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Spaniens Krise:"Eine ganze Generation - enttäuscht und wütend"

Die Banken sind pleite, die Arbeitslosigkeit so hoch wie nirgendwo sonst in der EU. Für viele Spanier wird die Krise immer bedrohlicher. Was bedeutet das für die Menschen? Wie meistern sie ihr tägliches Leben? Denken sie ans Auswandern? Und was sie glauben, wie sich die Krise besiegen lässt.

Thomas Schmelzer

Ist Spanien das neue Griechenland? Den maroden spanischen Banken fehlen 62 Milliarden Euro oder mehr, die Zinssätze für Staatsanleihen schießen auf den höchsten Stand seit Jahren. Die Noten der Ratingagenturen sind schlecht, zumal Spanien die höchste Arbeitslosenquote der EU aufweist und Ministerpräsident Rajoy auf Tauchstation gegangen ist.

Wie fühlt sich das an, in einem Land zu leben und zu arbeiten, das am Abgrund steht? Die SZ hat bei Studenten, Politikern und Unternehmern aus allen Teilen Spaniens nachgefragt.

Juanlu Saez Guerrero, 37 Jahre, Direktor einer Zahnklinik in Cádiz:

"Ich habe meinen Job als Chef eines Autohandels vor einem Jahr gekündigt, weil es der Firma immer schlechter ging und ich eine Auszeit brauchte. Als ich nach ein paar Monaten in Guatemala wieder nach Spanien gekommen bin, habe ich aber sehr schnell wieder einen Job gefunden. Ich bin jetzt Direktor einer Zahnklinik mit 15 Angestellten. Hier verdiene ich weniger als vorher - aber es ist immerhin Arbeit.

Viele Freunde von mir haben derzeit nicht so viel Glück. Fast jeder Dritte ist arbeitslos und alle, die erst kurz in ihrem Job waren, haben krisenbedingte Kündigungen bekommen. Natürlich sind die besorgt über die Situation und haben Angst, dass sich das Ganze so schnell nicht wieder verbessert.

Unsere Regierung weiß auch nicht wirklich, was sie gegen die Krise unternehmen soll. So unabhängig wie sie gerne tut, ist sie jedenfalls nicht. Es gibt außerdem mächtige Leute, die sehr von der momentanen Situation profitieren.

Ich vertraue aber auf die Zukunft, weil es in der Wirtschaft schon immer Booms und Krisen gegeben hat. Die nächsten vier oder fünf Jahre werden sicherlich hart, aber danach kommt wieder ein Aufschwung."

Borja Sánchez Lorente, 31 Jahre, Stadtrat in Griñón:

"Wenn ich als Stadtrat entscheiden muss, welche Leistungen wir streichen müssen, fühle ich mich übel. Aber es geht nicht anders. Wir haben heute 22 Millionen Euro Schulden - vor neun Jahren waren es bloß 500.000. Wenn wir als Gemeinschaft überleben wollen, müssen wir also sparen. Wir versuchen jetzt, nur da zu kürzen, wo es am wenigsten schmerzt und nicht alle Familien betrifft.

Aber die Menschen in meiner Gemeinde sind trotzdem sehr verunsichert. Sie wissen nicht, wie es weitergehen soll, ob sie am Ende des Monats noch ihren Job haben und wie sie ihre Rechnungen bezahlen sollen, falls ihnen gekündigt wird. Sie reden auch nur noch über die Krise und die Arbeitslosigkeit im Land.

Ich persönlich bin sehr enttäuscht von unserem System. Es beschützt nicht die Bürger, sondern die Interessen der Banken und Spekulanten. Wir müssen deswegen einen neuen Weg finden und dabei in Europa näher zusammenrücken. Nur wenn wir in diese Richtung gehen, gibt es Hoffnung für die Zukunft."

Mireia Martí Santiago, 29 Jahre, Schmuckdesignerin in Barcelona:

"Ich habe Marketing studiert und vor einem Jahr meinen Job in einer Werbeagentur verloren. Das war für mich ein Schock, weil ich zuerst nicht wusste, wie es weitergehen soll. Dann habe ich aber mein Hobby zum Beruf gemacht und mich zur Schmuckdesignerin weitergebildet. Seit ein paar Monaten bin ich selbständig - und es läuft ganz gut.

Trotzdem war ich vor zwei Monaten kurz davor, aus Spanien auszuwandern. Mein Freund hatte noch immer keine Anstellung gefunden - obwohl der vier Sprachen spricht und Ingenieur ist. Dann hat es aber bei ihm geklappt und wir wollen erst einmal in Barcelona bleiben.

Viele Freunde von uns mussten aber wieder zurück zu ihren Eltern ziehen. Die Krise wird hier in Spanien jeden Tag schlimmer und ein Ende ist nicht abzusehen. Die Politiker reden jeden Tag von neuen Jobs, aber das sind alles Lügen.

