Wahlkampf zur Bundestagswahl:Langeweile wiegt die Bürger in Sicherheit

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Langeweile? Die angebliche Langeweile ist eine Reaktion auf die Undurchschaubarkeit der Finanz- und Euro-Krise: Die Menschen versuchen, dieser Krise aus dem Weg zu gehen, obwohl sie wissen, dass sie ihre Zukunft betrifft. Die Langeweile ist also Ergebnis eines Annäherungs-Vermeidungs-Konflikts. Die Langeweile und das Lamento darüber suggerieren Ruhe und Gefahrlosigkeit: Langeweile herrscht, wenn nichts Aufregendes passiert. Langeweile blüht nur auf in Sicherheit; Langeweile ist geradezu ein Symbol von Sicherheit. Deswegen ist das Gefühl der Langeweile in gefährlichen Zeiten willkommen. Es wiegt in Sicherheit. Es handelt sich um trügerische Langeweile.

Weil sie das ahnen, haben fast 18 Millionen Menschen das TV-Duell zwischen Merkel und Steinbrück verfolgt; das ist spektakulär. Die Zuschauerzahlen bei anderen Streitgesprächen sind ebenso bemerkenswert. Das mag mit der Spektakelhaftigkeit zu tun haben, mit der das alles inszeniert wird.

Vor allem aber hat es damit zu tun, dass die Leute spüren: Die Langweiligkeit des Wahlkampfs ist nur eine Kulisse, hinter der es brodelt. Sie wollen wissen, wie die Politiker nach dem Wegräumen der Kulisse agieren werden. Wenn die Leute erleben, dass die Politiker es nicht sagen, weil sie es selber nicht wissen oder wollen: Dann lullen sich die Leute wieder ein in der Pseudosicherheit der Langeweile. Einigkeit macht stark? Die deutsche Einigkeit in der Langeweile macht Merkel stark und die SPD schwach.

Steinbrück - von aussichtslos zu etwas weniger aussichtslos

Aber: Gar nichts ist langweilig. Langweilig ist nur das Gerede darüber. Schon gar nicht langweilig ist die SPD; deren Schicksal ist spektakulär. Sie hat es mit dem ordentlichen Auftritt von Peer Steinbrück beim TV-Duell geschafft, aus der Defensive zu kommen. Steinbrück hat es mit dem Duell von einer aussichtslosen auf eine etwas weniger aussichtslose Position gebracht. Er hat auch seine persönliche Ehre wieder hergestellt:

Es war ja schon so getan worden, als habe der Mann nicht alle Tassen im Schrank. Zwei Wochen vor der Wahl muss man sich vor Augen halten, welche Dramatik sich da binnen eines Jahres entwickelt hat: Als der damals überall hochgelobte Steinbrück am 1. Oktober 2012 als Kandidat nominiert wurde, stand die SPD gut da, lag Rot-Grün in Griffweite: Die SPD legte in den Umfragen auf 31 Punkte zu, in der allgemeinen Zustimmung lag sie mit 36 Prozent nur noch wenig hinter der Union. Dann nahm die SPD-Tragödie ihren Lauf.

Ein Spitzenkandidat soll strahlender Mittler sein zwischen Partei und Wähler; mit Steinbrück hat die Vermittlung nicht funktioniert. Stünde er am Ende des Wahlkampfs mit der SPD wenigstens wieder da, wo die Partei vor einem Jahr stand - es wäre eine Sensation. Wenn diese nicht eintritt, dann deswegen, weil sich die SPD nicht an den Rat von Willy Brandt aus dem Jahr 1964 gehalten hat: "Langeweile gehört ebenso wenig zur Demokratie wie deutsche Niederlagen zur Olympiade. Beides lässt sich ändern. Und beides werden wir ändern." Die SPD hat es nicht getan.

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