Prantls Blick Weltspartag - Warum das Sparschwein eine arme Sau ist

Wenn man heute das Wort "Sparkasse" hört, stellt sich oft ein wehmütiges Gefühl ein.

(Foto: Daniel Naupold/dpa)

Sparen heißt heute oft, vom Mangel noch etwas kürzen. Dagegen sollten die Sparkassen etwas tun - und die Tristesse aus der Provinz vertreiben.

Die politische Wochenvorschau von Heribert Prantl

Jeden Sonntag beschäftigt sich Heribert Prantl, Mitglied der Chefredaktion und Ressortleiter Innenpolitik der SZ, mit politischen Themen, die in der kommenden Woche - und manchmal auch darüber hinaus - relevant sind. Hier können Sie "Prantls Blick" als wöchentlichen Newsletter bestellen - mit seinen persönlichen Leseempfehlungen.

In den nächsten Wochen - nach der Landtagswahl in Hessen - stehen nicht nur politische Turbulenzen an. Es steht, am kommenden Dienstag und Mittwoch, auch der "Weltspartag" im Kalender. Dieser Tag wurde 1924 beim ersten internationalen Sparkassenkongress in Mailand erfunden; er ist das Fest für die Tugend der Sparsamkeit, die seit der Aufklärung zum bürgerlichen Bildungskanon gehört, aber seit einiger Zeit einen altbackenen Ruf hat, weil die Zinsen so unerquicklich niedrig sind, dass der Weltspartag eigentlich ein Volkstrauertag ist. Ein Weltspartag, der vor allem das Sparschwein und das Sparkonto preist, wäre ein Volksverdummungstag und ein Aufruf zur Geldvernichtung.

Als die Zinsen noch Zinsen trugen

Weltspartag - es war einmal. Es ist ein Wort aus der Zeit, als die Zinsen noch Zinsen trugen. Wenn man heute das Wort "Sparkasse" hört, stellt sich daher so ein wehmütiges Gefühl ein.

Man denkt an den "Weltspartag" seiner Kindheit, man denkt an den Onkel von der Sparkasse, der damals an diesem Tag in die Schule kam und Lineale und Radiergummis in der Klasse verteilte. Er hatte auch ein paar Sparbüchsen dabei; zu meiner Zeit waren das keine Büchsen, sondern Würfel aus Holz, die oben einen Schlitz hatten und unten ein Schloss, zu dem man selbst keine Schlüssel hatte. "Sparen bringt Segen, denn viele Körnlein machen einen Haufen", sagte der Lehrer.

Sparen - das Wort hatte früher einen fast magischen Klang. Das ist heute anders. Der Blick in Sparbücher und Sparkonten zeigt nämlich vor allem, wie kläglich das Geld dort verzinst wird. Das Sparschwein als Symbol dieses Sparens ist deshalb eine arme Sau. Heute sollen die Leute ja auch, so sagen die Fachleute der Wirtschaft, nicht mehr sparen, sondern ausgeben, damit die Wirtschaft brummt. Das klassische Sparen ist zum Fluch geworden für die Wirtschaft.

Mit dem Sparen als Fluch für die Wirtschaft geht einher, dass im Milieu der kleinen Leute, für die das Modell Sparkasse einmal gedacht war, die Verschuldung um sich greift. Sparen hat seinen Wortsinn gewechselt: Sparen heißt oft nicht mehr, etwas vom Überschuss zur Seite legen, sondern vom Mangel noch etwas kürzen. Das ist nicht gut.

