arbeiten deutlich weniger Menschen. Auch hier zeigt sich die hohe Bedeutung des Sports. Ähnlich viele Ehrenamtliche sind etwa in Wohltätigkeitsverbänden (etwa Arbeiterwohlfahrt oder Caritas) und Kulturvereinen aktiv.

Auffällig ist der Zusammenhang zwischen dem freiwilligen Engagement und Faktoren wie Alter, Bildung oder Region. In Großstädten, in denen gemeinhin eine größere Anonymität herrscht, liegt der Anteil der Engagierten deutlich niedriger als auf dem Land. Am meisten Aktive sind dort zu finden, wo sich die Menschen noch persönlich kennen und die Population dicht genug ist, um etwa Vereine lokal zu organisieren. Engagement ist in allen Altersgruppen häufig zu finden, besonders groß ist der Anteil der Engagierten unter Schülerinnen und Schüler - wohl nicht zuletzt, weil sie noch relativ viel Zeit haben und viele von ihnen Mitglieder in Sportvereinen sind.

Das bestätigt der Engagementbericht der Bundesregierung von 2020. Umwelt- und Naturschutz spielen inzwischen eine deutlich größere Rolle als noch im Freiwilligensurvey von 2014, was damit zusammenhängen dürften, dass das entsprechende Problembewusstsein in der Bevölkerung gewachsen ist.

Vor dem Hintergrund der Frage nach dem Gemeinsinn ist auffällig, wie gering der Zusammenhang ist zwischen der Bedeutung, die Menschen etwa dem Wert "Solidarität" beimessen, und dem freiwilligen Engagement. So waren dem Freiwilligensurvey zufolge 2014 immerhin fast 47 Prozent derjenigen aktiv, die Solidarität grundsätzlich wichtig fanden. Allerdings engagierten sich mit fast 40 Prozent ähnlich viele Befragte, die Solidarität NICHT wichtig fanden. Nicht viel anders war es mit dem Anspruch, sich selbst kreativ einbringen zu können.

Ein großer Teil des Engagements in Deutschland hängt also nicht so stark mit dem Wunsch zusammen, etwas FÜR andere zu tun. Es geht in erster Linie um etwas anderes.

Das bestätigt auch die Frage nach den konkreten Motiven des freiwilligen Engagements. Fast 94 Prozent aller Befragten gaben 2014 an, es ginge ihnen darum, durch das Engagement Spaß zu haben. Vier von Fünfen wollten mit anderen zusammenkommen. An dritter Stelle der Rangliste der Motivationen folgte dicht darauf der Wunsch, die Gesellschaft mitzugestalten. Und die Hälfte wollte irgend eine Form von Qualifikation erwerben.

Ähnlich stellt sich die Motivation speziell unter jungen Menschen dar, wie der Engagementbericht der Bundesregierung 2020 zeigt.

Es gilt demnach immer noch, was die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Deutschen Zentrums für Altersfragen 2014 festgestellt haben: "Für die große Mehrheit der Engagierten steht also im Mittelpunkt, etwas zu tun, das ihnen Freude bereitet, dass sie etwas mit anderen Menschen zusammen tun können und dabei einen kleinen Beitrag für die Gesellschaft leisten können."

Der Blick der freiwillig Engagierten ist also weniger auf die Gesellschaft und die Mitmenschen gerichtet als auf die eigene Person, es geht weniger um Solidarität, als vielmehr um die eigenen Bedürfnisse innerhalb dieser Gesellschaft.

Gesellschaftlicher Zusammenhalt

Wird in Deutschland gezielt nach dem gesellschaftlichen Zusammenhang gefragt, kommt das Land nicht sehr gut weg. In einer Studie der Bertelsmann Stiftung von 2017 kommt das Land auf einer Skala von 1 bis 100 im Schnitt gerade einmal auf einen Wert von 61,4. Dabei gibt es geringe, aber auffällige Unterschiede zwischen den Bundesländern: Die Länder im Osten - bis auf Berlin - wiesen die geringsten Werte für Zusammenhalt auf. Eine der Ursachen dafür dürfte sein, dass dort viele Menschen sich gegenüber der Bevölkerung im Westen noch immer benachteiligt fühlen, wie aus dem Bericht der Bundesregierung zum Stand der Deutschen Einheit hervorgeht.

