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Zwischenkriegszeit:Hin zur Welt, in der wir heute leben

War Woodrow Wilson, wie wir es alle zu wissen glauben, der Vertreter eines naiven politischen Idealismus, der angesichts der Realitäten europäischer Machtpolitik nur scheitern konnte? Die simple Gegenüberstellung von Idealismus und Realismus, so argumentiert Tooze, führe bei Wilson nicht weiter, sie verdecke seinen Machtwillen, seine hegemoniale Ambition.

Der amerikanische Präsident, der 1918 nach Europa reiste, um der entstehenden Friedensordnung nicht zuletzt durch die Errichtung eines "Völkerbunds" seinen Stempel aufzudrücken, war sich des ökonomisch begründeten Machtpotenzials der USA klar bewusst.

Aber noch zögerte die aufsteigende Weltmacht. Der Kongress, in dem Wilsons Gegner seit Ende 1918 eine Mehrheit hatten, verweigerte nicht nur die Ratifizierung des Versailler Vertrags, sondern lehnte damit auch einen amerikanischen Beitritt zum Völkerbund ab.

Sintflut von Krieg und Revolution

Doch überall auf der Welt wurde das ökonomische, politische und auch militärische Gewicht der USA wahrgenommen; es wurde zum archimedischen Punkt der Nachkriegsordnung und es beeinflusste innen- und außenpolitische Entwicklungen überall auf dem Globus: Das zeigt Tooze in einer Reihe von Kapiteln, die von Japan, China und Indien, vom Nahen und Mittleren Osten sowie von Lateinamerika handeln. Die europäisch-atlantische Perspektive wird darin aufgebrochen und relativiert.

Das folgt nicht einfach den modischen Tendenzen eines historiografischen Globalismus, sondern es verschränkt globalgeschichtliche und außenpolitikhistorische Perspektiven mit der Untersuchung von Wirkung und Wahrnehmung der USA als "Global Player" im Zentrum.

Vor Fabrikarbeitern und Gewerkschaftern sprach der britische Munitionsminister David Lloyd George an Weihnachten 1915 von der grundstürzenden Kraft des gegenwärtigen Krieges, der die Welt völlig umgestalten werde. Der Krieg sei eine Sintflut und werde beispiellose Veränderungen im gesellschaftlichen und industriellen Gefüge mit sich bringen.

Aus Adam Toozes Sicht, der der Rede des späteren Premierministers den Titel seines Buches entnimmt: "Sintflut", wurde die alte Ordnung Europas und einer von Europa beherrschten Welt von der gewaltigen Sintflut von Krieg und Revolution hinweggespült. Ein Zurück gab es nicht mehr.

Frage nach Versagen der "Friedensmacher" verliert an Bedeutung

Stattdessen gelangte nun eine neue, eine globale Ordnung technisch-industrieller Modernität zum Durchbruch, demonstriert, getragen und vertreten von den USA, deren gewaltige Dynamik den Zeitgenossen unaufhaltsam erschien und aus der Tooze die Radikalität und den Handlungswillen entgegengesetzter Ordnungsentwürfe erklärt, die sich angesichts dieser Dynamik gleichsam unter höchstem Zeitdruck sahen: vom italienischen Faschismus über den Nationalsozialismus bis hin zum Stalinismus.

Die Perspektive des Buches ist die der internationalen politischen Ökonomie, und das wird den Entwicklungen der Zwischenkriegszeit und weit darüber hinaus gerecht. Dies macht das Buch nicht immer zur leichten Lektüre, und auch die Zeitsprünge und der permanente Wechsel der Schauplätze bilden eine Herausforderung für den Leser.

Aber für eine Geschichte der Zwischenkriegszeit, die global angelegt ist und das weitere 20. Jahrhundert im Blick hat, erweist sich diese Perspektive als außerordentlich fruchtbar und erhellend, weil sie die komplexe Interaktion von wirtschaftlicher Entwicklung und politischer Dynamik erfassen und analytisch aufschlüsseln kann.

Die alte Frage nach dem Versagen der "Friedensmacher" von 1919, die Generationen von Historikern um- und angetrieben hat, eine Frage, die sich aus den Debatten der Zwischenkriegszeit und den Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus und dem Zweiten Weltkrieg speiste, verliert vor diesem Horizont ihre erkenntnisleitende Bedeutung. Ihr analytisches Potenzial hatte sich ohnehin erschöpft.

Adam Toozes Buch stößt demgegenüber neue Tore auf. Es lässt die Entwicklung der internationalen Ordnung nach 1918 nicht als abgeschlossenes Kapitel der Vergangenheit erscheinen, sondern als Beitrag zur Entstehung einer Welt, in der wir noch heute leben.

© SZ vom 26.05.2015/gal/odg
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