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Weltkriegs-Gedenken und Ukraine-Krise:"Gauck verglich Putin durch die Blume mit Hitler"

Joachim von Ribbentrop, Neville Chamberlain, Adolf Hitler in Berchtesgaden, 1938

Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop (li.), der britische Premierminister Neville Chamberlain (Mitte) und Nazi-Diktator Adolf Hitler im Gespräch während eines Besuchs des britischen Regierungschefs auf Hitlers Berghof am 15. September 1938. Wenige Tage später fand die Münchner Konferenz statt.

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

Jochen Hellbeck, geboren 1966, Osteuropahistoriker und Professor an der Rutgers University in New Jersey

Politiker haben immer wieder die Geschichte bemüht, mit wechselndem Erfolg. Zu ihnen gehörte auch Neville Chamberlain, der vielgescholtene Architekt des Münchner Abkommens von 1938. Chamberlain rechtfertigte das Abkommen mit den Lehren des Ersten Weltkriegs: Eine Einigung mit Hitler sei nötig, um einen noch schlimmeren Krieg zu verhindern. Es kam dann alles anders. Nun verweist Bundespräsident Gauck auf das Scheitern von Appeasement, um umgekehrt für eine Politik der Stärke zu werben. Kann sie den Frieden erhalten? Wir werden es erst hinterher wissen.

Erhellend sind die Äußerungen des Bundespräsidenten dennoch, weil sie zeigen, welches Geschichtsbild ihn bewegt. Joachim Gauck nutzte das Gedenken an den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, um in Polen stehend ein "gemeinsames Europa" zu beschwören - jedoch ohne Russland, dessen Präsidenten Wladimir Putin Gauck durch die Blume mit Adolf Hitler verglich. Das ist alarmierend.

Wenn die Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert überhaupt eine Erkenntnis für die heutige Zeit birgt, dann jene, dass eingedenk der von Deutschen in Osteuropa angerichteten Verwüstungen politische Vertreter unseres Landes sich dort mit besonderem Nachdruck für Frieden und Ausgleich bemühen müssen. Das gilt für Russland nicht weniger als für Polen und die Ukraine. Der deutsche Angriff auf Polen führte nahtlos zum Krieg gegen die Sowjetunion und gipfelte in unvorstellbarem Massenmord. Gauck verlor hierüber kein Wort.

Historische Empfindlichkeiten aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs sind ursächlich am heutigen Ukraine-Konflikt beteiligt. Man muss nur zuhören, wie sich ukrainische Nationalisten einerseits und Separatisten und die russische Führung andererseits wechselseitig "Okkupanten" und "Faschisten" schimpfen. Mit seiner Haltung zu Russland verweigert sich Gauck nicht nur dem Dialog, den zu führen seine vordringliche Aufgabe wäre; er gießt zudem noch weiteres Öl ins Feuer.

Andreas Wirsching, geboren 1959, ist Direktor des Münchner Instituts für Zeitgeschichte und Professor für Neueste Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität in München

Geschichte ist unwiederholbar. Die Einzigartigkeit jeder historischen Konstellation verbietet es, einfache Parallelen abzuleiten. Insofern zeigt auch die Krise in der Ukraine, dass historische Erfahrung keine politische Entscheidung ersetzen kann. Das Anschauungsmaterial der Geschichte erlaubt keine Handlungsanweisung für die Gegenwart.

Aber natürlich gibt es Ähnlichkeiten. So verfängt sich Putin offenkundig in einem selbst gesponnenen, semantisch-ideologischen Netz, an dem zunehmend unkontrollierbare Kräfte ziehen. Es besteht aus Verletztheit und nationalistischer Rhetorik, irredentistischen Ansprüchen und Freund-Feind-Denken, Halbwahrheiten und glatter Lüge.

