Wandel in Chinas KP:Nur noch gute Kommunisten

Wandel in Chinas KP: Chinas Staatspräsident Xi Jinping zieht die Bremse: In Zukunft sollen Bewerber für eine Parteimitgliedschaft vor allem an ihrem "Glauben an den Marxismus" gemessen werden.

Chinas Staatspräsident Xi Jinping zieht die Bremse: In Zukunft sollen Bewerber für eine Parteimitgliedschaft vor allem an ihrem "Glauben an den Marxismus" gemessen werden.

(Foto: Wang Zhao/AFP)

Chinas Staatspartei will ihre Mitglieder künftig nach strengeren Kriterien auswählen als bisher. Denn oft haben es Kandidaten vor allem auf eines abgesehen: den Zugang zu Geld, Macht und Mätressen.

Von Kai Strittmatter, Peking

Chinas Kommunistische Partei hat ein Problem: Sie ist zu attraktiv. Zu viele Bewerber buhlen um ihr Ja-Wort, zu oft gewährt sie es ihnen. In den vergangenen 20 Jahren verdoppelte die KP die Anzahl ihrer Mitglieder auf nun 85 Millionen. Mehr als Deutschland Einwohner hat. Und alle zehn Sekunden kommt ein Neuer dazu.

Zu viel, zu schnell, findet Parteichef Xi Jinping. Er zieht die Bremse an: Zum ersten Mal seit einem Vierteljahrhundert wurden soeben die Regeln für die Aufnahme neuer Mitglieder geändert, die Auswahl soll in Zukunft, so die Nachrichtenagentur Xinhua, "vorsichtig" und "ausgewogen" erfolgen. Das Ziel: Qualität statt Quantität. Es ist ein offenes Geheimnis, dass es längst die Karriere ist, nicht der Kommunismus, der die jungen Chinesen scharenweise in die Partei treibt: die allgemeine Überzeugung, wonach eine Parteimitgliedschaft "Zugang zu Macht und Wohlstand" gewährt.

"Die Partei ist wie Gott"

So steht das in einem Artikel der Pekinger Global Times, der auch die Folgen benennt: "Korruption, Amtsmissbrauch, Nepotismus und Cliquenbildung".

In Chinas Kaderkapitalismus wird keiner reich ohne die Gnade der Partei. Ihre Macht ist noch immer in jedem Winkel der Wirtschaft und Gesellschaft dieses Landes zu spüren. "Die Partei ist wie Gott", heißt es in Richard McGregors Standardwerk über die KP, "Der rote Apparat": "Sie ist überall. Du kannst sie bloß nicht sehen." Längst ist die KP nicht mehr nur die größte Partei der Welt, längst ist sie auch eine der reichsten.

Oder vielmehr: eine Partei der Reichen. Gerade mal acht Prozent ihrer Mitglieder sind noch Arbeiter. Die einstige Vorhut des Proletariats ähnelt mehr einem Verein der Bosse und Prinzlinge. Beim letzten Nationalen Volkskongress NVK rechnete das Magazin Economist nach: Die 50 reichsten Abgeordneten dort verfügten demnach über ein Vermögen von 94 Milliarden US-Dollar - 60 Mal so viel wie ihre Kollegen im US-Kongress.

Die Zeit des guten Kommunisten

Nun soll sich einiges ändern. Vor allem das zunehmend problematische Image der KP bei all denen, die draußen bleiben müssen. Es ist kein Zufall, dass jetzt ein altes Interview von Parteichef Xi im Netz kursiert, in dem er von der kargen Zeit seiner Landverschickung als Jugendlicher schwärmt. Xi erzählt von nächtlichen Flohbissen und von "Exkrementen und Urin", die ihm übers Gesicht geflossen seien, als er den Bauern eine Kanalisation verlegte.

Das war die Zeit, als es ihn noch gab, den guten Kommunisten. Die saubere Vergangenheit als Gegenprogramm zur verdorbenen Gegenwart, zu jenen Korruptionsgeschichten, an denen sich das Volk tagtäglich delektiert. Jener von den 18 Mätressen des Eisenbahnministers zum Beispiel. Oder der von dem korrupten Kohlebüro-Beamten, der so viel Bargeld versteckt hatte, dass die Polizei hernach 16 Geldzählmaschinen brauchte.

Nicht auszuschließen, dass es gerade diese Fabeln von Sex, Macht und Geld waren, die potenzielle KP-Anwärter lockte. In Zukunft, schreibt die Volkszeitung, sollen die Bewerber vor allem an ihrem "Glauben an den Marxismus" gemessen werden. Wenn die Partei damit Ernst macht, dann erledigt sich das Problem wohl von selbst. Gläubige nämlich gibt es auch innerhalb der KP nur mehr eine Handvoll.

© SZ vom 20.06.2014/anri/ipfa
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