Süddeutsche Zeitung

Wahlkampf in Thüringen:Althaus - wieder im Tritt

Wahlkampf per Fahrrad: Thüringens Ministerpräsident Althaus will allen beweisen, dass er von seinem Skiunfall ganz genesen ist. Doch das Thema verfolgt ihn weiterhin.

Christiane Kohl

Eigentlich wollte der Bürgermeister das erste Wort an den prominenten Besucher richten. Doch der Pfarrer der kleinen thüringischen Gemeinde Bodenrode bei Heiligenstadt ist schneller gewesen: Er zieht Dieter Althaus von dem Dorfplatz mit dem großen Steintisch und den alten Linden fort in die Kirche hinein, und der Ministerpräsident scheint sichtlich dankbar dafür zu sein - nach der Hitze der Fahrt sei dieser "kühl durchflutete Raum" doch genau das Richtige, meint Althaus.

Er ist in der glühenden Sonne mit dem Fahrrad nach Bodenrode gekommen, etwa 50 junge Leute sind in seinem Schlepptau mitgeradelt, das sogenannte "Team Thüringen" wurde von Autos mit Wahlplakaten begleitet und auch von einem Fernseh-Team. Denn die Radtour Richtung Heiligenstadt ist eine Art inoffizielle Wahlkampferöffnung.

Lieber ein Vaterunser

Und doch steht der Ministerpräsident nun mit seiner Radfahrertruppe vor dem Altar und murmelt leise das Vaterunser - im katholischen Eichsfeld steht die Kirche eben unverrückbar mitten im politischen Dorfleben. Da wundert es nicht, dass der Pfarrer im Gotteshaus jetzt den Straßenbau anspricht. Der Zufahrtsweg zu einer nahegelegenen Wallfahrtsstätte müsse dringend erneuert werden. Der Ministerpräsident verspricht Abhilfe, und wenig später, als er wieder unter den Linden steht, erzählt Althaus von den vielen Wallfahrten, die er selbst schon seit seiner Kindheit unternommen habe.

Hierhin und dorthin wendet sich der Ministerpräsident, der an diesem Tag ein lockeres blaues T-Shirt trägt zu beigefarbenen Jeans. Althaus, 51, erkundigt sich nach den Befindlichkeiten einzelner Dorfbewohner und unterschreibt Autogrammkarten, während ein mitgeradelter Schifferklavierspieler das Liedchen "Üb' immer Treu und Redlichkeit" intoniert. Weder in Bodenrode noch in den Nachbardörfern, durch welche die Radfahrergruppe noch kommt, gibt es Bürger, die der Ministerpräsident nicht per Du anredet - Althaus scheint sie alle bestens zu kennen.

Ein Wahlkampf auf die Kumpeltour, so will es der CDU-Politiker wohl auch in den kommenden Wochen bis zur thüringischen Landtagswahl am 30. August halten. An die 100 Termine sind geplant, zumeist auf Marktplätzen, mit Musikbegleitung, Hüpfburgen für Kinder und anderen Späßen. Die Christdemokraten setzen voll auf die persönliche Ausstrahlung ihres Spitzenkandidaten.

Sympathiewerte ganz oben

Denn die persönlichen Sympathiewerte des Wahlkämpfers Althaus könnten kaum besser sein: Nach einer aktuellen Umfrage stehen 83 Prozent der CDU-Anhänger hinter ihm, selbst jeder vierte SPD-Wähler zieht den amtierenden Ministerpräsidenten dem eigenen SPD-Kandidaten Christoph Matschie vor. Insgesamt hat die CDU nach den Umfragewerten von 36 Prozent zu Jahresbeginn in den letzten Wochen auf 40 Prozent zugelegt. Dass Althaus seine absolute Mehrheit in Thüringen wird halten können, scheint trotzdem eher ungewiss.

Von dem Skiunfall am Neujahrstag in Österreich spüre er körperlich "keinerlei Beeinträchtigungen" mehr, erzählt der Politiker jetzt bei einem Radstopp in einer Eisdiele nahe Heiligenstadt: Er brauche keine Medikamente mehr zu nehmen und werde auch nicht mehr von den Ärzten beobachtet. Ganz so wie früher aber könne er sich nicht fühlen, betont er - die getötete Skifahrerin erwähnt er zunächst nicht.

