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Wartburg-Fest:Freiheit und Feuerstank

Wartburgfest, 1817

Studenten aus ganz Deutschland mit schwarz-rot-goldenen Fahnen ziehen 1817 auf die symbolträchtige Wartburg, wo Luther 300 Jahre zuvor dem Teufel getrotzt haben soll.

(Foto: SZ Photo/Sammlung Megele)

Das berühmte Wartburg-Fest 1817 ist ein Meilenstein der demokratischen Bestrebungen - aber auch eines eifernden Nationalismus: Schon dort brennen Bücher von vermeintlichen Verrätern.

Von Gustav Seibt

Das Brennholz kam von der Obrigkeit, und sogar um das Bier hatte sie sich gekümmert. Als sich die Burschenschafter der Universität Jena im Sommer 1817 an die Behörden von Eisenach wandten, um am 18. Oktober eine große studentische Feier auf der Wartburg abhalten zu dürfen, reagierten Großherzog Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach und sein Staatsministerium wohlwollend.

Der Landesherr selbst ordnete die Öffnung der Burg an und verfügte die kostenlose Zuteilung einer "angemessenen Menge Brennholzes zu Freudenfeuern". Die örtlichen Brauereien ermunterte er, viel frisches Bier zu brauen, schon weil er nicht auf sein kostbares Lagerbier in den Schlosskellern verzichten wollte. Die Eisenacher Behörden ermahnten die Bürger, den bevorstehenden Ansturm durch Gewährung von Privatquartieren aufzufangen.

Denn ein Ansturm war es: Etwa 500 Studenten - damals durchweg "Studierende" genannt - vorwiegend aus dem protestantischen Deutschland hatten sich verabredet, am vierten Jahrestag der Leipziger Völkerschlacht zugleich das 300. Jubiläum von Luthers Reformation zu begehen.

Zum Abschluss wurde öffentlich geturnt

Dazu erkoren sie sich die Wartburg, die schon wegen des berühmten mittelalterlichen Sängerkriegs eine romantische Kultstätte geworden war; vor allem aber weil dort Martin Luther im Jahr 1522 das Neue Testament übersetzt hatte, angeblich im Kampf mit dem Teufel.

Im Raum des Deutschen Bundes gab es damals insgesamt nur 8500 Studierende. Jeder siebzehnte von ihnen nahm an der Luther-Sieges-Feier von 1817 teil, eine enorme Menge, die allein schon die eine ganze Generation prägende Wirkung dieses Festes erklärt. Bis heute gilt es als Urszene des nationalen Aufbruchs, als Vorläufer der Revolution von 1848 und damit der deutschen Demokratie.

Zunächst aber war die Feier das Resultat einer aufwendigen Organisation, die von unten kam, von den Studierenden selbst. Schon 1815 hatten sich die Studenten der Weimarer Landesuniversität Jena zu einer allgemeinen "Burschenschaft" verbunden. Diese sollte die alten landsmannschaftlichen Verbindungen ersetzen, die sich durch Rauflust, Trinkfreudigkeit und Neigung zu sexuellen Übergriffen einen denkbar schlechten Ruf erworben hatten.

Die Studenten arbeiteten nach den antinapoleonischen Befreiungskriegen an ihrer moralischen Verbesserung. Viele von ihnen hatten den Krieg erlebt, mit Soldaten aus anderen Schichten zusammengelebt, eine klassenübergreifende, erstmals auch gesamtdeutsche Gemeinschaftserfahrung gemacht.

Das sollte ins akademische Leben hineinwirken, und es sollte Politik werden. Junge, national gesinnte Professoren unterstützten das, aktiv befördert wurde es vom Turnvater Jahn, dem die akademische Jugend - sie war rein männlich - damals zu großen Teilen anhing.

Ein einheitlicher Studentenverband an einer Universität, das wurde als Vorstufe einer nationalen Selbstorganisation aller deutschen Studierenden verstanden. Sie kam, in lockerer Form, dann auch 1818 zustande, im Jahr nach der Wartburgfeier. Schon diese setzte breite Vernetzung voraus, Schriftverkehr mit einem Dutzend anderer Universitäten - wegen des lutherischen Anlasses wurden nur protestantische angeschrieben -, Zusagen, Planungen. Zum ersten Mal in der deutschen Geschichte verbanden sich Studenten über Landesgrenzen hinaus zu einem gemeinsamen Zweck.

Das ist die eigentliche epochale Bedeutung des Wartburgfests, über das hinaus, was dort gesprochen und getan wurde: ein bis dahin beispielloser Akt nationaler Vernetzung von unten, nicht auf Regierungsebene. Die Studierenden agierten als politische Deutsche, im Vorgriff auf ein politisch verfasstes Vaterland.

