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Wahlkampf:Die Quereinsteiger von gestern haben sich oft rasch als Enttäuschungen erwiesen

Für gestandene ÖVPler ist die lange sozialdemokratische Dominanz in Österreich ein Verhängnis, das gewissermaßen den natürlichen Gegebenheiten des Landes, dem überhistorischen Konservativismus seiner Bewohner widerspricht.

Die ÖVP wird mit Kurz wieder zur Nummer eins in Österreich, indem sie sich als Partei auf- und als Wahlliste ausgibt. Seitdem Kurz dieses Manöver gelang, ist er vollauf damit beschäftigt, zweierlei zu tun:

Erstens nichts, denn er ist abgetaucht, vermeidet es (zumindest bis Anfang September), irgend klare programmatische Aussagen zu machen, überlässt es merkelweise den anderen, sich im Wahlkampf abzunutzen. Und zweitens überrascht er jede Woche mit einem neuen Kandidaten seines Teams, dessen Verdienst es ist, kein Politiker zu sein, sondern als Quereinsteiger anzuheuern.

Wahl in Österreich Schlank an die Macht
Wahlkampf in Österreich

Schlank an die Macht

Bei Jungwählern werden Politiker mit drahtiger Statur als glaubwürdiger wahrgenommen, sagt ein österreichischer Jugendforscher. Das könnte für den Rechtspopulisten Strache zum Problem werden.

Der Quereinsteiger ist eine relativ neue Spezies, die im politischen Biotop ermüdender Demokratien gedeiht. Die Spezies blüht auf, weil eine andere, die in diesem Biotop lange unangefochten war, mittlerweile in diesem unterzugehen droht.

Der Quereinsteiger tritt vermehrt dort zutage, wo der Politiker seinen Platz räumt oder räumen muss. Unter den Quereinsteigern der Politik gibt es, so wie unter den Journalisten, Opernsängern und Schustern, gescheite Kerle und ausgewiesene Dummköpfe, moralische Existenzen und berechnende Schurken, politisch gebildete, halbgebildete und demonstrativ ungebildete Leute.

Dass ein Quereinsteiger politische Überzeugungen hat und auch fähig ist, diese zu verfechten, ist möglich, aber nicht der Grund, warum er neuerdings so häufig auf wählbare Plätze gehievt wird.

Dilettanten bleiben - oder ganz normale Politiker werden

Kurz hat in rascher Folge eine überaus sympathische, nach einem Trainingsunfall querschnittgelähmte Stabhochspringerin, eine Society-Lady, die den Opernball organisiert, den Vizepräsidenten der Wiener Polizei und einen Universitätsprofessor für Mathematik als Spitzenkandidaten seiner Liste präsentiert. Sie haben nicht viel Gemeinsames, außer dass sie zu ihrem politischen Amt durch die lobenswerte Tatsache kommen, bisher keines ausgeübt zu haben.

Quereinsteiger in der Politik gab es auch früher schon, freilich waren sie nie so umworben wie heute. Die Quereinsteiger von gestern haben sich oft rasch als Enttäuschungen erwiesen: Sie enttäuschten die Parteien, von denen sie gerufen wurden, weil sie Stimmen für diese nur akquirieren konnten, solange sie noch mit jener Rolle identifiziert wurden, die sie eben ablegen mussten, um sich in die Partei einzugliedern.

Weiters sind sie in der Regel auch selbst enttäuscht, weil sie sich überfordert, ja nutzlos und auf gut bezahlte Weise missbraucht vorkommen.

Und sie enttäuschen ihre Wähler, weil sie als Nichtpolitiker entweder Dilettanten bleiben, die das politische Handwerk nicht beherrschen und folglich nichts weiterbringen, oder weil aus ihnen - ganz normale Politiker werden.

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