Wahlkampfstart von Hillary Clinton Mit Populismus ins Weiße Haus

Nach ihrer Rede zum Wahlkampfauftakt posiert Hillary Clinton mit einer Zuhörerin für ein Selfie. Die Reaktionen des Publikums auf ihre Rede waren freundlich, aber nicht enthusiastisch.

(Foto: REUTERS)

Kämpferin für die Mittelschicht und Kampfansage an die Eliten: Hillary Clinton rückt deutlich nach links. Offensiv umwirbt sie Obamas Anhänger. Um nicht abgehoben zu wirken, erzählt sie viel über ihre Mutter.

Analyse von Matthias Kolb

Die Kulisse ist perfekt, die Kandidatin locker und die Kritik eindeutig: Bei ihrem ersten großen Wahlkampfauftritt präsentiert sich Hillary Clinton als Kämpferin für all jene Amerikaner, die nur mit Mühe und mehreren Jobs alle Rechnungen bezahlen können. "Wohlstand ist nicht nur etwas für Konzernchefs und Hedgefonds-Manager. Die Demokratie darf nicht nur Milliardären und Firmen nutzen", sagt die Demokratin vor 5500 Anhängern am Samstag in New York.

Die 67-Jährige, die im November 2016 Nachfolgerin von Barack Obama werden will, gibt sich nicht als erfahrene Diplomatin, sondern als wütende Populistin. Sie schimpft darüber, dass sich Millionen junge Amerikaner verschulden müssen, um studieren zu können. Sie beklagt, dass im US-Steuerrecht Krankenschwestern einen höheren Anteil ihres Gehalts an den Staat zahlen müssen als Bankmanager.

Hillary Clinton "Weder frisch, noch neu, noch jung" Video
Videokolumne
Hillary Clintons Präsidentschaftskandidatur

"Weder frisch, noch neu, noch jung"

Die US-Bürger sehnen sich nach einem Neuanfang. Aber Hillary Clinton kennen sie schon lange - womöglich zu lange. Kann sie sich in ihrem Kampf ums Weiße Haus noch einmal neu erfinden?

Es sind genau die Themen, die progressive Amerikaner beschäftigen und für die linke Demokraten wie die Senatoren Elizabeth Warren oder Bernie Sanders seit Monaten Lösungen fordern. Clinton verwendet mitunter wortgleiche Formulierungen wie ihr Herausforderer Sanders (hier ein SZ-Porträt) und mit ihrem Auftritt will sie deutlich machen, dass sie die Sorgen der strauchelnden Mittelschicht ernst nimmt.

In aller Deutlichkeit bekennt sich Clinton zu den wichtigen Anliegen der liberalen Basis der Demokraten: Sie verspricht, sich als Präsidentin für mehr Klimaschutz einzusetzen, die Rechte von Homosexuellen zu stärken und "gesetzestreuen Einwanderern" den Weg zur Staatsbürgerschaft zu ermöglichen. Hier zeichnet sich eine Strategie ab: Der Ex-Außenministerin geht es nicht darum, konservative Wähler von sich zu überzeugen. Ihr Kalkül besteht vielmehr darin, mit den Stimmen der Obama-Koalition (Junge, Schwarze, Latinos, Frauen sowie Akademiker) ins Weiße Haus zu kommen.

Präsident Roosevelt und Mama Dorothy als Vorbilder

Als Ort ihrer ersten Kundgebung hat Clintons Team Roosevelt Island ausgewählt, eine schmale Insel im New Yorker East River. Ihr Namensgeber ist Franklin Roosevelt, jener US-Präsident, der die USA während des Zweiten Weltkriegs führte. Den damals herrschenden Gemeinschaftssinn möchte Clinton als Präsidentin wiederbeleben: "Wenn jeder hart arbeitet, dann kommt jeder voran und dem Land geht es insgesamt besser." Es dürften nicht mehr nur einige wenige vom Wohlstand des Landes profitieren.