Ich habe Glück gehabt, weil ich gegen die Krise gekämpft und gewonnen habe. Aber viele Freunde von mir sind unglücklich und wollen auswandern. Ich habe wenig Hoffnung für Spaniens Zukunft."

Anais-Mar Torreblanca Bernat, 26 Jahre, Studentin in Valencia:

"Ich glaube nicht, dass ich in Spanien eine Perspektive habe - deswegen ziehe ich nach dem Studium wahrscheinlich nach London. Dort leben schon fünf gute Freunde von mir und dort habe ich einfach eine bessere Zukunft. Zum Glück habe ich Englisch gelernt, sonst müsste ich hier bleiben und selbst für einen schlecht bezahlten Job kämpfen.

Meine ganze Generation ist so enttäuscht und wütend wie ich. Wir haben keine Schuld an dem derzeitigen Schlamassel, aber wir werden irgendwann dafür zahlen müssen. Jeder sagt uns, dass wir lernen müssen und uns anstrengen müssen - aber wofür? Es gibt ja sowieso keine Arbeit. Besonders zornig machen uns Angela Merkel und die spanische Regierung. Wir wissen gar nicht, wen wir mehr hassen sollen. Angela Merkel setzt sich mit ihrem Sparkurs wenigstens für die Interessen ihres Landes ein. Aber Mariano Rajoy verspielt im Moment unsere Zukunft.

Mein Vater hat vor sieben Monaten seinen Job verloren und bis heute nichts Neues gefunden. Zum Glück hat er ein bisschen gespart - sonst könnte er mir das Studium kaum noch finanzieren. Ich würde ja auch gerne helfen und arbeiten, aber selbst am Schwarzmarkt findet man nichts mehr.

Zumindest im Alltag lassen sich die meisten Leute aber von der Krise nichts anmerken, obwohl jeder jemanden kennt, der arbeitslos ist. Wir sind ein relativ zuversichtliches Volk und lassen uns die Freude nicht nehmen. Aber wenn sich nichts ändert, könnte Spanien bald so enden wie Griechenland. Und dann ist ganz Europa in Gefahr."

Hugo Sánchez Lorente, 29 Jahre, Unternehmer in Madrid:

"Seit Beginn der Krise mussten wir in unserem Familienbetrieb zwei Arbeitern kündigen und die Arbeitszeit von acht auf sieben Stunden täglich runterfahren. Jetzt beschäftigen wir in unserem Fischhandel noch 15 Angestellte - aber auch die haben Angst, weil es so wenig in der Firma zu tun gibt. Dabei sind viele unserer Arbeiter die Einzigen, die noch Geld nach Hause bringe. Ihre Kinder oder Partner sind arbeitslos.

Auch ich mache mir große Sorgen um die Zukunft unserer Firma. Seit fünf Jahren verspricht uns die Regierung, dass sie die Krise im nächsten Jahr lösen will. Aber seitdem ist nichts passiert. Die Politiker kümmern sich nur um die großen Banken und lassen die kleinen Unternehmen im Stich. Statt uns zu helfen, haben sie uns die Finanzierungshilfen gestrichen, mit denen wir günstig an Geld kommen konnten.

Dabei brauchen wir dringend Kredite, um investieren und wachsen zu können. Wir sind heute in einer ziemlich ausweglosen Situation. Ich habe zwar Ideen für neue Projekte - aber ohne frisches Geld und staatliche Hilfen ist es unmöglich sie zu verwirklichen. Wenn Spanien nicht geradewegs in den Bankrott steuern will, brauchen wir unbedingt Geld - auch von der EU."

Pablo Jiménez García, 22 Jahre, Student in Córdoba:

"Ich habe keine Angst, dass ich nach meinem Studium keinen Job finden werde - ich weiß einfach, dass es nicht passieren wird. Deswegen plane ich meine Karriere garantiert nicht hier in Spanien. Ich habe die Nase voll von diesem Land, seinen korrupten Politikern und allem anderen, was hier zum sozialen Leben dazugehört.

Als Mariano Rajoys Volkspartei vor zwei Jahren noch in der Opposition war, habe ich sie sogar unterstützt. Aber seitdem sie regieren, sind sie genau die gleichen Deppen, die wir schon vorher hatten. Rajoy hat uns neue Jobs versprochen und gesagt, dass er die Steuern nicht erhöhen will. Jetzt ist er seit sechs Monaten an der Macht - und hat jedes Versprechen gebrochen.

Deswegen habe ich meinen Glauben an das politische System dieses Landes und ihre Bewohner verloren. Niemand hier scheint zu realisieren, was eigentlich vor sich geht.

© Süddeutsche.de/lala

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