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Wahlkampf:Was Martin Schulz von Jeremy Corbyn lernen kann

Martin Schulz

Der Kanzlerkandidat der SPD sollte sich wieder auf sein Herzensthema Gerechtigkeit konzentrieren.

(Foto: dpa)
  • Jeremy Corbyn hat in Großbritannien geschafft, wovon Martin Schulz träumt: Er hat in nur wenigen Wahlkampfwochen viel Boden gut gemacht.
  • Sein Erfolg zeigt: Der Kanzlerkandidat der SPD sollte sich wieder auf sein Herzensthema Gerechtigkeit konzentrieren.
  • Und er sollte aufhören, es allen recht machen zu wollen.

Es ist einfach zu verständlich: Kaum stand das Ergebnis aus Großbritannien fest, meldete sich schon Martin Schulz zu Wort. Via Twitter jubelte der SPD-Kanzlerkandidat über eine grandiose Aufholjagd von Jeremy Corbyn, gratulierte dem Labour-Chef und kündigte sofort an, dass er ihn in allernächster Zeit treffen werde.

Der neue Glanz des Briten soll auch den Deutschen treffen. Man kann es Schulz in seinem Umfragetief nicht verdenken.

Corbyn hat geschafft, was Schulz sich erträumt: Er hat einen nachgerade gigantischen Rückstand aufgeholt. Binnen 50 Tagen sind aus 24 gerade mal zwei Prozentpunkte geworden. Was wäre das schön für den Sozialdemokraten. Er liegt aktuell zwar "nur" um rund 14 Punkte hinter der Union und Angela Merkel. Das aber fühlt sich an, als sei die Kanzlerin längst uneinholbar davon gezogen.

Umso mehr stellt sich die Frage: Was kann Martin Schulz von Corbyn lernen? Umgekehrt gefragt: Was hat Corbyn, das Schulz nicht hat?

Die Briten haben sich an Corbyn gerieben

Die wahrscheinlich größte Stärke des Briten liegt in seiner Klarheit. Er hat sich nicht verbiegen lassen, hat in seinem Ruf nach mehr sozialer Gerechtigkeit in Großbritannien nicht nachgelassen. Die Leute, vor allem viele junge Menschen, haben gespürt, wofür er kämpft. Sie haben bei ihm immer und immer wieder erkennen können, was ihn umtreibt. Kauzig zwar, aber stets empathisch. Kein eleganter, glattgeschliffener Kieselstein. Eher ein kleines Stück kantiger Fels. Nicht besonders groß, aber eigen. Und sich unbeirrbar der Ungerechtigkeiten in der britischen Gesellschaft annehmend.

Das hat Energie erzeugt, das wahrscheinlich größte Pfund in einem Wahlkampf. Die Menschen haben sich an ihm gerieben, aber sie haben gespürt und gefühlt, was ihn mit größter Leidenschaft antreibt. Und das war nicht der Ehrgeiz, ganz oben zu stehen. Es war der Wunsch, das Leben für Menschen, denen es nicht gut geht, besser zu machen. So einfach, so wirkungsvoll.