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Weltpolitik:Im Dschungel der Dialoge

Nick Reimer, Schlusskonferenz. Geschichte und Zukunft der Klimadiplomatie. Oekom Verlag 2015, 208 Seiten, 14,95 Euro. Als E-Book: 11,99 Euro. Eine Leseprobe stellt der Verlag hier zur Verfügung.

Das Buch "Schlusskonferenz" des Journalisten Nick Reimer zeichnet verständlich nach, wie die Klimadiplomatie wurde, was sie ist.

Im Jahr 2007 hat sich Nick Reimer auf den Weg nach Bali gemacht. Er bestieg nicht das Flugzeug, sondern den Zug, dann quälte er sich Wochen durch Europa und Asien. Wenn im November Minister aus aller Welt einfliegen würden, um wieder mal ein bisschen das Klima zu retten, dann wollte auch Reimer da sein - aber auf dem Land- und Seeweg. Es ist eine kleine Geschichte aus dem Leben des umtriebigen, ja rastlosen Journalisten und Autoren Reimer, und sie endet geradezu symptomatisch: Auf dem letzten Stück nach Bali lässt unerwartet schwere See Reimer keine Wahl, er muss das Flugzeug nehmen. Solche Kompromisse kennt auch die Klimadiplomatie, die hehre Ziele verfolgt, aber oft auf dem harten Boden der Tatsachen landet. Nur kam Reimer am Ziel an - anders als diese 20 Klimakonferenzen, die seit 1995 stattfanden.

In seinem Buch "Schlusskonferenz" zeichnet Reimer den zähen Weg dieser 20 Konferenzen nach. Er entwirft das Bild des ständigen Auf und Ab, vom ersten, noch halbwegs hoffnungsfrohen Aufbruch bei dem Treffen in Berlin 1995 und der Verabschiedung des Kyoto-Protokolls zwei Jahre später - bis zu den Schwierigkeiten, diesen ersten Klimavertrag mit Substanz zu füllen. Von Konferenzen in Bali 2007 (seine Anreise erwähnt er nicht), bei denen selbst die USA einknicken, bis Kopenhagen zwei Jahre später. Jenem Gipfel, der den Durchbruch für ein weltweites Abkommen bringen soll und im Desaster endet.

Reimer war meist ganz nah dabei. Dennoch gelingt es ihm, die Abläufe distanziert, nüchtern zu erzählen. Er beschreibt die absonderlichsten Vorgänge, ohne sie weiter zu bewerten. So wird "Schlusskonferenz" zu einer Art Reiseführer durch den Klima-Dschungel, der zugleich um Verständnis wirbt für die vielen Umwege und Sackgassen der Vergangenheit. "Das System der Klimadiplomatie ist Demokratie in Reinstform", schreibt Reimer. Wegen der Stimme, die alle Staaten bei den Konferenzen gleichermaßen haben, aber auch angesichts ihrer Transparenz. Das Ziel: einigermaßen fair zu verteilen, wer die Atmosphäre künftig wie stark belasten darf. "Ein neuerliches Scheitern der Klimadiplomaten würde zeigen, dass die Rivalität der Staaten um den Deponieplatz in der Atmosphäre nicht gemeinschaftlich durch Demokratie zu lösen ist", warnt er. Ein neuerliches Scheitern - genau darum geht es in der "Schlusskonferenz", jener 21. Konferenz, die kurz vor Weihnachten in Paris das ersehnte Abkommen bringen soll.

Experten werden einiges vermissen in dem Buch. Wer aber einen Überblick gewinnen will über Chancen und Fallstricke der Klimapolitik, der findet hier einen guten Einstieg. Auch wenn Reimer den Titel selbst am Ende aushebelt, denn die Schlusskonferenz ist keine. Die Details des Abkommens wären Sache von Konferenz 22ff..