Das zeigte sich schon im äußerlichen Auftritt: Als die jugendlichen Gäste in Eisenach ankamen, meist zu Fuß, trugen sie oft weite Hosen, enge schwarze Röcke, auf dem bärtigen und langhaarigen Kopf ein schwarzes Barett. "Altdeutsch" nannte man das, aber es sollte auch an die improvisierten Uniformen der Freiwilligen von 1813 erinnern, welche gegen Napoleon gekämpft hatten.

Bevor die Hunderte jungen Männer am Morgen des 18. Oktober 1817 bei strahlender Herbstsonne hinter einer Fahne und einem Schwert in Zweierreihen auf die Wartburg zogen, hatten sie eine Festordnung unterzeichnet und mit einem Pauschalpreis für ein Eintrittsbillet auch die Verköstigung bezahlt, die sie oben auf der Burg erwartete.

Zuvor wurde im Palas der Burg gesungen und geredet, als sei es ein Gottesdienst. Man intonierte die protestantischen Hauptchoräle "Ein feste Burg ist unser Gott" und zum Abschluss "Nun danket alle Gott". Dazwischen lag eine vaterländische Predigt, ein Segen beschloss die Feier. Nach dem Essen gab es in der Stadt unten noch einen richtigen Gottesdienst, bei dem die sympathischen jungen Leute zum Abendmahl schritten. Die Eisenacher Bürger, die zu Hunderten mitfeierten und -sangen, waren begeistert. Zum Abschluss wurde öffentlich geturnt.

Dann wurde es Abend. Die Burg oben war längst geschlossen, und nun kam das vom Großherzog gespendete Brennholz zum Einsatz. Seit 1814 waren überall in Deutschland am Jahrestag der Leipziger Völkerschlacht und des Sieges über die französische Armee nächtliche Freudenfeuer entzündet worden, an weithin sichtbaren Orten.

"...nicht etwa nur Christen, sondern auch Juden, Mahometanern und Heiden"

Das nationale Lager, vertreten durch den Dichter Ernst Moritz Arndt, wollte den 18. Oktober zu einem gesamtdeutschen Feiertag mit eigenem Festritus machen, auch das als Vorgriff auf eine politische Einigung. So loderte auf dem Wartenberg bei Eisenach am Ende des Tages ein großes Feuer. Buden und Verkaufsstände rahmten ein Volksfest, bei dem sich Studierende und Eisenacher mischten.

Und nun kam es, nicht mehr organisiert vom burschenschaftlichen Festkomittee, sondern von einer kleineren, mutmaßlich vom Turnvater Jahn inspirierten Gruppe um den Studenten Hans Ferdinand Massmann, zum aufsehenerregendsten Akt des Wartburgfests, einer Bücherverbrennung. Sie sandte ihre Schockwellen unverzüglich in die Hauptstädte der Heiligen Allianz, nach Berlin, Wien und Sankt Petersburg.

Der kleine Staat Weimar zu dem die Wartburg gehörte, sah sich regelrecht zerquetscht von diplomatischen Demarchen der Großmächte und hatte monatelang alle Hände voll zu tun, die Bücherverbrennung als verzeihlichen Studentenspaß am Rande einer sonst untadeligen nationalreligiösen Feier herunterzuspielen.

Die Weimarer Regierung, Goethe mit eingeschlossen, hatte durchaus Sympathie für die Studenten. Die Hälfte von ihnen kam ohnehin aus der landeseigenen Universität Jena. Goethe selbst hatte schon im Winter 1816 über die Möglichkeit einer Lutherfeier nachgedacht, die keine alten konfessionellen Gräben aufreißen sollte. Warum nicht Luthertag und Leipziger Siegesfeier zusammenlegen? Hatten im Befreiungskrieg nicht alle Konfessionen zusammen gekämpft?

"Niemand fragt, von welcher Konfession der Mann des Landsturms sei", schrieb Goethe, "alle ziehen vereiniget zur Kirche, und werden von demselben Gottesdienste erbaut; alle bilden einen Kreis ums Feuer, und werden von einer Flamme erleuchtet. Alle erheben den Geist, an jenen Tag gedenkend, der seine Glorie, nicht etwa nur Christen, sondern auch Juden, Mahometanern und Heiden zu verdanken hat."

Ja, auch Juden und Muslime waren 1813 dabei gewesen, deutsch-jüdische Soldaten und russische Kämpfer islamischen Glaubens. So erhoffte sich Goethe ein "Fest der reinsten Humanität", und auch darum dürfte die Weimarer Obrigkeit so wohlwollend auf die Wünsche der Studierenden eingegangen sein. Doch es kam anders, es wurde ein politisches Fest, dazu eines mit Feinderklärungen und Brandgeruch.

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