Beata Christandl war bei dem Unfall ums Leben gekommen, Althaus hatte schwere Kopfverletzungen erlitten und war ins künstliche Koma versetzt worden. Wochenlang schien es unsicher, ob er überhaupt in die Politik werde zurückkehren können. Nach dem Aufenthalt in einer Reha-Klinik am Bodensee aber meldete er sich im Frühjahr zurück, so als sei beinahe nichts gewesen.

Kritiker reagierten seinerzeit verblüfft auf die Art, wie er mit den Folgen des Unfalls umging: Zwar hatte ein österreichisches Gericht Althaus im Schnellverfahren für schuldig an dem Unfall befunden, als dessen Folge die 47-jährige Beata Christandl getötet worden war. Es galt als erwiesen, dass Althaus mit hoher Geschwindigkeit gegen die Fahrtrichtung in eine kreuzende Piste eingebogen war, auf der die Skifahrerin nichtsahnend ins Tal hinunterfuhr.

Die Richter verurteilten ihn wegen fahrlässiger Tötung zu einer Geldstrafe von 33.000 Euro sowie zu 5000 Euro Schmerzensgeld an die Hinterbliebenen der Skifahrerin. Althaus nahm das Urteil an. Doch in seinen offiziellen Erklärungen schien er die Sache nicht so recht persönlich zu nehmen.

"Keine direkte Schuld"

Er könne keine direkte Schuld empfinden, erklärte der Ministerpräsident immer wieder, weil er keine Erinnerung an den Zusammenstoß mit Frau Christandl habe, die ein damals ein Jahr altes Kind hinterließ. In einem Brief an den Witwer hatte er ebenfalls nur die juristische Schuld eingeräumt und ansonsten von einer Verkettung unglücklicher Umstände geschrieben. Daraufhin zeigte sich dieser "sehr verwundert", wie er im Frühjahr von seinem Anwalt erklären ließ.

Noch immer sind auch die Schadensersatzfragen nicht abschließend geklärt: Zwar hatten sich beide Seiten schon kurz nach dem Unfall darauf geeinigt, keinesfalls eine zivilrechtliche Auseinandersetzung um den Schadensausgleich zu führen. Auch hatte Althaus seinen Anwalt darum gebeten, "bitte keine Kontroversen" zu entfalten, wie er jetzt in der Eisdiele erzählt.

Und doch kamen die Verhandlungen bislang kaum voran. Lediglich die Kosten "für die Beerdigung, die Kleidung, den Grabstein und die Festgesellschaft" hätten bis heute erstattet werden können, erklärt der Frankfurter Rechtsanwalt von Althaus, Erich Bähr. Insgesamt hielten die Zahlungen sich "immer noch im fünfstelligen Bereich", bestätigt der Anwalt Mutmaßungen, wonach neben den gerichtlich festgesetzten Summen bislang etwa 40.000 Euro an Schadensersatz bezahlt worden sein dürften.

"Das wird sicher noch ein bisschen mehr werden", schätzt Bähr, wenn endlich die Unterlagen für die Unterhalts- und Betreuungskosten des Kindes vorlägen - auf diese wartet der Anwalt seit Monaten. Entsprechend seien die "Hauptforderungen" noch gar nicht gestellt worden, berichtet Bähr, der zugleich betont: "Alles läuft in bester Harmonie, wir haben keinerlei Druck." Indes hat Anwalt Bähr auch im Blick, dass es seinem Mandanten nicht gut zupasskäme, wenn die Schadensersatzsummen ausgerechnet kurz vor der Wahl festgesetzt würden. "Vor Überraschungen", sagt er, "ist niemand gefeit."

Vergangene Woche ist Althaus wieder einmal in Österreich gewesen, zum Wandern. Da sei er einen Tag nach Riegersburg bei Graz gefahren, wo die Christandls wohnen. "Ich habe die Familie kontaktiert", sagt Althaus jetzt etwas leiser in der Eisdiele, "und bin zum ersten Mal ans Grab von Frau Christandl gegangen."

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.161217
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 30.7.2009/vw/ehr
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.