Besonders schlecht schnitt in der Bewertung der Punkt "Gerechtigkeitsempfinden" ab, auch Solidarität und Hilfsbereitschaft ließen den Studienteilnehmern zufolge zu wünschen übrig und das Vertrauen in Mitmenschen kam gerade einmal auf einen Wert von 56. Das passt zusammen mit der Wahrnehmung der Teilnehmer der Allbus-Studien. Gerade einmal jede und jeder Vierte hält andere für vertrauenswürdig - alle anderen zeigen Vorbehalte.

Für ein Land, dessen Bevölkerung regelmäßig Rassismus und rechte Neigungen nachgesagt werden, schnitt der Punkt "Akzeptanz von Diversität" auf der Skala der Bertelsmann-Studie mit einem Wert von fast 80 erstaunlich gut ab. Allerdings haben schon die Mitte-Studien der Universitäten Leipzig und Bielefeld eine nur geringe Verbreitung von Rassismus und Antisemitismus aufgedeckt.

Nur mit Flüchtlingen und auch mit Muslimen haben relativ viele Menschen in Deutschland ein Problem - offenbar weil deren Zahl in den vergangenen Jahren relativ stark zugenommen hat. Immer mehr Deutsche nehmen deshalb die eigene kulturelle und religiöse Identität als bedroht wahr.

Fazit

Fasst man die Ergebnisse der Umfragen hinsichtlich des Gemeinsinns in Deutschland zusammen, entsteht der Eindruck, dass die meisten Menschen es durchaus sehr wichtig finden, sich gegenseitig zu helfen. Zugleich meinen viele, es ginge hierzulande nicht wirklich gerecht zu. Und das, obwohl die Mehrheit für sich selbst feststellt, einen gerechten Anteil am Lebensstandard zu haben und mit dem eigenen Leben eher zufrieden ist.

Diese Wahrnehmung tritt auch in den Umfragen zur Corona-Krise zutage. Alle haben sich beteiligt, weil sich alle etwas davon versprochen haben und die Belastungen gerecht verteilt zu sein schienen. Geht diese Überzeugung verloren, etwa weil ganze Berufsgruppen ihr Einkommen verlieren, , schwindet auch die Bereitschaft, anderen zuliebe Einschränkungen zu akzeptieren. Das betrifft jene, die selbst vor dem Ruin stehen, aber auch alle, die die Wirtschaftskraft Deutschlands als Basis für den eigenen Wohlstand betrachten. Die Solidarität mit wirtschaftlich gefährdeten Mitmenschen drückt so gesehen genauso Gemeinsinn wie Egoismus aus.

Der Soziologe Berthold Vogel vom Soziologischen Forschungsinstituts (SOFI) an der Georg-August-Universität in Göttingen sieht in Covid-19 sogar einen "unerbittlichen Trennungsbeschleuniger" innerhalb der Gesellschaft. Die Institutionen des Wohlfahrtsstaates und die Vitalität öffentlicher Güter vermögen die Attacken noch auszugleichen und politisch zu gestalten", sagt Vogel auf den Seiten der Universität. Die wirtschaftliche Rezession und die kommende massive Staatsverschuldung werden ihm zufolge aber "Konflikte um die Verteilung des Wohlstands" provozieren. Er hofft weniger auf die Solidarität der Bürgerinnen und Bürger als vielmehr auf die Solidität der Institutionen. Regeln und Einrichtungen, die die Gesellschaft zum allgemeinen Nutzen eingerichtet haben, können dagegen helfen, auch Durststrecken der Solidarität zu überstehen.

Gemeinsinn und Egoismus sind scheinbar widersprüchliche Neigungen, die zur Natur des Menschen gehören. Unsere Gesellschaften funktionieren deshalb nach einer Strategie, die in der Verhaltensbiologie als "reziproker Altruismus" bezeichnet wird: Wir helfen, geben, schenken, wenn wir damit rechnen können, irgendwann selbst Hilfe, Gaben, Geschenke oder zumindest Anerkennung als soziales Kapital zu erhalten. Und wir kooperieren, weil wir damit in der Regel weiter kommen als auf uns allein gestellt. Auch in der Corona-Krise.

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