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Wahlkampf in Norwegen:Stoltenbergs Taxi-Gäste wurden teilweise bezahlt

Hören, was das Volk denkt: Norwegens Premierminister Jens Stoltenberg schlüpft in die Rolle eines Taxifahrers, um die politischen Meinungen seiner Bürger zu erfahren. Das Video wird zum Internet-Hit - doch nicht alle Fahrgäste waren komplett ahnungslos.

Dieser Taxifahrer kommt seinen Passagieren ziemlich bekannt vor: "Sie haben Ähnlichkeit mit... vielleicht sind es die Augen. Ja, es sind die Augen!", bemerken zwei junge Frauen auf dem Rücksitz. "Von hinten sehen Sie aus wie Stoltenberg", wundert sich ein älterer Herr.

Richtig geraten: Jens Stoltenberg ist es, der seine Fahrgäste im Taxi durch Oslo kutschiert. In der klassischen Uniform der Zunft, manchmal getarnt mit einer Sonnenbrille, immer gefilmt von einer versteckten Kamera. Die Aktion, deren Resultat Norwegens Premierminister nun auf seiner Facebook-Seite als Video veröffentlicht hat, ist eine moderne Form des "dem Bürger aufs Maul schauen". Und klassischer Internet-Wahlkampf, das Video erhält durch die sozialen Netzwerke weltweit Aufmerksamkeit (die BBC hat eine Version mit englischen Untertiteln).

"Es ist wichtig für einen Premierminister, die Meinung der Menschen zu hören", sagt Stoltenberg im Video. Der Nebeneffekt: Vor der anstehenden Wahl am 9. September kann sich der sozialdemokratische Politiker als menschennah und volksverbunden präsentieren. Bei der Umsetzung der Aktion half eine Werbeagentur mit.

"Ich wollte ohnehin einen Brief schreiben"

"Wenn es einen Ort gibt, an dem die Menschen ihre Meinung sagen, ist das ein Taxi", erklärte Stoltenberg bei der Vorstellung des Videos. Tatsächlich diskutiert Stoltenberg im Zusammenschnitt mit seinen Fahrgästen über Themen wie Bildung, Managergehälter oder Politik an sich - nachdem diese ihre erste Verwunderung über ihren Chauffeur überwunden haben.

"Ich wollte Ihnen ohnehin einen Brief schreiben", sagt beispielsweise eine ältere Dame. Und gibt ihm dann mit auf den Weg: "Unternehmenschefs sollten nicht so hohe Gehälter haben". Stoltenberg antwortet: "Es ist schwierig, sie stacheln sich gegenseitig an und vergleichen, was sie verdienen." Politische Probleme lassen sich eben doch nicht auf einer Taxifahrt lösen.

Könnte man sich Angela Merkel oder Peer Steinbrück als Taxifahrer verkleidet in Berlin vorstellen? Eher nicht, doch das Verhältnis von Politikern und Bürgern ist in Skandinavien häufig ungezwungener als in Deutschland.

So sagt eine Passagierin Stoltenberg deutlich, sie habe schon bessere Taxifahrer gehabt. Der Premier, der zuvor ruckartig abgebremst hatte, muss zugeben: "Ich bin seit acht Jahren nicht mehr gefahren."

Bei aller Lockerheit: Ganz ungestellt ist die Sache nicht. Die Boulevardzeitung Verdens Gang hat inzwischen herausgefunden, dass fünf der 14 Passagiere für das Video von der Produktionsfirma rekrutiert und bezahlt wurden. Die Firma gibt allerdings an, dass diese Taxigäste zwar für eine Wahlkampf-Aktion der Journalisten angesprochen wurden, aber vorher nicht über die Details Bescheid wussten.*

Auch wenn Stoltenberg erklärt, er sei seinem Land als Premierminister eine größere Hilfe, als wenn er die Bürger durch Oslo chauffiert: Nach dem 9. September muss er sich womöglich wirklich einen neuen Job suchen. Die Sozialisten liegen trotz Stoltenbergs Beliebtheit derzeit in Meinungsumfragen hinten.

*Absatz am 14. August 2013 ergänzt.