Wehrmacht und NS-Widerstand Wie Feldwebel Schmid den Nazi-Wahn störte

Nach dem Krieg haben viele Handlanger von Nazi-Verbrechen behauptet, sie hätten sich nicht gegen Mord-Befehle sträuben können. Die nun dokumentierten Geschichten des Wehrmachtsoffiziers Drossel und des Feldwebels Schmid entlarven das Gerede vom Befehlsnotstand als Lüge.

Von Hermann Theissen

Ein deutscher Soldat stellt 1941 einen Mann im Kornfeld, der als russischer Partisan bezeichnet wird. Vermutlich wurde er erschossen - obwohl er möglicherweise gar kein Widerstandskämpfer war. Denn die deutschen Invasoren benutzten die Bezeichnung "Partisan" oft, um einen Vorwand zu haben geflohene Zivilisten, - auch Alte, Frauen und Kinder - umzubringen. 

(Foto: SCHERL SZ Photo)

Im Frühjahr 1954 stand in Darmstadt ein ehemaliger Kompaniechef vor Gericht und musste sich für die Erschießung von jüdischen Zivilisten im Oktober 1941 in Weißrussland verantworten. Er bestritt die Tat nicht, berief sich aber wie sein mitangeklagter einstiger Feldwebel auf Befehlsnotstand.

Sie hätten zwar gewusst, dass es sich um eine "ungesetzliche Maßnahme" handelte, aber ihr Befehl sei eindeutig gewesen. "Wenn wir ihn nicht ausgeführt hätten", sagte der Feldwebel, "hätten wir mit Sicherheit damit rechnen müssen, dass wir in 24 Stunden selbst wegen Befehlsverweigerung erschossen worden wären."

Ließ sich die Mitwirkung an Verbrechen der angeblich so "sauberen" Wehrmacht nicht mehr bestreiten, war das die Standardargumentation einstiger Offiziere. In diesem Fall allerdings war sie nachweisbar falsch. Die Order, sämtliche Juden am jeweiligen Quartiersort zu erschießen, war auch an die beiden anderen Kompaniechefs des 691. Infanterieregiments gegangen. Während der eine sofort zur Tat schritt, verweigerte Oberleutnant Josef Sibille den Befehl. Später habe er erfahren, dass er fortan als "zu weich" beurteilt worden sei, sagte er nach dem Krieg, aber geschehen sei ihm nichts.

Entschluss zum "Rettungswiderstand"

Dieses Lehrstück, das auch in der zweiten Wehrmachtsausstellung dokumentiert wurde, zeigt, dass es selbst in einer "totalen Institution" (Erving Goffman), was die Wehrmacht zweifellos war, Handlungsspielräume gab. Es bedurfte allerdings eines mutigen Eigensinns, sie wahrzunehmen und eines "aktiven Anstands" (Fritz Stern), sie zu nutzen.

Feldwebel Anton Schmid war offensichtlich mit beiden Eigenschaften ausgestattet. Der aus Wien stammende Elektrotechniker mit einer starken katholischen Grundüberzeugung wurde im September 1941 Leiter einer Sammelstelle für von ihren Einheiten getrennte Soldaten im litauischen Vilnius. Er hätte es sich in der Etappe gut gehen lassen können, aber wie viele seiner Kameraden wusste er von den Deportationen und Massenerschießungen und entschloss sich zum "Rettungswiderstand". In Werkstätten, die ihm unterstanden, beschäftigte er jüdische Zwangsarbeiter und schützte sie so vor dem Zugriff der SS.

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Menschen, die aus dem Ghetto hatten fliehen können, versorgte er mit falschen Papieren und versteckte sie in seiner Wohnung. Als dann einige Juden meinten, in anderen Städten seien ihre Überlebensmöglichkeiten größer oder die Chancen zum Widerstand günstiger, organisierte er heimliche Transporte, deren letzter aufflog. Anton Schmid kam vor ein Kriegsgericht und wurde am 13. April 1942 im Alter von 42 Jahren hingerichtet.

Obwohl oder weil die Quellenlage zum Leben und Sterben des Feldwebels eher dünn ist, wurden vielfältige Legenden über seinen Widerstand gesponnen. Die einen stilisierten ihn zum Waffenlieferanten des jüdischen Aufstands oder zum Kommunisten, andere unterstellten ihm, er habe sich seine Rettungsaktionen bezahlen lassen. Der Freiburger Militärhistoriker Wolfram Wette entmythologisiert in seiner quellenkritischen Biografie solche Zurichtungen und legt den Blick frei auf einen einfachen Handwerker, der seinen humanen Grundüberzeugungen treu blieb.