Wahlkreis-Atlas:Merkels einsamster Kämpfer

Lesezeit: 6 min

Anderswo wäre er Favorit, hier ist er für viele ein Feindbild: Götz Müller kandidiert im traditionell linken Berliner Wahlkreis Friedrichshain-Kreuzberg-Prenzlauer Berg Ost für die CDU. Es ist ein mühsamer Kampf. Gegen Intoleranz gegenüber Konservativen, gegen wütende Frauen und gegen Hans-Christian Ströbele, den Liebling der Massen.

Von Michael König, Berlin

"Hau ab!", haben sie ihm zugerufen, als er zum Plakatekleben kam. "Falscher Kiez!" Auf Götz Müllers Stirn treten Falten hervor, als er davon erzählt. Er will sich einen Zigarillo anzünden, Marke "Al Capone" mit Cognac-Geschmack, aber das Feuerzeug ist kaputt. Die Kellnerin hilft aus. Müller gibt ihr zum Dank einen Kugelschreiber aus seiner Wahlkampf-Kollektion. Sie schaut ihn an und fragt: "Oh, Sie sind von der CDU?" Müller nickt. Die Kellnerin versucht ein Lächeln.

Von der CDU zu sein, das ist für Politiker in weiten Teilen Deutschlands ein Vorteil. CDU-Kandidaten haben gute Chancen, mit der Erststimme in den Bundestag gewählt zu werden. 2009 gewann die Union die mit Abstand meisten Direktmandate, 173 an der Zahl, mehr als alle anderen Parteien zusammen. CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe erinnert dieser Tage häufig daran, wenn er über den Wahlkampf spricht. Er nennt es eine Stärke seiner Partei.

Götz Müller CDU Berlin Friedrichshain-Kreuzberg Direktkandidat

Götz Müller posiert auf seinem Wahlkampf-Flyer neben Angela Merkel. Es sei ein kurzes, aber nettes Treffen mit der Kanzlerin gewesen, sagt er.

(Foto: CDU)

An Götz Müller denkt Gröhe dabei vermutlich nicht. Der Verwaltungsbeamte, 46 Jahre alt, Vater zweier Söhne, ist Direktkandidat in Berlin, genauer: in Friedrichshain-Kreuzberg-Prenzlauer Berg Ost. Ein Wahlkreis, anders als die anderen. Nirgendwo war der Abstand zum Bundesergebnis so groß wie hier. Wenn in der Südpfalz die durchschnittlichsten Wähler der Republik leben, dann sind es im Berliner Osten die extremsten.

Volkspartei sind hier die Grünen, die 2009 mit 27,4 Prozent der Zweistimmen die Mehrheit holten. Gefolgt von den Linken (25 Prozent) und der SPD (20,2). Die CDU kam mit 11,9 Prozent nur auf Platz vier. Noch deutlicher war es bei den Erststimmen: 46,7 Prozent für Hans-Christian Ströbele von den Grünen, als einziger Vertreter zum dritten Mal in Folge als einziger Vertreter seiner Partei direkt in den Bundestag gewählt.

Für die CDU kandidierte 2009 Vera Lengsfeld, eine ehemalige DDR-Bürgerrechtlerin und Trägerin des Bundesverdienstkreuzes. Auf ihren Plakaten posierte sie neben Angela Merkel, beide in tief ausgeschnittenen Kleidern, dazu der Slogan: "Wir haben mehr zu bieten". Das Ergebnis: 11,6 Prozent für Lengsfeld.

Vera Lengsfeld auf dem CDU-Plakat zur Bundestagswahl 2009

Mehr zu bieten? Vera Lengsfeld (rechts) auf ihrem Wahlplakat von 2009. Mit Kanzlerin Angela Merkel war das Motiv angeblich nicht abgesprochen.

(Foto: REUTERS)

Müller will es besser machen. Er will dem 74 Jahre alten Ströbele das Mandat streitig machen, obwohl das eine Sensation wäre, wie er selber sagt. Obwohl es ein Kampf mit ungleichen Waffen ist.

Ströbele ist momentan häufig im Fernsehen, er gibt Interviews für Zeitungen und Online-Medien. Seine Stimme klingt heiser am Telefon, er kann die Nummern der Journalisten nicht mehr auseinanderhalten, die mit ihm über die Internet-Überwachung der Briten und Amerikaner reden wollen. Ströbele ist Experte auf diesem Gebiet, er gehört dem Parlamentarischen Kontrollgremium zur Kontrolle der Nachrichtendienste an.

