Weltkriegs-Aufarbeitung in Serbien und Kroatien:Es geht nicht voran

Serbische Infanterie nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs, 1914

Sommer 1914: Serbische Infanteriesoldaten marschieren nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs an die Grenze zu Österreich-Ungarn.

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

Wenn ein serbien-kritischer Historiker zum Verteidiger serbischer Unschuld gemacht wird: Belgrad und Zagreb tun sich mit der Erinnerung an die beiden Weltkriege immer noch schwer.

Von Florian Hassel

Das "Kaiserquartett" von Joseph Haydn ist kein Werk, das dafür bekannt ist, politische Emotionen zu wecken. Auch die 7. Symphonie von Franz Schubert ist in diesem Zusammenhang unverdächtig. Und doch wird, wenn die Wiener Philharmoniker am Samstag - dem 100. Jahrestag der Ermordung des österreichischen Erzherzogs Franz Ferdinand und seiner Frau Sophie - in Sarajevo ein Konzert geben, kein einziger Gast aus Belgrad dabei sein.

Serbiens Präsident Tomislav Nikolić, Ministerpräsident Aleksandar Vučić und andere Offizielle boykottieren das Konzert ebenso wie den Rest des sich über mehrere Wochen erstreckenden Gedenkprogramms in Sarajevo.

Der Erzherzog, Thronfolger des Kaiserreiches Österreich-Ungarn, wurde vom bosnischen Serben Gavrilo Princip erschossen - ein Mord, der den Ersten Weltkrieg auslöste. Beim Konzert der Wiener Philharmoniker fehlt vordergründig jeder Bezug zur Gewalttat Princips - doch nicht zu einer anderen Terrortat.

Denn das Konzert findet in der "Vijećnica" statt, dem im pseudomaurischen Stil erbauten, 1896 eröffneten Wahrzeichen von Sarajevo, das seinen Einwohnern erst als Rathaus und nach dem Ersten Weltkrieg als National- und Universitätsbibliothek diente.

1992 schossen die bosnischen Serben unter Radovan Karadžić und General Ratko Mladić die Vijećnica und andere kulturelle Schlüsselstätten im bis dahin multikulturellen Sarajevo in Brand, um die Erinnerung an eine gemeinsame Vergangenheit zu zerstören und eine gemeinsame Zukunft ummöglich zu machen.

Jahrelang mahnte die ausgebrannte Hülle der Vijećnica an den Krieg, bis sie in den vergangenen Jahren mit etlichen Millionen Euro der Europäischen Union und Österreichs wieder aufgebaut wurde. Offiziell bereits am 9. Mai wiedereröffnet, ist das Konzert der Philharmoniker gleichsam die Rückkehr der Vijećnica aufs internationale Parkett.

Der Mythos, immer Opfer der Zeitläufe gewesen zu sein

Neben dem Eingang hängt eine kleine Gedenktafel aus weißem Marmor: "An diesem Ort steckten serbische Verbrecher in der Nacht vom 25. auf den 26. August 1992 die National- und Universitätsbibliothek von Bosnien und Herzegowina in Brand.

In den Flammen verschwanden mehr als zwei Millionen Bücher, Handschriften und Dokumente. Vergesst nicht und erinnert Euch!" Zumindest vordergründig brachte dieser Text die Führung Serbiens dazu, das Gedenkkonzert zu boykottieren.

A worker smokes a cigarette in front of a mosaic with image of Gavrilo Princip, in Andricgrad village near Visegrad

Ein Mosaik des Thronfolger-Mörders Gavrilo Princip in Andricgrad, wo die Führung Serbiens den Jahrestag des Attentats begehen wird.

(Foto: Djordje Kojadinovic/Reuters)

"Ich kann nicht vor einer Tafel stehen, wo von einem serbischen faschistischen Aggressor gesprochen wird", nahm es Serbiens oft populistisch auftretender Regierungschef bei seiner Absage mit der Wahrheit nicht sehr genau - schließlich ist von Faschismus nirgendwo die Rede. Wahrscheinlicher ist, dass Serbiens Führung nur nach einem Vorwand suchte, um nicht nach Sarajevo fahren zu müssen.

Das junge Königreich Serbien war vor dem 1. Weltkrieg nur eines der jungen Balkanländer, die ihre Macht und Territorium gegen das kriselnde Osmanische Reich oder das Kaiserreich Österreich-Ungarn auch mit Gewalt erweitern wollten.

Systematisches Ausblenden

Dragutin Dimitrijevic, der mächtige Chef des serbischen Militärgeheimdienstes, ließ 1914 Gavrilo Princip und andere junge Männer anwerben und in Belgrad ausbilden und bewaffnen, um in Sarajevo mit Erzherzog Franz Ferdinand eben den Mann zu ermorden, der als Kaiser Österreich-Ungarn reformieren und mehr Autonomie für einzelne Regionen einführen wollte - indirekt eine Gefahr für Serbiens Plan, die eigene Expansion mit der angeblich umfassenden Unterdrückung im Habsburger Reich zu rechtfertigen. Serbiens Premierminister Nikola Pasic teilte generell die Ideologie der Expansion und kannte den Mordplan, möglicherweise sogar im Detail.

In Serbien indes werden solche Details systematisch ausgeblendet. Historische Ereignisse und ihre Erinnerung dienen beim EU-Kandidaten Serbien immer noch nationaler Sinnstiftung, nicht dem - oft schmerzhaftem - Erkenntnisgewinn.

Das gilt für die jüngste Vergangenheit der jugoslawischen Nachfolgekriege, es gilt aber auch für den immerhin schon ein Jahrhundert zurückliegenden Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Princip und seine Mitverschwörer am 28. Juni 1914 gelten als Helden, die auf den Erzherzog abgefeuerten Schüsse waren "Kugeln für die Freiheit", so der für das serbische Gedenken am 28. Juni zuständige Filmregisseur Emir Kusturica.

Sich der historischen Realität des damaligen serbischen Expansionsprogramms oder des Princip-Attentats zu stellen, würde Serbiens Gründungsmythos widerlegen, allzeit Opfer der Geschichte gewesen zu sein. Gewiss: Mit einer solchen Haltung ist Serbien nicht allein. Auch Kroatien unternimmt bis heute wenig, sich den dunklen Seiten seiner Geschichte - etwa dem Morden unter dem faschistischen Ustascha-Regime - zu stellen.

Serben sind in Bosnien-Herzegowina nicht nur in der Republik Srpska an der Macht, sondern auch am Staatspräsidium von Bosnien-Herzegowina beteiligt, sowie in Parlament und Regierung. Nationale Einrichtungen wie das Nationalmuseum oder die Nationalbibliothek werden von den bosnischen Serben nach Kräften sabotiert. Auch das Gedenkprogramm fiel so weitgehend unpolitisch aus: etwa mit Kunstausstellungen und Performances, dem Radsportfestival Sarajevo Grand Prix oder Jugendtreffen oder Kurzfilmpremieren.

Mit Spannung erwartet wird immerhin die Weltpremiere des Stücks "Hotel Europa" am Freitagabend im Nationaltheater von Sarajevo - sein Autor Bernard-Henry Lévy gehörte im Bosnienkrieg zu den Befürwortern einer Intervention Europas.

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