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Zwischenkriegszeit:Wie die USA zur Weltmacht aufstiegen

Woodrow Wilson und Raymond Poincaré, 1918

Gewaltige Dynamik: Der amerikanische Präsident Woodrow Wilson (links) beim Parisbesuch 1918 mit dem französischen Präsidenten Raymond Poincaré

(Foto: Scherl/Süddeutsche Zeitung Photo)

Am Ende des Ersten Weltkriegs spülte die Sintflut aus Krieg und Revolution die von Europa dominierte Weltordnung hinweg. Der britische Historiker Adam Tooze zeigt, wie die USA global an Einfluss gewannen - und stößt damit Tore zu neuer Erkenntnis auf.

Gastbeitrag von Eckart Conze

Was der britische Historiker Adam Tooze in seinem jüngsten Buch über die Neuordnung der Welt am Ende des Ersten Weltkriegs schreibt, wird in Deutschland viel weniger Aufmerksamkeit finden als Christopher Clarks Opus magnum zum Kriegsbeginn 1914. Dabei ist seine Darstellung mindestens genauso wichtig.

Aber sie bedient nicht die Erwartungen, welche "Die Schlafwandler" gerade hierzulande geweckt haben und welche mit großer Sicherheit die unausweichlich nahende historische und politische Reflexion über das Kriegsende 1918, die Pariser Friedenskonferenz und den Versailler Vertrag bestimmen werden.

Denn wenn man sich Clarks Thesen zur kollektiven Verantwortung der europäischen Mächte für den Weltkrieg zu eigen macht, wenn man die Katastrophe von 1914 primär als Systemversagen erklärt, dann bleibt das nicht ohne Wirkung auf Wahrnehmung und Beurteilung der Friedensregelung von 1919, zu deren zentralen Säulen die im berüchtigten Artikel 231 des Versailler Vertrags festgeschriebene deutsche Kriegsschuld gehört.

Und schon sind wir dann wieder mitten in der alten, der sehr deutschen Debatte über die Kriegsschuld und, implizit oder explizit, über die Verantwortung der Alliierten für einen "falschen Frieden", der am Ende Hitler zur Macht verholfen und dadurch die Menschheit in einen zweiten Weltkrieg gestürzt habe. Dass eine solche germanozentrische Diskussion wirklich weiterführt, darf man bezweifeln.

Globaler Hegemonieanspruch der USA

Der an der Yale-Universität lehrende Tooze, dem vor einigen Jahren mit einer umfassenden Wirtschaftsgeschichte des Nationalsozialismus ("Ökonomie der Zerstörung") ein großer Wurf gelungen ist, untersucht die Entstehung und Entwicklung der internationalen Nachkriegsordnung aus einer ganz anderen Perspektive. Seine Geschichte ist global angelegt, und sie fragt insbesondere nach der Rolle der USA in den Dynamiken einer wahrhaft weltumspannenden Transformation.

Zum Gastautor

Eckart Conze lehrt Neuere Geschichte in Marburg und ist derzeit Gastprofessor an der Munk School of Global Affairs der Universität Toronto (Kanada).

Der Untersuchungszeitraum des Buches liegt in den Jahren 1916 bis 1931, doch Toozes Blick richtet sich weit über diesen Zeitabschnitt hinaus auf das "American Century", das in dieser formativen Phase Gestalt annahm: auf ein Jahrhundert, das geprägt wurde durch den ökonomisch fundierten und dann ideologisch aufgeladenen globalen Hegemonieanspruch der USA, der sich auf eine liberal-kapitalistische internationale Ordnung richtete, die nach 1945 in der westlichen Welt umfassend durchgesetzt wurde und deren transnationaler Geltungsanspruch die Politik der Vereinigten Staaten auch im beginnenden 21. Jahrhundert bestimmt.

Dass die USA 1916, mitten im Ersten Weltkrieg, im Jahr der grauenhaften Schlachten bei Verdun und an der Somme, das britische Empire als größte Volkswirtschaft der Welt ablösten, war weit mehr als nur eine ökonomische Entwicklung. Die Geschichte des amerikanischen Aufstiegs zu einer globalen Machtposition ist schon oft erzählt worden.

Gerade mit Blick auf den Ersten Weltkrieg wurde sie verknüpft mit der Geschichte des Sieges der westlichen Alliierten über das kaiserliche Deutschland und seine Verbündeten, aber auch mit der Geschichte der idealistischen Visionen des amerikanischen Präsidenten Wilson von einer friedlichen Weltordnung demokratisch selbstbestimmter Staaten.

"Frieden ohne Sieg" - dank den USA

In erfrischender Weise stellt Adam Tooze diese etablierten Deutungen infrage. Die amerikanische Kriegserklärung an das Deutsche Reich 1917 wird nicht aus dem Gegensatz von Demokratie und Autokratie erklärt; ihr wird keine Zwangsläufigkeit unterlegt. Eher war aus der Sicht der Washingtoner Regierung nach der törichten Wiederaufnahme des uneingeschränkten U-Boot-Kriegs durch die von der Militärführung beherrschte deutsche Reichsleitung der amerikanische Kriegseintritt nicht mehr zu vermeiden.

Aber als Woodrow Wilson im Präsidentschaftswahlkampf 1916 damit warb, die USA aus dem Krieg herausgehalten zu haben, zielte das nicht nur auf Wählerstimmen, sondern spiegelte auch das enorme Selbstbewusstsein einer Nation und ihrer politischen Elite.

