Süddeutsche Zeitung

Wehenmittel:Unbekanntes Risiko

2018 unterliefen Ärzten und Hebammen bei 787 523 Geburten in Deutschland exakt 91 Fehler, so offizielle Daten. Die Zahl dürfte viel höher sein. Doch Komplikationen werden kaum gemeldet.

Deutschland ist ein Land, das Daten liebt, aber Komplikationen in der Medizin werden im Gesundheitswesen nur selten und schlampig erfasst. Viele Fehler, die in der Geburtshilfe passieren, wären vermeidbar, wenn man mehr darüber wüsste, welche Nebenwirkungen Medikamente häufig haben und welche Behandlungsfehler in der Praxis zu schweren Schäden von Kindern führen.

Die Bundestagsabgeordnete Kirsten Kappert-Gonther (Grüne) plädiert deshalb für ein nationales Gesundheitsregister, in dem Geburtsschäden dokumentiert werden: "Wir brauchen ein verbindliches Register für Geburtsschäden, damit Schädigungen des Kindes, die unter der Geburt entstehen, systematisch erfasst und auf ihre Ursache hin untersucht werden", sagt Kappert-Gonther. Auch Max Skorning, Bereichsleiter für Patientensicherheit beim Medizinischen Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen (MDS), sieht Nachholbedarf. "Wir sammeln jeden Verkehrsunfall, aber nicht jede Geburtskomplikation, das ist nicht nachvollziehbar", sagt Skorning. "Ohne zuverlässige Daten wissen wir nicht, wie sich Komplikationen entwickeln und welche Bereiche wir verbessern könnten."

Tatsächlich gibt es kaum belastbare Daten in einem der wohl wichtigsten Bereiche der Medizin: der Geburtshilfe. Skornings Medizinischer Dienst, der eine eigene Statistik über Behandlungsfehler führt, weiß gerade einmal von 91 Fehlern in der Geburtshilfe, die im Jahr 2018 festgestellt wurden. In 60 Fällen konnten Gutachter feststellen, dass der Behandlungsfehler wohl ursächlich für den Körperschaden war. Skorning glaubt, dass diese Zahlen nur die Spitze des Eisberges sind. Denn die Krankenkassen erfahren lediglich von Fällen, in denen sich Patienten an sie wenden. "Es gibt in Deutschland keine Pflicht zur Meldung von Geburtskomplikationen. Keine Stelle sammelt alle Fälle", sagt Skorning. "Es mag wahnsinnig viele Probleme geben, von denen wir nichts wissen."

Selbst wenn der Arzt das OP-Besteck im Körper vergisst, wird das kaum erfasst

Nicht einmal sogenannte Never Events würden konsequent erfasst, so Skorning. Das sind Fälle, die man an zwei Merkmalen erkennt. Zum einen muss ein schwerer Schaden oder Todesfall vorliegen, zum anderen muss das Ereignis sicher vermeidbar gewesen sein. Zu diesen Komplikationen zählt es, wenn etwa ein Kaiserschnitt bei einer Notlage des Kindes zu spät eingeleitet wird oder wenn ein Arzt OP-Besteck im Körper der Frau vergisst. Ohne repräsentative Daten, sagt Max Skorning, sei es schwierig, die Geburtshilfe zu verbessern.

Auch die Autoren eines Gutachtens des BQS Institut für Qualität und Patientensicherheit über die Arbeit freier Hebammen kamen vor zwei Jahren zu dem Schluss, dass ein nationales Behandlungsregister empfehlenswert sei. Viele Fehler in der Geburtshilfe seien vermeidbar, hieß es in dem Gutachten, welches das Bundesministerium für Gesundheit in Auftrag gegeben hatte. Eine "nicht ausreichende Datenlage und Datenqualität" habe sich "wie ein roter Faden" durch die Recherchen gezogen, schreiben die Autoren, es gebe keine validen Daten. Für das Gutachten befragten die Wissenschaftler 950 Ärzte und Hebammen, um herauszufinden, wie man Geburtsschäden vermeiden kann. Größte Risikofaktoren in der Geburtshilfe, so das Ergebnis, seien mangelnde Kommunikation, fehlende Erfahrung und zu wenig Personal. Überrascht waren die Autoren der Studie vor allem darüber, dass eine hohe Anzahl der Befragten angab, mehrmals Erfahrungen mit Geburtsschäden gemacht zu haben. Besonders "erschreckend" aber sei es, dass diese Erfahrungen gar nicht oder kaum aufgearbeitet worden seien.

Lückenhaftes Wissen gibt es auch über die Nebenwirkungen der Medikamente, die in der Geburtshilfe angewendet werden. Das lässt sich gut anhand des Medikaments Cytotec erklären. Das Magenschutzmittel kann von Ärzten in der Therapiefreiheit in der Geburtshilfe angewendet werden, um Wehen einzuleiten, wenn die Frau über die Risiken aufgeklärt wird und zustimmt. Der Hersteller des Medikamentes spricht sich gegen eine Verwendung des Mittels in der Geburtshilfe aus.

Der Überwachungsbehörde Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) liegt Recherchen von SZ und BR zufolge nur einer von drei Fällen vor, in denen ein Baby im Zusammenhang mit dem Mittel verstarb und kein einziger über einen Gebärmutterriss oder einen vermuteten Hirnschaden in Verbindung mit der Gabe des Medikamentes. Und das obwohl vier große Anwaltskanzleien in Deutschland regelmäßig Fälle bearbeiten, bei denen es im Zusammenhang mit Cytotec zu Hirnschäden kam. Jeder einzelne Fall einer Nebenwirkung wäre meldepflichtig, da allein der Verdacht genügt.

Das BfArM ruft einmal im Jahr Ärzte dazu auf, Komplikationen zu melden, aber sie kann Mediziner nicht belangen, wenn sie es nicht tun. Im Arzneimittelgesetz ist die Meldepflicht von Ärzten bisher nicht verankert. Einer Umfrage der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft ergab 2108, das unter Ärzten Unsicherheit herrscht, welche Konsequenzen auf sie zukommen, wenn sie Probleme melden. Das Bundesministerium für Gesundheit ließ trotz mehrfacher Nachfrage, die Frage unbeantwortet, ob man Nachholbedarf in der Gesetzgebung sehe.

Trotz der im Text beschriebenen Risiken verteidigen Fachverbände und Geburtskliniken die Verwendung von Cytotec. Warum, lesen Sie hier:

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Quelle:
SZ vom 13.02.2020
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