Die Geschichte lehrt leider, dass eine solche Rhetorik meist beim Wort genommen werden will, soll sie nicht am Ende denjenigen, der sie anwendet, selbst delegitimieren. Historische Beispiele verweisen keineswegs nur auf Hitler und Mussolini, sondern wohl mehr noch auf jüngere Erfahrungen wie etwa in Jugoslawien. Aber Russland ist nicht Serbien und Putin kein Milošević, der am Ende militärisch kalkulierbar zum Schweigen gebracht werden könnte.

Europa und die USA werden daher alles daran setzen müssen, neben der unzweifelhaft erforderlichen Härte auch nach Exit-Strategien zu fahnden. Sie müssen russische Interessen mit einbeziehen und es Putin ermöglichen, die Situation ohne Gesichtsverlust zu deeskalieren. Ihm muss klarwerden, dass es das eigene Interesse gebietet, das gesponnene Netz zu zerreißen: um damit die internationale Isolation zu überwinden und Russland wieder zu einem ebenso einflussreichen wie geachteten Partner zu machen.

Ex-Botschafter Avi Primor

Israels Botschafter in Bonn und Berlin zwischen 1993 und 1999: Avi Primor. Diese Aufnahme entstand in Tel Aviv.

(Foto: dpa)

Avraham "Avi" Primor, Jahrgang 1935, übte mehrere Tätigkeiten im diplomatischen Dienst Israels aus, auch als Botschafter in Deutschland. Er ist amtierender Präsident des Israel Council on Foreign Relations. Primor gründete das trilaterale Zentrum für Europäische Studien an der Privatuniversität Interdisciplinary Center (IDC) Herzliya, das inzwischen an die Universität Tel Aviv gekoppelt ist.

"Die Geschichte wiederholt sich nicht, und wenn dann nur als Farce," sagte Karl Marx. Das bedeutet jedoch nicht, dass man aus der Geschichte nicht lernen kann oder soll. Man kann auch ohne Geschichtskenntnisse überleben, aber nur so, wie man auch als Analphabet überleben kann.

Die Geschichte ist jedoch kein Lehrbuch und sollte nur als Rohstoff verstanden werden. Man sollte nicht automatisch ablehnen, was in der Geschichte falschlief und man sollte nicht automatisch kopieren, was in der Geschichte gelang. Tatsache ist, dass jeder auf die Geschichte blickt, aber nicht jeder die gleichen Schlussfolgerungen daraus zieht.

Im Krieg sieht man immer wieder, wie der Sieger sich auf seinem Sieg ausruht und seine Aktionen davon bestätigt sieht, während der Verlierer seine Aktionen anpassen will, um es das nächste Mal besser zu machen. Das haben wir überall erlebt, auch in Israel. Israel tappte 1973 in die ägyptische Falle, weil es sich auf die Erinnerung an seinen Sieg 1967 verließ, während die Ägypter gerade wegen ihrer Niederlage ihre Taktik geändert hatten. Auch in den Kriegen zwischen Israel und der Hamas wiederholt sich dies.

Aus jedem Krieg, in dem Israel sich als Sieger betrachtet, zieht die Hamas Lehren und entwickelt neue Methoden, die Israel im nächsten Krieg schmerzlich überraschen. In Europa der dreißiger Jahre wollten alle eine Lehre aus 1914, als sie widerwillig in einen Weltkrieg gerutscht waren, ziehen.

Die Lehre sollte lauten, den anderen besser zu verstehen, ihm womöglich auch nachzugeben. Das Ergebnis aber war die Appeasementpolitik, die die Aggressoren in Japan, in Italien und in Deutschland nicht beschwichtigte, sondern eher in ihren Plänen ermutigte.

Fazit: Man muss die Lehren aus der Vergangenheit den neuen Umständen anpassen. So wie in jedem Bereich, auch im Privaten, sind die Lehren aus Erfahrungen unentbehrlich, man muss sie aber angesichts der rasanten Entwicklung der Lebensrealitäten immer wieder in Frage stellen.

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