Weizsäcker wird 90 Er hat den Menschen aus der Seele gesprochen

In der berühmten "Stuttgarter Erklärung" vom 19. Oktober 1945 hatte die evangelische Kirche bekannt: "Wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben."

Bescheiden-versachlicht, dies war der Tonfall, den Weizsäcker in der Kammer für öffentliche Verantwortung und dann als Präsident des Kirchentages und Mitglied der Synode der EKD erlernte. Bei der evangelischen Kirche fand er die Worte, über die deutsche Schuld und indirekt seinen Vater zu reden - und damit alle Menschen anzusprechen. Das kam ihm als CDU-Politiker zustatten. Richard von Weizsäckers Lebensbildung für das Amt des Bundespräsidenten war Mitte der sechziger Jahre abgeschlossen.

Mit grandioser Mehrheit zum Bundespräsidenten gewählt

So wie Predigten dazu da sind, den Menschen nahezubringen, was sie doch selbst schon fühlen und wissen sollten, war auch Weizsäckers Rede 1985 zum 40. Jahrestag des Kriegsendes angelegt: Ja, die Deutschen hatten im Krieg gelitten. Aber vor allem hatte Deutschland Unglück und Tod über Millionen gebracht.

1984 war er mit grandioser Mehrheit zum Bundespräsidenten gewählt worden. Mochten auch manche Deutsche seine Rede von 1985 für die Weisheit der Binse halten, war sie doch perfekt. Weizsäcker wusste selbst, dass er nichts "Neues" gesagt hatte, stolz war und ist er vor allem auf die gute Resonanz im Ausland.

Als Bundespräsident und Präsident a. D. hat er vielen Menschen aus der Seele gesprochen. Auch im Gedenken an die Geschichte seines Vaters hat er nicht den Stab über andere gebrochen, die sich während des Weltkriegs in politisch bedrängter Lage befanden.

Kohls Versprechen fand er verheerend

Weizsäcker hat Herbert Wehner zum Beispiel, der auf der Flucht vor den Nazis im Gewahrsam Stalins gewesen war, in seinen Erinnerungen als einen "dünnhäutigen, um seiner schwer durchschaubaren Vergangenheit willen lebenslang verletzlichen Mann" charakterisiert. Dass Weizsäcker den sozialdemokratischen Bundestagspolterer Wehner so wahrnahm, zeugt von seiner eigenen Sensibilität.

Nach dem Fall der Mauer war Weizsäcker in Sorge: Verheerend fand er Kohls falsche Versprechung, die Vereinigung werde die Westdeutschen nichts kosten. "Kein Weg führt an der Erkenntnis vorbei: sich zu vereinen heißt teilen lernen", sagte er damals.

Viel Anklang fand seine Kritik an der deutschen Parteiendemokratie: Er warnte vor der Gepflogenheit, "die mit der Kraft eines Unkrauts herangewachsen ist, nämlich sich schon beinahe von der zehnten Schulklasse an die Politik zum Lebensberuf zu wählen, und zwar auf den Himmelsleitern der Parteien".

Friedrich II als Vorbild

Was die Außenpolitik angeht, sein eigentliches Feld, hat Weizsäcker sowohl Ronald Reagan als auch George W. Bush mit Skepsis betrachtet: Wer meint, er könne die Welt sauber in Gute und Böse einteilen, ist ihm suspekt. Selbstgerechtigkeit ist die Eigenschaft, die ihm bei Personen des öffentlichen Lebens am allerwenigsten gefällt.

Seinem demokratischen Selbstverständnis zum Trotz denkt der Politiker Weizsäcker durchaus elitär. Anders als der sozialdemokratische Bundespräsident Gustav Heinemann beruft er sich nicht auf deutsche Politiker des Vormärz. Er bewundert Friedrich II. Mit einem Zitat des Preußenkönigs hat er auch seine Haltung zur Einwanderungspolitik begründet: "Wenn Mohammedaner kommen, werden wir ihnen Moscheen bauen. Das war noch ein Ausspruch vom alten Fritz", schreibt er in seinen Erinnerungen.

Richard von Weizsäcker war der beliebteste Bundespräsident der Deutschen. Jetzt, da er seinen 90.Geburtstag feiert, ist er es immer noch.