Wahlkreis-Atlas:"Berlin den Berlinern"

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Müller sagt von sich: "Ich bin konservativ im besten Sinne." Ein einfacher Satz, aber bei Müller schwingen Trotz und Rechtfertigung mit. Geboren ist er in Wiesbaden, seit 1996 arbeitet er im Bezirksamt in Treptow-Köpenick. 2001 trat er in die CDU ein, in seinem Bekanntenkreis hat das damals nicht jeder verstanden. 2012 machte ihn die Partei zum Direktkandidaten.

Hat er sich darüber gefreut? "Ich mache das schon gerne", sagt Müller. "Ich bin überzeugt, dass die Menschen auch hier eine gute Vertretung brauchen." Er ist dann schnell bei seinem Programm, bei der Gleichberechtigung aller Verkehrsteilnehmer inklusive Autofahrern, "schließlich sorgen die durch die Zahlung verschiedener Steuern solidarisch auch für Fußgänger und Fahrradfahrer." Bei der "sofortigen und konsequenten Verfolgung von Straftätern" und bei besserem Lärmschutz. Und bei der Wohnungspolitik.

Das Interview mit Müller findet in einem Café nahe des Frankfurter Tors statt, der Weg dorthin ist mit Baugerüsten gesäumt. An vielen Orten im Kiez werden Häuser saniert, Balkone errichtet, Parkettböden verlegt. Die bisherigen Mieter müssen raus, neue Mieter kommen.

"Kreuzberg ist voll"

Es gibt dieses Phänomen - "Gentrifzierung" genannt - in beinahe allen großen Städten. Aber in der Hauptstadt wird die Debatte besonders hitzig geführt. Es gibt Demos und Hausbesetzungen, auch gegen Neubauten regt sich Protest. "Kreuzberg ist voll", sagen Berliner, wenn sie vom dortigen Wohnungsmarkt sprechen. Im Prenzlauer Berg tobt ein absurder Kampf zwischen Schwaben und Nicht-Schwaben. In Friedrichshain hängen Plakate: "Berlin den Berlinern." Sakkotragende Menschen werden mit "Haut ab, ihr scheiß Yuppies" begrüßt.

Müller trommelt mit den Fingerknöcheln auf dem Tisch. "Da fehlt die Toleranz bei genau den Menschen, die immer Toleranz einfordern", sagt er. Und überhaupt, Gentrifizierung. Er könne schon mit dem Wort nichts anfangen. "Dieser Begriff heißt systematische Vertreibung, und ich bezweifle, dass es die gibt." Die Stadt sei nun mal attraktiv, die Modernisierung sei vielerorts nötig, "das ist ein ganz normaler Prozess". Er könne es "Hauseigentümern nicht verdenken, dass sie mit ihren Wohnungen Geld verdienen wollen."

Schnell noch der Hardliner-Test

Sein Weißbier wird schal, er stürzt den Rest hinunter, gleich geht es noch zu einem Termin. Schnell testen, wie konservativ er sich wirklich gibt. Stichwort Homo-Ehe: "Ich habe nichts dagegen, dass Menschen, die dauerhaft füreinander Verantwortung übernehmen, gleichgestellt werden, egal ob homo oder hetero."

Und die Atomenergie? "Ich habe zumindest keine Angst davor", sagt er. "Und ich bin auch nicht so sicher, ob die Atomkraft-Gegner nicht dieselben sind, die irgendwann gegen Stromleitungen in ihrem Garten demonstrieren."

War die Aussetzung der Wehrpflicht richtig? "Ja", sagt Müller, "aus meiner Sicht spricht nichts gegen eine Berufsarmee." Er, der ausgemustert wurde, habe einen umso größeren Respekt vor "unseren Soldaten".

Und das Betreuungsgeld? Müller: "In ländlichen Gebieten ist das sinnvoll, in Großstädten halte ich nichts davon. Gehen Sie mal um neun Uhr abends durch Kreuzberg, da warten die Kinder auf der Straße, dass ihre Eltern nach Hause kommen und sie reinlassen. Es kann nicht sein, dass diese Eltern auch noch Geld dafür bekommen."

Auf zum Termin im Frauenzentrum Frieda, ein paar Blocks weiter. Männer haben hier eigentlich keinen Zutritt, für die Aktion "Wir kommen wählen" wird eine Ausnahme gemacht. Es ist ein heißer Sommerabend, Müllers Konkurrenten begrüßen ihn vor der Tür. Halina Wawzyniak von der Linken, die 2009 über die Landesliste in den Bundestag einzog. Cansel Kiziltepe von der SPD, Sebastian von Hoff von den Piraten.

Hans-Christian Ströbele ist Bundestagsabgeordneter der Grünen

Ströbele, eine Comicfigur: Der Bundestagsabgeordnete der Grünen vor Wahlplakaten in seinem Büro.

(Foto: dpa)

Auch Helmut Metzner von der FDP ist da, einst Büroleiter des damaligen Parteichefs Guido Westerwelle, 2010 über die "Wikileaks-Affäre" gestolpert. Damals kam heraus, das Metzner Partei-Interna an die US-Botschaft weitergegeben hatte. Jetzt versucht er ein Comeback.

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