Wilson wollte in dem Ringen der Europäer nicht Partei ergreifen; die USA sollten vielmehr, so sah es der Präsident, in dem Konflikt zwischen den alten Mächten Europas, gefangen in ihren imperialistischen Traditionen und Ambitionen, kraftvoll vermitteln. Das war gemeint, wenn Wilson von "Peace without Victory" sprach, von einem - amerikanisch initiierten, von den USA durchgesetzten und kontrollierten - Frieden ohne Sieg.

In London und Paris lösten derartige Perspektiven Entsetzen aus, und man war dort geradezu dankbar, dass die deutsche Führung in ihrer Fixierung auf einen "Siegfrieden" den USA eine Absage erteilte.

Hin zur Welt, in der wir heute leben

War Woodrow Wilson, wie wir es alle zu wissen glauben, der Vertreter eines naiven politischen Idealismus, der angesichts der Realitäten europäischer Machtpolitik nur scheitern konnte? Die simple Gegenüberstellung von Idealismus und Realismus, so argumentiert Tooze, führe bei Wilson nicht weiter, sie verdecke seinen Machtwillen, seine hegemoniale Ambition.

Der amerikanische Präsident, der 1918 nach Europa reiste, um der entstehenden Friedensordnung nicht zuletzt durch die Errichtung eines "Völkerbunds" seinen Stempel aufzudrücken, war sich des ökonomisch begründeten Machtpotenzials der USA klar bewusst.

Aber noch zögerte die aufsteigende Weltmacht. Der Kongress, in dem Wilsons Gegner seit Ende 1918 eine Mehrheit hatten, verweigerte nicht nur die Ratifizierung des Versailler Vertrags, sondern lehnte damit auch einen amerikanischen Beitritt zum Völkerbund ab.

Sintflut von Krieg und Revolution

Doch überall auf der Welt wurde das ökonomische, politische und auch militärische Gewicht der USA wahrgenommen; es wurde zum archimedischen Punkt der Nachkriegsordnung und es beeinflusste innen- und außenpolitische Entwicklungen überall auf dem Globus: Das zeigt Tooze in einer Reihe von Kapiteln, die von Japan, China und Indien, vom Nahen und Mittleren Osten sowie von Lateinamerika handeln. Die europäisch-atlantische Perspektive wird darin aufgebrochen und relativiert.

Das folgt nicht einfach den modischen Tendenzen eines historiografischen Globalismus, sondern es verschränkt globalgeschichtliche und außenpolitikhistorische Perspektiven mit der Untersuchung von Wirkung und Wahrnehmung der USA als "Global Player" im Zentrum.

Vor Fabrikarbeitern und Gewerkschaftern sprach der britische Munitionsminister David Lloyd George an Weihnachten 1915 von der grundstürzenden Kraft des gegenwärtigen Krieges, der die Welt völlig umgestalten werde. Der Krieg sei eine Sintflut und werde beispiellose Veränderungen im gesellschaftlichen und industriellen Gefüge mit sich bringen.

Aus Adam Toozes Sicht, der der Rede des späteren Premierministers den Titel seines Buches entnimmt: "Sintflut", wurde die alte Ordnung Europas und einer von Europa beherrschten Welt von der gewaltigen Sintflut von Krieg und Revolution hinweggespült. Ein Zurück gab es nicht mehr.

Frage nach Versagen der "Friedensmacher" verliert an Bedeutung

Stattdessen gelangte nun eine neue, eine globale Ordnung technisch-industrieller Modernität zum Durchbruch, demonstriert, getragen und vertreten von den USA, deren gewaltige Dynamik den Zeitgenossen unaufhaltsam erschien und aus der Tooze die Radikalität und den Handlungswillen entgegengesetzter Ordnungsentwürfe erklärt, die sich angesichts dieser Dynamik gleichsam unter höchstem Zeitdruck sahen: vom italienischen Faschismus über den Nationalsozialismus bis hin zum Stalinismus.

Die Perspektive des Buches ist die der internationalen politischen Ökonomie, und das wird den Entwicklungen der Zwischenkriegszeit und weit darüber hinaus gerecht. Dies macht das Buch nicht immer zur leichten Lektüre, und auch die Zeitsprünge und der permanente Wechsel der Schauplätze bilden eine Herausforderung für den Leser.

Aber für eine Geschichte der Zwischenkriegszeit, die global angelegt ist und das weitere 20. Jahrhundert im Blick hat, erweist sich diese Perspektive als außerordentlich fruchtbar und erhellend, weil sie die komplexe Interaktion von wirtschaftlicher Entwicklung und politischer Dynamik erfassen und analytisch aufschlüsseln kann.

Die alte Frage nach dem Versagen der "Friedensmacher" von 1919, die Generationen von Historikern um- und angetrieben hat, eine Frage, die sich aus den Debatten der Zwischenkriegszeit und den Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus und dem Zweiten Weltkrieg speiste, verliert vor diesem Horizont ihre erkenntnisleitende Bedeutung. Ihr analytisches Potenzial hatte sich ohnehin erschöpft.

Adam Toozes Buch stößt demgegenüber neue Tore auf. Es lässt die Entwicklung der internationalen Ordnung nach 1918 nicht als abgeschlossenes Kapitel der Vergangenheit erscheinen, sondern als Beitrag zur Entstehung einer Welt, in der wir noch heute leben.

© SZ vom 26.05.2015/gal/odg
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