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Von Roosevelt Island ist die Skyline Manhattans bestens zu sehen - darunter auch das Hauptquartier der Vereinten Nationen, in dem sich die ehemalige Außenministerin jahrelang für Amerikas Interessen eingesetzt hat. Und in Clintons Rücken stehen auch die Wolkenkratzer jener Wall-Street-Banken, deren Geschäfte sie nun als Kandidatin stärker regulieren möchte. Dabei hat die ehemalige First Lady als New Yorker Senatorin jahrelang die Interessen der Finanzindustrie vertreten, weshalb in der Parteibasis viele zweifeln, dass es die Multimillionärin Clinton mit deren Umsetzung ernst meint.

Zuletzt war Geld das dominierende Thema in der Berichterstattung über die Clintons: Es ging um fehlende Transparenz bei Spenden an die Familienstiftung und um hohe Honorare. Allein mit Redeauftritten hatten Hillary und Bill 30 Millionen Dollar seit Anfang 2014 verdient - eine schier unvorstellbare Summe für all jene "everyday Americans", um deren Stimmen Hillary Clinton wirbt.

Um diese Kritik zu kontern, präsentiert sich Clinton als selbstlose Kämpferin für die Schwachen. Ein fünfminütiges Video erinnert daran, dass sie nach dem Jura-Studium zunächst bei einer Organisation für Kinderrechte gearbeitet hatte und sich schon als First Lady für Frauenrechte einsetzte. Und um ihre menschliche Seite zu betonen und selbst nicht zu elitär zu wirken, erzählt sie mehrmals in ihrer 45-minütigen Rede von ihrer Mutter Dorothy Rodham.

Das Werben um die Wählerstimmen hat gerade erst begonnen

Diese sei früh auf sich allein gestellt gewesen, weil sich weder Eltern noch Großeltern um sie kümmern wollten. Dorothy habe ein Leben lang hart arbeiten müssen, damit es ihrem Nachwuchs besser gehe. "Mom hat mir gezeigt, dass ich vor niemandem Angst haben muss und dass keine Hürde für mich zu groß ist", sagte Clinton. Ihre Mutter, die 2011 mit 92 Jahren starb, habe nie die Hoffnung aufgegeben, sondern stets an das Gute im Menschen geglaubt - und natürlich auch an ihre Tochter. Es ist genau diese Hoffnung und dieses Selbstvertrauen, dass sie als Präsidentin den Amerikanern mitgeben will.

Für ihren Auftritt, der für ihre Verhältnisse entspannt und selbstironisch ("mein Haar wird im Weißen Haus nicht grau werden, denn ich färbe schon jahrelang") war, erhielt Clinton freundlichen Applaus. Der größte Jubel war zu hören, als sie Kritik an ihrem Alter mit dem Spruch konterte: "Ich werde die jüngste Präsidentin in der Geschichte der USA sein."

Hillary Clinton "Ich werde die jüngste Präsidentin der USA sein"
Hillary Clinton im US-Wahlkampf

"Ich werde die jüngste Präsidentin der USA sein"

Kein anderer demokratischer Bewerber in den USA hatte je so gute Voraussetzungen wie Hillary Clinton. Sie präsentiert sich als Anwältin der Mittelschicht und der Minderheiten. Doch reicht das, um die erste Präsidentin der Vereinigten Staaten zu werden?

In ihrer Wahlheimat New York und anderen urbanen Zentren kommt Hillary Clinton gut an, doch in anderen Teilen des Landes muss sie noch viel Übergangsarbeit leisten. Im Anschluss an den New Yorker Auftritt flog sie sofort nach Iowa, wo im Februar 2016 die erste Vorwahl stattfindet - in diesem Staat hatte sie 2008 im ersten Versuch gegen Barack Obama krachend verloren. Dort will sie bei "House Parties" in Wohnzimmern skeptische Wähler von sich überzeugen. Nach dieser populistischen Rede dürfte ihr das leichter fallen.