Götz Müller ist Fraktionschef der Union in der Bezirksverordnetenversammlung Friedrichshain-Kreuzberg. Er verweist gerne auf seinen Online-Auftritt. Bei Facebook hat er 71 Fans. Ströbele mehr als 6000.

"Ich bin konservativ im besten Sinne"

Die Grünen haben ihren Kandidaten auf 3700 Plakate gedruckt, einmal klassisch im Porträt, einmal als Comic-Zeichnung. Von Müller gibt es 1300 Plakate und nur ein Motiv: Müller im schwarzen Sakko, weißes Hemd, keine Krawatte. Die grauen Haare ordentlich gescheitelt. Das Parteilogo rechts unten.

Er will seriös wirken, Extravaganzen sind Müller fremd. Von den Zigarillos vielleicht abgesehen. Und von seinem Handy-Klingelton. Der geht so: "Halloooo, Guten Mooooorgen, Deutschland. Ich wünsch dir einen guuuuuten Tag."

"Berlin den Berlinern"

Müller sagt von sich: "Ich bin konservativ im besten Sinne." Ein einfacher Satz, aber bei Müller schwingen Trotz und Rechtfertigung mit. Geboren ist er in Wiesbaden, seit 1996 arbeitet er im Bezirksamt in Treptow-Köpenick. 2001 trat er in die CDU ein, in seinem Bekanntenkreis hat das damals nicht jeder verstanden. 2012 machte ihn die Partei zum Direktkandidaten.

Hat er sich darüber gefreut? "Ich mache das schon gerne", sagt Müller. "Ich bin überzeugt, dass die Menschen auch hier eine gute Vertretung brauchen." Er ist dann schnell bei seinem Programm, bei der Gleichberechtigung aller Verkehrsteilnehmer inklusive Autofahrern, "schließlich sorgen die durch die Zahlung verschiedener Steuern solidarisch auch für Fußgänger und Fahrradfahrer." Bei der "sofortigen und konsequenten Verfolgung von Straftätern" und bei besserem Lärmschutz. Und bei der Wohnungspolitik.

Das Interview mit Müller findet in einem Café nahe des Frankfurter Tors statt, der Weg dorthin ist mit Baugerüsten gesäumt. An vielen Orten im Kiez werden Häuser saniert, Balkone errichtet, Parkettböden verlegt. Die bisherigen Mieter müssen raus, neue Mieter kommen.

"Kreuzberg ist voll"

Es gibt dieses Phänomen - "Gentrifzierung" genannt - in beinahe allen großen Städten. Aber in der Hauptstadt wird die Debatte besonders hitzig geführt. Es gibt Demos und Hausbesetzungen, auch gegen Neubauten regt sich Protest. "Kreuzberg ist voll", sagen Berliner, wenn sie vom dortigen Wohnungsmarkt sprechen. Im Prenzlauer Berg tobt ein absurder Kampf zwischen Schwaben und Nicht-Schwaben. In Friedrichshain hängen Plakate: "Berlin den Berlinern." Sakkotragende Menschen werden mit "Haut ab, ihr scheiß Yuppies" begrüßt.

Müller trommelt mit den Fingerknöcheln auf dem Tisch. "Da fehlt die Toleranz bei genau den Menschen, die immer Toleranz einfordern", sagt er. Und überhaupt, Gentrifizierung. Er könne schon mit dem Wort nichts anfangen. "Dieser Begriff heißt systematische Vertreibung, und ich bezweifle, dass es die gibt." Die Stadt sei nun mal attraktiv, die Modernisierung sei vielerorts nötig, "das ist ein ganz normaler Prozess". Er könne es "Hauseigentümern nicht verdenken, dass sie mit ihren Wohnungen Geld verdienen wollen."

Schnell noch der Hardliner-Test

Sein Weißbier wird schal, er stürzt den Rest hinunter, gleich geht es noch zu einem Termin. Schnell testen, wie konservativ er sich wirklich gibt. Stichwort Homo-Ehe: "Ich habe nichts dagegen, dass Menschen, die dauerhaft füreinander Verantwortung übernehmen, gleichgestellt werden, egal ob homo oder hetero."

Und die Atomenergie? "Ich habe zumindest keine Angst davor", sagt er. "Und ich bin auch nicht so sicher, ob die Atomkraft-Gegner nicht dieselben sind, die irgendwann gegen Stromleitungen in ihrem Garten demonstrieren."

