Deutscher Wald Angriff auf einen Mythos

Bäume können sich nur sehr langsam an den Klimawandel anpassen.

(Foto: dpa)

Der deutsche Wald ist längst nicht so robust, wie er oft wirkt. Schon jetzt setzt ihm der Klimawandel zu.

Von Tina Baier

Eigentlich geht es dem Wald in Deutschland gar nicht so schlecht. Auf jeden Fall besser als vor 30 Jahren, als das Waldsterben eines der zentralen Umweltthemen war. Auch besser als vor zweihundert Jahren. Damals waren vor allem Wälder in der Nähe von Siedlungen derart übernutzt, dass die Landschaft wie eine Art Savanne aussah. Jetzt, im 21. Jahrhundert, droht dem Wald eine neue Gefahr: der Klimawandel.

Nach einer Prognose des Weltklimarats muss sich Deutschland bis zum Ende dieses Jahrhunderts auf eine Erwärmung von 3,5 bis 4,5 Grad im Vergleich zu den Jahren 1971 und 2000 einstellen. Im Süden und Südwesten des Landes werden die Temperaturen wahrscheinlich schneller ansteigen als im Norden. In der Westhälfte dürften die Sommer trockener werden. Herbst, Winter und Frühling sollen den Klimamodellen zufolge dagegen deutschlandweit feuchter werden. Derartige Veränderungen werden für den Wald, der etwa ein Drittel Deutschlands bedeckt, nicht ohne Folgen bleiben. Bäume können sich an veränderte Umweltbedingungen nämlich nicht so schnell anpassen wie viele andere Lebewesen, weil sie langsam wachsen und sich deshalb auch nur langsam entwickeln. "Wie genau die Konsequenzen aussehen werden, ist regional sehr unterschiedlich", sagt Christopher Reyer, Forstökologe am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung.

Natürliche Wälder existieren in Deutschland kaum noch

Im norddeutschen Tiefland beispielsweise könnten Hitze und Dürrephasen dem Wald stark zusetzen. Vor allem die Buchen, die sich auf den sandigen Böden schon jetzt nicht besonders wohlfühlen, seien gefährdet, sagt Reyer. Im Gebirge könnten die ansteigenden Temperaturen dagegen sogar dazu führen, dass die Bäume in höheren Lagen, in denen es ihnen bislang zu kalt war, besser wachsen. "Die meisten Forstwissenschaftler gehen aber davon aus, dass der Klimawandel unterm Strich negative Auswirkungen auf den Wald haben wird", so Reyer.

Auf jeden Fall ist der Wald in Deutschland weit weniger robust, als es auf den ersten Blick den Anschein hat. Das hat vor allem damit zu tun, dass es fast keine natürlichen Wälder mehr gibt. Von Natur aus wäre der Großteil Deutschlands nämlich mit Laubbäumen bedeckt - Buchen und Eichen vor allem. Stattdessen wächst das, was im 19. und 20. Jahrhundert gepflanzt wurde, weil es den größten Nutzen versprach: im Norden hauptsächlich Kiefern, gemischt mit einigen Buchen und Eichen. Im Süden vor allem Fichten, die unter anderem wegen ihres schnellen Wachstums und wegen der guten Verwendbarkeit des Holzes als "Brotbäume" der Forstwirtschaft gelten.

Dass ein Großteil der Bäume an Orten steht, an denen die Bedingungen ohnehin schon nicht ideal für sie sind, macht sie anfälliger für zusätzliche Stressfaktoren durch den Klimawandel. Diese können sehr unterschiedlich sein. Neben Dürreperioden befürchten Experten eine Zunahme von Schädlingen wie dem Borkenkäfer oder der Nonne, einem Nachtfalter, dessen Raupen vor allem Nadelbäume regelrecht kahl fressen. Denn viele Insekten vermehren sich stärker, wenn die Temperaturen um ein paar Grad ansteigen. Der Borkenkäfer etwa könnte dann drei oder sogar vier Reproduktionszyklen pro Jahr schaffen. Derzeit sind es meist zwei.