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Weltkulturerbe:Last am goldenen Faden Gottes

Die Hagia Sophia ist ein Bau von weltgeschichtlicher Bedeutung. Das macht den Umgang mit ihr nicht leicht.

Von Tomas Avenarius

"In unaussprechlicher Schönheit bietet sie sich dar. Denn Glanz und Harmonie der Maße schmücken sie, kein Zuviel und kein Zuwenig ist an ihr festzuhalten, da sie prunkvoller als das Gewohnte und zuchtvoller als das Maßlose ist ..."

Prokopios, byzantinischer Historiker

Sie galt als das achte Weltwunder, war fast 1000 Jahre lang die größte Kirche der Christenheit. Als Krönungskirche der byzantinischen Kaiser und Sitz des ökumenischen Patriarchats von Konstantinopel symbolisierte die Hagia Sophia, die Kirche der "Göttlichen Weisheit", die religiöse, politische und kulturelle Macht Konstantinopels, des "Zweiten Rom". Nach der Eroberung der Stadt durch die Osmanen wurde aus der Kirche für knapp 500 Jahre eine Moschee. Atatürk, Gründer der türkischen Republik, verwandelte sie in ein Museum. Präsident Erdoğan hat dies nun rückgängig gemacht: Seit Freitag beten wieder Muslime in der Hagia Sophia.

Neben ihrer Bedeutung als Gotteshaus ist die Hagia Sophia ein Meilenstein der Architekturgeschichte: Der Kuppelbau aus dem 6. Jahrhundert wurde zum Maßstab der Moscheearchitektur der Osmanen. In Istanbul, wo einige der schönsten Gebetshäuser des Meisterarchitekten Sinan stehen, lässt sich dies mit dem Auge ablesen. Selbst die Çamlıca-Moschee, die Präsident Erdoğan 2019 hat erbauen lassen, folgt dem Vorbild der Hagia Sophia.

537 n. Chr. Nach knapp sechsjähriger Bauzeit wird in Konstantinopel die Kirche der "Göttlichen Weisheit" eingeweiht. Der byzantinische Kaiser Justinian will den Tempel des biblischen Königs Salomon mit seinem Bauwerk in den Schatten stellen. Bei der Weihe der Kirche soll er überwältigt ausgerufen haben: "Salomon, ich habe dich übertroffen!"

Colour lithograph of the Madrasah courtyard and exterior of Ayasofya Mosque formerly the Church of

Die Hagia Sophia, Krönungskirche der byzantinischen Kaiser, galt als das achte Weltwunder und war fast 1000 Jahre lang die größte Kirche der Christenheit. Lithografie aus dem 19. Jahrhundert.

(Foto: imago/United Archives International)

Kennzeichen des gewaltigen Baus ist die Zentralkuppel. Erstmals wird ein System aus sich gegenseitig tragenden und stützenden Säulen und Halbkuppeln verwendet, welche die Last der Wölbung in Stufen ableiten. Die Kuppel selbst scheint bei all dem schwerelos über dem Innenraum zu schweben. Bei einem Erdbeben 557 stürzte die Kuppel ein, die wieder aufgebaute Kuppel ist bis heute zu sehen: Sie hängt, wie Besucher und Fachleute sagen, in ihrer Leichtigkeit "am goldenen Faden Gottes".

1453 Nach wochenlanger Belagerung erobert Sultan Mehmed II. am 29. Mai Konstantinopel. Es ist das Ende des byzantinischen Reichs, der letzte Kaiser fällt an der Stadtmauer, das Osmanen-Reich wird zur Weltmacht. Der siegreiche Herrscher, bekannt als "Mehmed, der Eroberer", reitet nach dem Fall der Stadt zur Hagia Sophia, betet, erklärt die Kirche zur Moschee und baut ein Minarett. Spätere Herrscher errichten drei weitere Minarette.

Die Kirche, die der Osmanen-Sultan vorfindet, zeigt nicht mehr den alles überwältigenden Glanz, für den sie viele Jahrhunderte lang gerühmt worden war. Ein Heer venezianischer Kreuzritter, das vor Konstantinopel Station machte auf dem Weg ins Heilige Land, hatte seine orthodoxen Bundesgenossen 1204 angegriffen und die Kirche geplündert.

Mit ihren byzantinischen Mosaiken zählt die Hagia Sophia zum Unesco-Weltkulturerbe.

(Foto: imago stock&people)

1923 Nachdem das Osmanische Reich den Ersten Weltkrieg an der Seite Deutschlands und Österreichs verloren hatte, wird das Sultanat 1922 abgeschafft, der letzte Sultan geht ins Exil. Die Siegermächte zerstückeln das noch immer riesige Imperium, die Hauptstadt Istanbul wird besetzt. Der für sein strategisches Vermögen bekannte Weltkriegsoffizier Mustafa Kemal Pascha, der sich später als Atatürk zum "Vater der Türken erklärt, führt von 1919 an seinen "Befreiungskrieg". Nach dem Sieg gründet er im verbliebenen Rumpfstaat 1923 die moderne türkische Republik mit der Hauptstadt Ankara als ein laizistisches Staatswesen. Das Kalifat - der Sultan war zugleich Führer der Gläubigen - wird 1924 aufgelöst.

1934 Atatürk wandelt die Hagia Sophia als Symbol des Osmanen-Reichs per Kabinettsbeschluss in ein Museum um. Das Motiv des überzeugten Laizisten ist unklar: Der historisch interessierte Atatürk dürfte den kunstgeschichtlichen Wert der Kirche gesehen haben. Er wird aber auch die für ihn reizvolle Möglichkeit genutzt haben, mit der Sultansmoschee einen der letzten Überreste des Osmanentums in seiner Republik zu beseitigen.

2020 Das oberste Verwaltungsgericht entscheidet nach der Klage eines Islamisten, dass die Hagia Sophia trotz ihrer Umwandlung in ein Museum bis heute der Stiftung von Sultan Mehmed II. gehört und somit rechtlich Moschee geblieben ist. Es gelte das Vermächtnis von Mehmed II. zu achten, Atatürks Entscheidung sei unwirksam. Dies ist juristisch seltsam, da das osmanische Recht längst nicht mehr gilt. Die Richter argumentierten weiter, Atatürk als Herrscher habe das Museum gegründet, daher stehe es der heutigen Regierung frei, sich für die Moschee zu entscheiden. Erdoğan hat dies getan: Er nahm am 24. Juli am Freitagsgebet in der Hagia Sophia teil.

© SZ vom 25.07.2020

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