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Wehrmachts-Deserteure:"Dieses Gefühl von Schuld"

SZ: Sie hielt diejenigen zusammen, die sich schuldig fühlten?

US-Soldaten vor einem Opfer deutscher Wehrmachtsjustiz im April 1945

(Foto: Foto: SV Bilderdienst)

Messerschmidt: Sie war sogar ein gewisser Kitt dafür, dass die Wehrmachtsführung bis zum Schluss weitermachte. Dabei wusste die Führung genau: Jeder Tag Krieg bedeutete: Städte werden bombardiert, das Leid der Zivilbevölkerung wird noch schlimmer.

SZ: Der Terror fraß in den letzten Kriegswochen die eigenen Soldaten - aber nach dem Krieg galten die Opfer als Verräter.

Messerschmidt: Den Tätern ist es gelungen, die massenhafte Tötung eigener Soldaten und Zivilisten als zulässige Maßnahme der Militärjustiz hinzustellen. Nehmen wir den Fall des Dorfes Brettheim im Hohenlohischen. Da wollen Anfang April 1945 ein paar Hitlerjungen eine Panzersperre vor dem Dorf bauen. Ein beherzter Bauer nimmt ihnen die Panzerfäuste ab und wirft sie in den Dorfteich.

Die Jungen alarmieren im Nachbarort eine SS-Einheit, die sogleich anrückt und ein Standgericht inszeniert. Der Bürgermeister Brettheims und sogar der Ortsgruppenleiter der Partei weigern sich, das Todesurteil gegen den Bauern zu unterschreiben. Also teilen sie sein Schicksal. Das SS-Standgericht lässt alle drei zum Tode verurteilen; sie werden an den Dorflinden aufgehängt.

SZ: Drei Opfer von vielen aus den letzten Kriegstagen.

Messerschmidt: Ja. Das Besondere ist aber: Die Angehörigen haben nach dem Krieg ein Wiederaufnahmeverfahren beantragt; sie gingen durch alle Instanzen bis zum Bundesgerichtshof. Der hörte als Sachverständige unter anderem den früheren Feldmarschall Kesselring und den Grafen Kielmannsegg, der immerhin Mitbegründer der Inneren Führung bei der Bundeswehr war und hohe Positionen bei der Nato hatte.

Beide haben allen Ernstes vorgebracht, die Panzersperre von Brettheim sei militärisch wichtig und das Standgericht somit gerechtfertigt gewesen - und der BGH hat das Wiederaufnahmeverfahren abgelehnt. Das muss man sich einmal vor Augen führen.

SZ: Welche Rolle spielte der Terror dieser Art? Sie waren noch Soldat. Hatten Sie Angst davor?

Messerschmidt: Paradoxerweise nein. Ich war seit 1944 Soldat; und wir wussten gar nichts von Standgerichten oder Erschießungskommandos. Wir kannten nicht die Befehle, dass jeder Soldat, der ohne Marschbefehl im Hinterland angetroffen wird, ohne Verteidigung sofort vor das Standgericht zu stellen sei.

Aber für viele war genau dies das Problem. Sie liefen ahnungslos den Häschern des Regimes in die Arme. Wir lagen am 10. April 1945 bei Minden, und da kam ein neuer Leutnant und sagte: Jungs, geht nach Hause, der Krieg ist vorbei. Und das haben wir gemacht. Tja - wenn uns die SS geschnappt hätte und nicht die Amerikaner, würden wir heute vielleicht kein Interview führen.

SZ: Wie viele Soldaten haben schätzungsweise in den letzten Kriegsmonaten von sich aus aufgegeben?