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Was Strom kosten darf:Der kleinste Teufel der Hölle

Das Atomunglück in Japan hat die versteckten Kosten der Kernkraft deutlich gezeigt: Landstriche, die auf Jahrzehnte hinaus nicht mehr bewohnbar sein werden; der Vertrauensverlust einer ganzen Bevölkerung. Die Nachteile der Kernkraft beschränken sich aber nicht auf mögliche Reaktorunfälle. Die Endlagerung ausgebrannter Brennstäbe ist ungelöst. Unterschätzt wird auch das geopolitische Risiko: Will man in einer Welt leben, in der Dutzende Staaten über Kraftwerke verfügen, die jederzeit Waffenplutonium erzeugen können?

Auch die wahren Kosten fossiler Brennstoffe liegen weit höher, als es Börsenkurse und Tankstellen suggerieren. Ehrlich gerechnet, müsste ein beträchtlicher Teil der Militärausgaben im Nahen Osten dem Ölpreis zugeschlagen werden. Und welchen Preis soll man veranschlagen für die Anpassung an den Klimawandel? Oder für den verölten Meeresboden im Golf von Mexiko?

Zweifellos hat auch die regenerative Energie ihre Nebenkosten: Windräder sind hässlich, Silizium für Solarzellen ist teuer, Gebirge müssen mit Pumpspeichern versehen werden. Und Windparks auf dem Meer werden die dort lebenden Tiere nicht erfreuen. Wer aber gegen Windräder protestiert, muss klar sagen, ob und wo ihm ein atomares Endlager lieber wäre. Sicher ist: Der schmuddelige Part der Energieerzeugung kann nicht dauerhaft irgendwo in der Ferne ablaufen, und man selbst zahlt 25 Cent für die Kilowattstunde.

Die billige, nachhaltige, umweltneutrale, Landschaften erhaltende und autarke Energiequelle gibt es nicht. Deutschland muss sich für den kleinsten Teufel dieser Hölle entscheiden. Die Politik tut das aber nicht; auch die Grünen tun das nicht, solange sie gleichzeitig gegen Kernkraftwerke und Pumpspeicher eintreten. Energiepolitik darf aber nicht zu einem mikroökonomischen Gezänk verkommen, bei dem Lobbygruppen um die Verbraucherpreise von Solar- versus Atomstrom ringen.

Wägt man die Optionen für Deutschland seriös ab, bleibt nur ein radikaler Umstieg auf ein dezentrales System regenerativer Energie und intelligenter Stromnetze, den sogenannten smart Grids. Der Umstieg wird nicht ohne Investitionen und höhere Energiepreise ablaufen. Andererseits müssen Verbraucher mit vielen Kosten haushalten. Wieso nicht auch mit der Energie? Die Unabhängigkeit von Stromkonzernen sollte vielleicht ein paar Euro mehr im Monat wert sein.

Technisch wäre der Umbau jedenfalls kein Problem, wie in dieser Woche namhafte Wissenschaftler erneut erklärt haben. Verstanden haben das interessanterweise jene deutschen Großkonzerne, die global agieren.

Der Finanzriese Munich Re unterstützt das utopisch wirkende Solarthermie-Projekt Desertec in der Sahara. Und Siemens hat soeben seine klassischen Geschäftsfelder um eine vierte Sparte erweitert: umweltfreundliche Stadtentwicklung.

Ähnlichen Weitblick zeigt ausgerechnet jenes Land, das oft als Dreckschleuder gescholten wird: China. Es investiert mehr Geld in regenerative Energie als jedes andere Land der Erde. Deutschland folgt erst dicht dahinter, obwohl es technologisch führend ist. Wird schon wieder eine in Deutschland entwickelte Technologie anderswo verwertet, so wie der Computer, die Unterhaltungselektronik und das berühmte Telefax?

Ein planloses Festklammern an einem Mix aus knapper werdendem Erdöl, schmutziger Kohle, politisch fragwürdigem Erdgas und alternden Kernkraftwerken führt Deutschland nicht in die Zukunft. Kernenergie ist keine Brückentechnologie, wie es Befürworter gern sagen. Sie ist eine Schlaft-weiter-Technologie. Dieser Schlaf ist nun jäh unterbrochen worden.