Weizsäcker wird 90 Verteidiger des eigenen Vaters

In Begleitung seines Busenfreundes Axel von dem Bussche, der Hitler umzubringen getrachtet hatte, fuhr Weizsäcker 1945 nach Nürnberg: Man wollte sich die Kriegsverbrecherprozesse aus der Nähe ansehen. Die deutsche Barbarei, das industriemäßige Massenmorden, war den zwei jungen Männern nun bekannt.

Und doch hatten sie kein Verständnis dafür, dass die Alliierten es nicht den Deutschen überließen, über die Verantwortlichen zu Gericht zu sitzen. Anmaßend und unfair fanden sie die Auffassung der Alliierten, die deutsche Bevölkerung müsse in toto einer "Reeducation" unterzogen werden. Dass die Alliierten viele deutsche Emigranten mit wichtigen Posten betraut hatten, schien den jungen Männern nicht der Rede wert.

"Die raus, wir rein!"

Vor dem Nürnberger Gerichtsgebäude angekommen, sahen Weizsäcker und Bussche zwei amerikanische Panzer und befanden: "Die raus, wir rein!" Der Satz ähnelt Gerhard Schröders berühmtem Ausruf vor dem Bundeskanzleramt: "Ich will da rein!" Richard von Weizsäcker war mit einem guten Ego ausgestattet, nur dass er erst noch lernen sollte, es vollendet zu moderieren.

1947 wurde Ernst von Weizsäcker in Nürnberg angeklagt, sein Sohn, der nun Jura studierte, stand ihm als Hilfsverteidiger bei. Der Vater, bis 1943 Staatssekretär im Auswärtigen Amt, hatte vom Massenmorden gewusst, er hatte Deportationsbefehle unterzeichnet, bis zum Ende hatte er für Hitlers Regime gearbeitet - und das, obwohl er eigentlich gegen Hitlers Politik war.

Warum kollabierte sein Vater mit dem Regime?

Als Verteidiger seines Vaters wird Weizsäcker erlebt haben, dass seine Erziehung im Elternhaus nicht ganz vollständig gewesen war: Der Vater war mundfaul vor Gericht. Scham und Stolz zugleich bewogen ihn, auch jene Aussagen nicht zu machen, die für ihn gesprochen hätten. Spätestens da dürfte Richard von Weizsäcker begriffen haben, dass man reden können muss, wenn man verstanden werden will.

Kontakte seiner Eltern ermöglichten Weizsäcker eine erfolgreiche Karriere in der Wirtschaft. Als das Fundament für das Auskommen seiner eigenen Familie gelegt war, hatte er den Geist frei für Dinge, die ihn innerlich beschäftigten. Sein Vater hatte wider besseres Wissen mit dem Regime kollaboriert - warum?

Weizsäcker ist der Meinung, sein Vater sei zu Unrecht verurteilt worden. Insofern er schuldig war, denkt der Sohn, sei es eine ganze gesellschaftliche Klasse gewesen, die sich schuldig gemacht hatte, indem sie einen falschen Nationalismus vertrat und die Demokratie der Weimarer Republik nicht ernst nahm. Das musste in der neuen Bundesrepublik anders werden. 1962 exponierte Weizsäcker sich mit einer damals mutigen Meinung: Die Bundesrepublik, schrieb er in einem Zeitungsartikel, müsse die Oder-Neiße-Grenze zu Polen endlich anerkennen.

Die politische Heimat in der evangelischen Kirche gefunden

Damals engagierte er sich in der evangelischen Kirche, vor allem in der "Kammer für öffentliche Verantwortung". Das sei, sagte er der Süddeutschen Zeitung, "ein etwas anspruchsvoller Titel für die Beschäftigung mit der Frage, inwieweit man die Verantwortungsfragen der Öffentlichkeit mit dem eigenen Glauben oder der eigenen Kirche verbindet".

Weizsäcker, der in einem evangelischen Haushalt herangewachsen war, jedoch, wie er sagt, "ohne ausgeprägte Kennzeichen praktizierter Frömmigkeit", fand in der evangelischen Kirche, was er seine "politische Heimat" nennt. Darin erblickt er einen entscheidenden Unterschied zwischen sich und Helmut Kohl, der in der CDU eine Heimat gefunden habe, "die über seine politischen Ziele hinausging".

Lesen Sie auf Seite 3, warum Wezisäcker der beliebteste Präsident der Deutschen ist.