COP26:"Zeit für den Notfallmodus"

Lesezeit: 3 min

Zum UN-Klimagipfel COP26 - Kohle in Indien

Ein Kohletagebau in Indien: Das Land war beteiligt daran, die Abschlusserklärung von Glasgow abzuschwächen.

(Foto: Altaf Qadri/dpa)

Bei der Klimakonferenz von Glasgow besiegeln die Staaten das weltweite Ende der Kohle - jedenfalls ein bisschen. Eine deutlichere Ansage vereiteln Indien und China.

Von Michael Bauchmüller, Glasgow

Es sind am Ende auch die Kinder, die der Klimakonferenz den letzten Druck geben. Der Delegierte aus Tuvalu etwa hält sein Smartphone hoch, es zeigt ein Foto seiner drei Enkelkinder. "Jeden Abend, wenn ich nach Hause komme, schaue ich dieses Foto an", sagt er. "Und ich frage mich, was ich ihnen sagen soll." Die türkische Delegierte meldet sich zu Wort, sie sagt: "Ich schulde meinen drei Jungs den Erfolg." So geht es zu in den letzten Stunden der Klimakonferenz von Glasgow. Und am Ende wird sie ihr Paket beschließen, den "Glasgower Klimapakt". Wenn auch mit einer kleinen Abschwächung.

Denn in den letzten Stunden - einen Tag nach dem regulär geplanten Ende der Weltklimakonferenz - stritten die Staaten vor allem über den Ausstieg aus der Kohle. Der ursprüngliche Entwurf hatte mehr Anstrengungen in diese Richtung verlangt, aber Indien - und dann auch China - ging das zu weit. So wurde aus dem Ausstieg aus der Kohle ihr langsames "Herunterfahren", aus einem "phase-out" ein "phase-down". Für viele Staaten eine Enttäuschung - aber dennoch benennt damit die Staatengemeinschaft erstmals den größten Übeltäter persönlich: die Kohle. "Ein historischer Moment" sei das, sagte die geschäftsführende Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD). "Es ist jetzt klar, dass wir aus der Kohle aussteigen."

An Deutlichkeit fehlt es in der Schlusserklärung nicht, jedenfalls was die Problembeschreibung angeht. So drücken die Staaten ihre Sorge aus, dass die Erde sich seit Beginn der Industrialisierung bereits um 1,1 Grad Celsius erwärmt hat. "Rasche, tiefe und nachhaltige" Schritte seien nötig, um die Erwärmung auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen. Dazu müssten die Emissionen bis 2030 um 45 Prozent unter den Wert von 2010 sinken. Bis zur nächsten Weltklimakonferenz, die im kommenden Jahr im ägyptischen Badeort Scharm el-Scheich stattfinden soll, sollen Staaten "wo nötig" nun nachgebesserte Klimapläne vorlegen. Nach Auffassung von Experten haben bislang nur eine wenige Staaten Klimaziele vorgelegt, die die Erwärmung des Planeten tatsächlich bei 1,5 Grad stoppen könnten. Die Staaten werden aufgefordert, auf saubere Energien umzusteigen und "ineffiziente" Subventionen für fossile Energien abzuschaffen. Auch den Kampf gegen klimaschädliche Gase wie Methan sollen die Staaten stärker in Betracht ziehen.

Langer Streit zwischen den Verursachern und den Leidtragenden des Klimawandels

Die Beschlüsse seien ein Kompromiss, sagte UN-Generalsekretär António Guterres. "Sie spiegeln die Interessen, die Bedingungen, die Widersprüche - und den Zustand des politischen Willens in der Welt." Leider aber reiche der kollektive Wille nicht aus, um einige tiefe Widersprüche zu überwinden. "Es ist Zeit für den Notfallmodus", sagte Guterres.

Zuvor hatten die Staaten lange über den Ausgleich zwischen Verursachern und Leidtragenden des Klimawandels gestritten. Ärmere Länder und Inselstaaten verlangten verbindliche Zusagen etwa zu Finanzhilfen, um die Folgen des Klimawandels abzufedern. Die Mittel dafür sollen nun bis 2025 verdoppelt werden. Was die Zusage betrifft, von 2025 an mehr als 100 Milliarden Dollar jährlich an Klimahilfen für Entwicklungsländer aufzubringen, blieben die Industriestaaten hingegen vage.

Gerade Entwicklungsländer sind hart vom Klimawandel getroffen. Wie sich aber konkrete Schäden und Verluste ausgleichen lassen, darüber liegen sie mit den Industrieländern seit Jahren im Streit. Dieser Konflikt überschattete auch die letzten Stunden der Konferenz. Doch auf einen Mechanismus, wie die Staaten damit umgehen, konnten sie sich nicht einigen. "Was das angeht, sind diese Verhandlungen weitgehend gescheitert", sagt Christoph Bals, der für die Umweltorganisation Germanwatch den Gipfel verfolgte. "Das wurde nur wieder auf weitere Konferenzen vertagt, ohne dass die Betroffenen auf konkrete Hilfe hoffen können."

Andere offene Punkte konnten die knapp 200 Staaten lösen. So einigten sie sich auf die Leitplanken eines neuen Klimaschutz-Marktes. Er soll es Staaten erlauben, enger zu kooperieren - indem etwa Land A für Projekte in Land B zahlt, und sich dafür Emissionsrechte gutschreiben lassen kann. Auch dies war einer der großen Streitpunkte. Der Mechanismus kann, wenn man ihn schlecht gestaltet, dem Missbrauch Tür und Tor öffnen. Wesentliche Schlupflöcher wurden jedoch geschlossen, etwa die Anrechnung von Wäldern, oder eine Doppelzählung von Minderungen in Land A und B. Die letzten Details soll allerdings erst die Klimakonferenz im kommenden Jahr klären.

Freiwillige Initiativen zum gemeinsamen Umbau treten in den Vordergrund

Auch die Regeln für die Meldung von Minderungen stehen nun, damit sich überhaupt nachvollziehen lässt, was die Staaten tatsächlich erreicht haben; und eine Reihe weiterer Details. Damit ist das Betriebssystem des Pariser Klimaabkommens fertig. Nun muss es nur noch funktionieren, sprich: In einem ständigen Wechselspiel von nationalen Zusagen und der Kontrolle ihrer Wirksamkeit die Emissionen senken - bis, so hält es auch die Vereinbarung von Glasgow fest, die Welt ungefähr zur Mitte des Jahrhunderts nicht mehr Emissionen verursacht, als sich der Atmosphäre wieder entziehen lassen.

Umso mehr treten damit freiwillige Initiativen in den Vordergrund, mit denen Staaten gemeinsam den Umbau vorantreiben. Und solche Vereinbarungen hat Glasgow reichlich gesehen, etwa zur Minderung der Methan-Emissionen, zum Ausstieg aus der Kohle, zum Ende der Finanzierung ausländischer fossiler Projekte, zum Kampf gegen die Entwaldung. Lauter wichtige Signale seien das, dass sich das Zeitalter der fossilen Energie dem Ende zuneigt, sagt Jan Kowalzig von der Entwicklungsorganisation Oxfam. "Sie dürfen aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir die Klimakrise nur in den Griff bekommen, wenn die Regierungen solche Initiativen auch in eine Verschärfung ihrer Klimaschutzziele übersetzen."

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