Ein Alter ohne Schalter Das ist so ungut wie das Sparkassen-Sterben. 1990 gab es noch 20 000 Sparkassen in Deutschland. Heute gibt es nur noch knapp die Hälfte, und das Filialschließen geht weiter. Die Sparkassen sparen bei sich selbst, und manchmal sägen sie dann aus Spargründen den Ast ab, auf dem sie sitzen. Wenn man in die Internet-Suchmaschine die Stichwörter "Sparkasse" und "Filialschließungen" eingibt, dann rappelt es richtig bei Google und bei DuckDuckGo. Und die Lokalzeitungen, nicht nur im Erzgebirge, im Hunsrück und im Bayerischen Wald, sondern quer durch Deutschland sind voll von Nachrichten wie: "Widerstand gegen Sparkassen-Filialschließung wächst weiter"; "Heftige Kritik an der Sparkasse", oder: "Erste Protestaktion gegen Sparkassen-Schließung." Es gibt einprägsame Slogans dazu, die den Sparkassen nicht gefallen können; einer der einprägsamsten lautet: "Ein Alter ohne Schalter." Solche Slogans müssen den Sparkassen weh tun, weil sie das Vertrauen in sie zerfressen (Zum Filialsterben bei den Sparkassen lesen Sie bitte die anschauliche Geschichte von Harald Freiberger, "Das Jahr, in dem die Banken starben" in der SZ vom 31. Dezember 2016.)

Wofür Sparkassen da sind

Sparkassen sind Provinz, sie sind die Universalbanken der Provinz in kommunaler Trägerschaft - und kraft Gesetz dem Gemeinwohl und dem Gemeinnützigkeitsprinzip besonders verpflichtet. Wenn sie zusperren, ist das ein Symbol für provinzielle Depression.

Eigentlich ist Provinz ein gutes Wort: Provinz ist da, wo die Menschen sich kennen. Provinz ist da, wo die Machtverhältnisse überschaubar sind. Wenn Sparkassen wirklich gut sind, dann sorgen sie dafür, dass die Provinz Zukunft hat - dann fördern sie Projekte, Unternehmungen und Unternehmen, die neue Landlust wecken. Es geht um Regionalentwicklung. Das ist nichts Abstraktes, sondern sehr konkret. Es geht dabei nicht um die Beschilderung von Wanderwegen oder darum, dass die Marktplätze in den Kleinstädten alle zehn Jahre andersrum gepflastert werden. Es geht vor allem darum, wie man junge Menschen in der Provinz zum Bleiben oder, noch besser, zur Rückkehr bewegt.

Neue Landlust

Die Entvölkerung ländlicher Räume ist kein Naturgesetz. Sie ist eine Folge dessen, dass Arbeit und Leben in der Provinz nicht oder viel zu wenig vereinbar sind. Ein kluger Regionalentwicklungsfachmann hat vor einiger Zeit in der Süddeutschen Zeitung gesagt, man müsse in der Provinz sozusagen den Tanzboden wieder auslegen und alles dafür tun, die unternehmerischen Geister dort wieder zum Tanzen zu bringen.

Das ist Entwicklungshilfe. Stadt und Land müssen viel besser verzahnt werden. Es geht um einen besseren Nah- und Mittelverkehr. Es braucht auch Glaserfaserkabel bis ins letzte Dorf. Die Debatte, was das für die Arbeitswelt bedeutet, hat eben erst begonnen. Wer stabil ans schnelle Internet angebunden ist, muss nicht jeden Tag an seinen zentralen Arbeitsplatz in der Stadt. Einige Pendelei wird sich dann vermeiden lassen. Die Landflucht könnte gestoppt, vielleicht langsam wieder umgekehrt werden. Das wäre ein Akt der neuen Wertschöpfung für das Land und seine Kommunen. Das wäre ein heimatlicher Aufbruch für Deutschland. (Zur Frage, was Heimat in globalisierten Zeiten ist und sein kann, lesen Sie den Leitartikel in der SZ vom 23. Oktober 2017.)

Die Tristesse in der Provinz vertreiben

Und damit zurück zum Weltspartag. Mit solchen Provinz-Entwicklungsideen und mit ihrer Förderung sollten die Sparkassen nicht sparen. Genau dafür sind die Sparkassen heute da, dafür müssen sie da sein. Sie leben in einer Schicksalsgemeinschaft mit ihrer Region, mit der Provinz. Es geht darum, die provinzielle Tristesse in Deutschland wieder zu vertreiben.

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