War die Aussetzung der Wehrpflicht richtig? "Ja", sagt Müller, "aus meiner Sicht spricht nichts gegen eine Berufsarmee." Er, der ausgemustert wurde, habe einen umso größeren Respekt vor "unseren Soldaten".

Und das Betreuungsgeld? Müller: "In ländlichen Gebieten ist das sinnvoll, in Großstädten halte ich nichts davon. Gehen Sie mal um neun Uhr abends durch Kreuzberg, da warten die Kinder auf der Straße, dass ihre Eltern nach Hause kommen und sie reinlassen. Es kann nicht sein, dass diese Eltern auch noch Geld dafür bekommen."

Auf zum Termin im Frauenzentrum Frieda, ein paar Blocks weiter. Männer haben hier eigentlich keinen Zutritt, für die Aktion "Wir kommen wählen" wird eine Ausnahme gemacht. Es ist ein heißer Sommerabend, Müllers Konkurrenten begrüßen ihn vor der Tür. Halina Wawzyniak von der Linken, die 2009 über die Landesliste in den Bundestag einzog. Cansel Kiziltepe von der SPD, Sebastian von Hoff von den Piraten.

Hans-Christian Ströbele ist Bundestagsabgeordneter der Grünen

Ströbele, eine Comicfigur: Der Bundestagsabgeordnete der Grünen vor Wahlplakaten in seinem Büro.

(Foto: dpa)

Auch Helmut Metzner von der FDP ist da, einst Büroleiter des damaligen Parteichefs Guido Westerwelle, 2010 über die "Wikileaks-Affäre" gestolpert. Damals kam heraus, das Metzner Partei-Interna an die US-Botschaft weitergegeben hatte. Jetzt versucht er ein Comeback.

90 Minuten echte Gefühle

Nur Ströbele fehlt noch, er kommt zu spät, seine Konkurrenten werfen sich vielsagende Blicke zu. Die engagierte Leiterin des Frauenzentrums teilt die Politiker auf sechs Stehtische in drei Räumen auf, dort sollen sie Fragen der Frauen beantworten. "Ein bisschen so wie Speed-Dating" sei das.

CDU-Mann Müller bekommt Tisch Nummer drei, die erste Fragestellerin bestürmt ihn: "Wann kommt der Mindestlohn?" Müller: "In vielen Branchen gibt es den ja schon ..." Die Frau, zischend: "Der Mindestlohn für alle." Müller: "Den wird es mit uns nicht geben, der ist auch gar nicht förderlich ..." Die Frau: "Dann wollen Sie also nichts dagegen tun, das eine Putzhilfe im Hotel nur drei Euro verdient. Danke, ich habe genug gehört."

Götz Müller Direktkandidat CDU Berlin Friedrichshain-Kreuzberg

Götz Müller vor dem Frauenzentrum "Frieda" in Berlin-Friedrichshain.

(Foto: oH)

"Ihm fehlt noch das Know-How"

Es ist nur der Anfang eines langen Termins. Auge in Auge mit dem Wähler, 90 Minuten echte Gefühle. An den anderen Tischen stehen mehr Frauen als bei Müller, bei Ströbele sind es besonders viele.

Der Grüne ist in Plauderlaune, er erzählt Anekdoten aus seinen insgesamt 17 Jahren im Bundestag. Fragen beantwortet er, ehe sie ganz gestellt sind. An einer Stelle sagt er: "Die Grünen sind eine Partei, die in der Lage ist, sich - in Maßen - selbst zu korrigieren." Seine Zuhörerinnen nicken, eine tätschelt ihm den Arm.

Müller soll währenddessen sein Konzept für ein globales Finanzsystem erklären, er sagt: "So spontan kann ich das nicht." Eine Frau hält ihm vor, er sehe "nur das Schlechte im Menschen". Sie lehnt Hartz IV ab, Müller will es ihr nicht gleich tun. Immer wieder laden Frauen ihre Wut über das Betreuungsgeld bei ihm ab. "Da muss man differenzieren", sagt Müller, aber er dringt nicht durch. "Ein sympathischer Kerl, aber ihm fehlt das Know-How", sagt eine Frau über ihn. Mehr Lob ist hier nicht zu holen.

Als die Zeit abgelaufen ist, überreicht Müller ihr einen Kugelschreiber. Sie wehrt ab, doch er besteht darauf, hält ihr den Stift vor die Nase. "Nehmen Sie ruhig", sagt Müller. "Ich habe genug davon."

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema