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Wahlparteitag der US-Demokraten:Obama setzt auf den neuen Süden

Barack Obama schert sich wenig um Traditionen: Daher richten die Demokraten ihren Parteitag nicht in einer ihrer alten Hochburgen aus, sondern in North Carolina. Einem Staat, der in Obamas Geburtsjahr 1961 für Schwarze noch überhaupt kein guter Ort war. Dahinter steckt jedoch Wahlkampftaktik.

Als Barack Obama 1961 geboren wurde, war North Carolina kein guter Ort für Schwarze. Der Bundesstaat gehörte ein Jahrhundert zuvor zu jenen, die sich - wenn auch zögerlich - vom Norden lossagten, den Konföderierten Staaten von Amerika beitraten und unter der roten Flagge mit den blauen Balken und weißen Sternen in den Bürgerkrieg zogen. North Carolina war Teil des "alten Südens", ein Staat, der vom Tabak- und Baumwollanbau lebte, in dem weiße Pflanzer reich wurden durch die Arbeit schwarzer Sklaven. Nach dem Krieg wurden aus den Sklaven freie Menschen, aber noch lange keine gleichberechtigten Bürger. Erst 1964 beendete der US-Kongress mit dem Civil Rights Act die offizielle Rassentrennung in den Südstaaten.

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"Er hat unsere Jobs gerettet": Drei Frauen vor der Time Warner Arena in Charlotte, wo die Demokraten ihren Wahlparteitag ausrichten.

(Foto: AFP)

Das North Carolina, in dem Präsident Obama nun zu Gast sein wird, hat mit den Antebellum-Klischees nur noch wenig zu tun. Natürlich gibt es den alten, armen, rassistischen Süden noch. Vor sieben Jahren zeigte er seine Fratze, als Katrina New Orleans verschlang und es eine halbe Woche dauerte, bis man anfing, den Überlebenden - fast durchweg arme Schwarze - zu helfen und die Toten einzusammeln.

Doch gerade Regionen im Süden wie die Gegend um die Stadt Charlotte, wo an diesem Dienstag der Wahlparteitag der US-Demokraten beginnt, haben sich in den vergangenen Jahren drastisch verändert. Aus hinterwäldlerischen Südstaatenstädtchen sind moderne, wachsende Metropolen geworden. Charlotte ist nach New York der zweitgrößte Finanzplatz der USA. Menschen aus allen Teilen Amerikas ziehen nach North Carolina - junge Angestellte, die für Banken, Energie-, Rüstungs- und Hochtechnologie-Firmen arbeiten, genauso wie Rentner, deren Knochen die subtropische Sonne im Süden besser bekommt als der eisige Winterwind im Norden. Und: Unter den Zuwanderern sind immer mehr Menschen, deren Wurzeln in Lateinamerika und Asien liegen.

Man kann es als Ironie der Geschichte bezeichnen: Vor 150 Jahren gewann der Norden den Bürgerkrieg, weil seine Eisengießereien und Stahlwerke mehr Kanonenkugeln und Gewehre produzieren konnten. Heute sind die Stahlwerke dichtgemacht, und die neuen Jobs entstehen im Süden, im sogenannten Sun Belt, der von North Carolina über Texas bis zum Silicon Valley in Kalifornien reicht.

Für dieses Amerika, wie es in den vergangenen Jahren im Süden gewachsen ist, will Obama stehen: jung, modern, vielfältig, ein Amerika, das aufbricht und alte Gräben hinter sich lässt. Wäre Obama an Traditionen interessiert, an den alten Kernwählern der Demokraten, dann hätte er seinen Wahlparteitag in Detroit veranstaltet oder in Pittsburgh oder an irgendeinem anderen Ort, wo früher die Blechpressen dröhnten, die Hochöfen glühten und die Gewerkschaftsfunktionäre dabei nachhalfen, dass der demokratische Kandidat genügend Stimmen bekam.

Doch Obama schert sich wenig um Traditionen. Er weiß, dass die alten Wählerbiotope der Demokraten austrocknen. Deshalb sucht er sich neue. Politisch hat sich das für ihn vor vier Jahren ausgezahlt: Wie der ganze Süden war North Carolina bis Mitte der Sechzigerjahre fest in Händen der Demokraten gewesen. Erst deren Unterstützung für die um ihre vollen Bürgerrechte kämpfenden Schwarzen trieb die Südstaaten in die Arme der Republikaner. Doch das Pendel schwingt zurück. 2008 war das erste Mal seit 30 Jahren, dass wieder ein demokratischer Präsidentschaftskandidat in North Carolina gewann. Gleiches gelang Obama in Virginia, einem weiteren Südstaat, der sich rasch wandelt.

Amerikas erster schwarzer Präsident lässt sich tief im Süden zur Wiederwahl aufstellen. Das ist Wahlkampftaktik - aber auch ein historischer Moment.

Wahlkampfversprechen von Obama

Versprochen - gebrochen