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Wehrmachts-Deserteure:"Dieses Gefühl von Schuld"

In den letzten Kriegswochen verurteilten Standgerichte Tausende deutscher Soldaten und Zivilisten zum Tode - ein fast vergessenes Verbrechen, für dessen Aufklärung sich der Militärhistoriker Manfred Messerschmidt, 78, ein Forscherleben lang eingesetzt hat. Ein Interview von Joachim Käppner.

SZ: Im November 1918 revoltierten die Soldaten gegen die Fortsetzung eines verlorenen Krieges, obwohl dieser deutschen Boden noch gar nicht erreicht hatte. Im Frühjahr 1945 kämpfte die Wehrmacht in aussichtsloser Lage weiter, obwohl das Land dadurch endgültig in Trümmer fiel. Warum gab es 1945 nicht einmal einen Hauch von 1918?

Militärhistoriker Manfred Messerschmidt widerspricht dem Mythos, NS-Militärrichter hätten Recht gesprochen

(Foto: Foto: dpa)

Messerschmidt: Weil die Soldaten, die den sinnlosen Kampf gerne beendet hätten - und das waren sehr viele -, 1945 nirgendwo Rückhalt hatten. Es gab, anders als 1918, in der Diktatur keine Parteien, keine Verbände, niemanden also, der sie hätte unterstützen können - und vor allem nach dem 20. Juli keine Offiziere mehr, die einen Protest angeführt hätten.

SZ: Der einzelne Soldat stand allein.

Messerschmidt: Ja. Der Einzelne stand dem Regime, seiner Macht, seinem Verfolgungsapparat gegenüber, den dieses unbarmherzig gegen Abweichler einsetzte. Außerdem hatten die Bombenangriffe die Menschen in der Heimat zermürbt.

SZ: Dabei hatte der strategische Bombenkrieg die Deutschen doch in Aufruhr gegen das NS-Regime bringen sollen.

Messerschmidt: Er hat das Gegenteil erreicht, zumindest in dieser Hinsicht. In den Trümmern der Städte herrschten Verzweiflung und Resignation, nicht der Geist des Aufbegehrens.

SZ: Warum ist die Wehrmacht noch über Hitlers Tod hinaus das geblieben, was Sie einmal als ¸¸stählernen Garanten" des NS-Regimes bezeichnet haben?

Messerschmidt: Es gibt einen aufschlussreichen Brief, den Feldmarschall Hans Günther von Kluge vor seinem Selbstmord am 19. August 1944 an Hitler schrieb.

Kluge entschuldigt sich quasi bei Hitler, dass er jetzt den Tod wählt; er verweist auf die große Überlegenheit der Alliierten, die durch Frankreich vorstießen, rühmt Hitler als großen Strategen - und dann klingt da noch ein Gefühl durch, dass man sich als deutscher Offizier an vielen Verbrechen schuldig gemacht habe, vor allem im Osten. Das ist ein Schlüsselbegriff: die Schuld.