Wahlkreis-Atlas:Die Antwort liegt auf dem Kaufhaus-Dach

Wollenweber sieht in dem Ergebnis eher das Zusammenspiel der Gemeinden, die in der Verbandsgemeinde Annweiler aufgehen. Jede Partei hat ihr Dörfchen, die CDU gleich mehrere. Silz, Waldhambach, Waldrohrbach haben tiefschwarz gewählt. Die FDP war stark in Wernersberg, die Grünen in Völkersweiler, die Linke in Gossersweiler-Stein.

Annweiler am Trifels Wahlkreisvergleich

Frühstück in Annweiler. Das Spiegelei ist inklusive.

(Foto: Michael König)

Die SPD, Wollenwebers Partei, kam nirgends über 30 Prozent. In Annweiler selbst hat sie mit am besten abgeschnitten, 28 Prozent. "Die 22,8 Prozent insgesamt, die taten mir schon weh", sagt Wollenweber. Ob es diesmal anders laufe? "Die Genossen werden sich krumm machen. Ein Thomas Gebhart ist durchaus schlagbar."

Ortswechsel. Landau in der Pfalz, die nächstgrößere Stadt. Hier hat Thomas Gebhart sein Büro. Er ist der CDU-Bundestagsabgeordnete für den Wahlkreis Südpfalz, 2009 mit 40 Prozent der Erststimmen gewählt. Im Flur hängen Bilder, Ansichten von Las Vegas und Venedig, die Motive so willkürlich wie die Farben. Überall liegt Wahlkampf-Material, die Mitarbeiter diskutieren über die Papierstärke von Flyern: "135 oder 170 Gramm, das macht einen Unterschied von 2000 Euro!" Sie nehmen das teure Papier. Gebhardt seufzt.

Er bietet Wasser an, auf den Gläsern steht "Erfolgs-Union Landau". Er trägt die blonden Haare kurz und das Hemd offen, in seiner Hand eine Mappe mit Notizen. Die Opposition sieht in ihm einen Floskelautomaten, aber vielleicht ist er einfach gut vorbereitet.

Thomas Gebhart sitzt für die CDU im Bundestag

Thomas Gebhart sitzt für die CDU im Bundestag.

(Foto: oH)

"Die Pfälzer sind weit davon entfernt, durchschnittlich zu sein", stellt er klar. Die Beschäftigung liege auf Rekordniveau. Die Menschen seien außerordentlich offen, "sehr herzlich, sehr direkt. Man weiß bei ihnen, woran man ist." Bei der Bundeskanzlerin Angela Merkel sei das ähnlich, "sie veranstaltet keine Show, deshalb ist sie so beliebt, auch hier."

Das erklärt womöglich den schwarz-gelben Wahlsieg, aber nicht das Durchschnittsergebnis von Annweiler. Um diese Frage zu beantworten, bittet er zu einer Exkursion. Es geht Richtung Zentrum, ins einzige Kaufhaus der Stadt. Gebhardt hat hier einen Termin. Auf dem Parkplatz fleht ihn eine Frau an: Ihr Auto sei zugeparkt, ob er ihr helfen könne?

Gebhardt klettert von der Beifahrerseite in ihren blauen Skoda und setzt zurück, langsam, vorsichtig. Die Frau fällt ihm vor Dankbarkeit um den Hals. Ein Moment überdurchschnittlicher Bürgernähe. Das sei jetzt nicht gestellt gewesen, sagt Gebhart und lacht.

Er kommt zu spät zu seinem Termin. Es geht um die Neugestaltung des Bahnhofsviertels, in dem das Kaufhaus wie ein Betonklotz ruht. Die oberen Etagen stehen leer, Renovierungsstau seitens des Vermieters. Der Geschäftsführer führt aufs Dach, Gebhart deutet in alle Himmelsrichtungen. Geschichte, so weit das Auge reicht.

Annweiler am Trifels Wahlkreisvergleich

Der Trifels galt im 12. Jahrhundert als besonders "fest" und durfte deshalb die Reichsinsignien beherbergen.

(Foto: Michael König)

Die Burg Trifels, direkt über Annweiler, benannt nach dem dreifach gespaltenen Felsen, auf dem sie steht. Hier wurden im 12. Jahrhundert die Insignien des Heiligen Römischen Reiches aufbewahrt. In Nußdorf begann im 15. Jahrhundert der Pfälzische Bauernkrieg. Im Dreißigjährigen Krieg von 1618 bis 1648 übernahmen die Franzosen das Gebiet. Im Hambacher Schloss wurde 1832 ein Grundstein deutscher Einheit und Demokratie gelegt.

"Es gab hier immer wieder große Wanderungsbewegungen. Menschen kamen, Menschen gingen", sagt Gebhart. Dieser Durchmischung sei es zu verdanken, dass die Südpfalz eine so repräsentative Lage sei - bis heute. Im benachbarten Haßloch testet die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) neue Produkte. Niedermohr, eine gute Autostunde entfernt, galt nach den Bundestagswahlen 2002 und 2005 als "Wahlorakel", mit minimaler Abweichung vom jeweiligen Bundesergebnis. Die ARD-Tagesthemen waren da, die Zeit widmete dem Ort ein Dossier. Dann kam die Wahl 2009, bei der zu wenige Niedermohrer die Grünen wählten, zu viele SPD und Linke. Der Titel des Wahlorakels war futsch, jetzt ist es Annweiler am Trifels.

Annweiler am Trifels Wahlkreisvergleich

Typische Handbewegung: Markus Becker, Schlägersänger, bekannt für "Das rote Pferd"

(Foto: Michael König)

Dort, im Café Escher, sitzt Markus Becker. Er hat seinen roten Cowboyhut dabei, aber nicht auf dem Kopf. Das erleichtert das Gespräch. Erst als Becker ihn aufsetzt, kräht die Frau am Nachbartisch in breitem Pfälzisch: "Des gibt's ja net, du bisch doch der mit dem roten Pferd!" Kurz darauf steht das halbe Café um Autogrammkarten an.

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