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Wahlkampf in Thüringen:Herr Althaus und der Unfall

Während Thürigens Ministerpräsident Althaus den politischen Gegner um Zurückhaltung bittet, berichtet er selbst freizügig über seinen Skiunfall, bei dem eine Frau ums Leben kam.

Christiane Kohl, Dresden

Das Plakat wirkt überlebensgroß, und es hängt an beinahe jeder größeren Kreuzung in thüringischen Städten: Dieter Althaus, der Ministerpräsident, inmitten von Menschen, die offenbar symbolhaft die Bürger des Landes repräsentieren sollen. Da ist der Mann mit dem gelben Helm und die Frau mit der Gartenschere - gleichsam die "Werktätigen", wie es früher im DDR-Jargon hieß.

Thüringer Tapete: Ministerpräsident Althaus inmitten von Menschen, die offenbar die Bürger Thüringens repräsentieren sollen.

(Foto: Foto:)

Daneben sieht man eine Frau und einen Mann samt Brille, die unschwer als Vertreter sogenannter intellektueller Berufe zu erkennen sind. Aus der Plakatecke lächelt ein farbiger Mitbürger den Betrachter an. Indes ist die interessanteste Person links neben dem Ministerpräsidenten postiert: eine junge Mutter mit einem Baby im Arm. Wie die heilige Maria scheint sie liebevoll ihr Kind zu liebkosen - und der Ministerpräsident steht gleichsam beschützend an ihrer Seite.

Dieter Althaus mit einer jungen Mutter auf dem Wahlplakat: Der thüringische SPD-Landeschef Christoph Matschie, der im Landtagswahlkampf gegen den Ministerpräsidenten antritt, findet das schlicht geschmacklos. Denn immerhin sei Althaus vor nicht allzu langer Zeit in einen Skiunfall verwickelt gewesen, bei dem eine Mutter ums Leben kam. Dass er nun versucht, das Unglück, bei dem er zu Jahresbeginn selbst schwer verletzt wurde, für Wahlkampfzwecke zu nutzen, hält Matschie für "in höchstem Maße unanständig". Der SPD-Politiker legt nach: "Wer so mit seiner Schuld am Tod eines Menschen umgeht, den muss man ernsthaft fragen, ob er dem Amt als Ministerpräsident menschlich gewachsen ist."

Am Neujahrstag war Althaus in Österreich auf einer Abfahrt mit einer Skifahrerin zusammengestoßen. Die Frau, Mutter eines einjährigen Kindes, starb bei dem Unfall; Althaus wurde wegen fahrlässiger Tötung zur Zahlung von mehr als 30000 Euro verurteilt. Wochenlang wurde er wegen eines schweren Schädel-Hirn-Traumas behandelt. Seit er im April in sein Arbeitszimmer zurückkehrte, ließ er kaum Gelegenheiten aus, seine Fitness zu demonstrieren.

Seine politischen Gegner kommentierten den Unfall zunächst kaum: Aus Gründen der politischen Fairness hatten Matschie wie Bodo Ramelow, Spitzenkandidat der Linkspartei, mit Blick auf den Landtagswahltermin in Thüringen am 30. August beschlossen, den Unfall aus der politischen Auseinandersetzung herauszuhalten. Schließlich hatte auch Althaus öffentlich um solche Zurückhaltung gebeten.

Indes begann der Ministerpräsident nun selbst, den Unfall und seine Folgen öffentlich zu thematisieren. So berichtete er im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung, dass er beim Urlaub in Österreich vor einigen Wochen erstmals das Grab der bei dem Unfall getöteten Beata Christandl besucht habe.

Tage später offenbarte er in der Bild, dass er täglich für die Tote bete. Es folgten Bekenntnisse über seine Ehe und den "Schub für mehr Sensibilität", den ihm der Unfall gegeben habe: "Ich gehe jetzt noch mehr auf die Menschen in meiner Umgebung ein", verkündete er. Weitere Interviews in Yellow-Press-Blättern folgten. Unterdessen wuchs bei Althaus' politischen Gegnern offenbar der Ärger. "Ich finde es erschreckend, mit welcher Kaltschnäuzigkeit Althaus versucht, aus dem Tod einer Mutter politisches Kapital zu schlagen", kritisiert etwa der SPD-Mann Matschie. Er wirft Althaus "heuchlerische Doppelmoral" vor.

© SZ vom 11.08.2009/woja
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