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Wahlkampf in der Türkei:Erdoğan bangt um Istanbul

Recep Tayyip Erdogan, Ministerpräsident der Türkei

Unter Druck: der türkische Ministerpäsident Recep Tayyip Erdoğan

(Foto: AFP)

Der eine ist der mächtige Premier der Türkei, der andere nur Bezirksbürgermeister. Noch. Denn Mustafa Sarıgül von der Republikanischen Volkspartei will bei der anstehenden Kommunalwahl Bürgermeister von Istanbul werden. Gelingt ihm das, wird er zu einer ernsthaften Bedrohung für Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan.

Von Luisa Seeling

Recep Tayyip Erdoğan kämpft in Istanbul um seine Zukunft. Dort sind am 30. März Kommunalwahlen. Der mächtige Premier der Türkei steht zwar selbst auf keinem Stimmzettel, dafür aber einer, der ihm gefährlich werden könnte: Mustafa Sarıgül, Bezirksbürgermeister des Istanbuler Stadtteils Şişli, will Bürgermeister in der Metropole werden. Bisher regiert dort der AKP-Mann Kadir Topbaş.

Der 58-jährige Sarıgül tritt für die Republikanische Volkspartei (CHP) an, die nach mehr als einem Jahrzehnt die AKP an der Regierung ablösen will. Istanbul ist ihr wichtigstes Etappenziel: Wer die Stadt regiert, hat etwas zu sagen im Land. Hier leben mindestens 15 Millionen Türken, vermutlich mehr. Hier schlägt das kulturelle und ökonomische Herz des Landes.

Hier treibt der Premierminister seine nationalen Prestige-Bauprojekte voran - den geplanten Großflughafen oder das Einkaufszentrum am Taksim-Platz, dem der Gezi-Park weichen sollte. Hier nahmen aber auch die massiven Proteste gegen ihn im vergangenen Jahr ihren Anfang. Im Sommer 2013 ließ Sarıgül anders als Vertreter der AKP immer wieder Sympathien für die Demonstranten durchscheinen, die das Bauvorhaben verhindern wollten. Und als in diesem Monat ein 15-Jähriger an den Folgen eines Polizeieinsatzes im vergangenen Jahr starb, lief Sarıgül demonstrativ an der Spitze des Trauerzuges mit.

Der Premier steht unter Druck

Erdoğan steht hingegen unter Druck: Korruptionsvorwürfe, kompromittierende Telefonmitschnitte, die anonym ins Netz gestellt und millionenfach angeklickt werden. Um die Flut an peinlichen Enthüllungen zu stoppen, hat er soeben den Kurznachrichtendienst Twitter sperren lassen. Von der Wut über Erdoğans Manöver könnte Sarıgül profitieren. Beobachter sehen in ihm längst mehr, als nur einen potenziellen Bürgermeister Istanbuls - nämlich den zukünftigen Herausforderer des Premiers.

Dafür muss er aber zuerst Istanbul erobern. Seine Chancen stehen nicht schlecht, zurzeit liegt er nur wenige Prozentpunkte hinter Topbaş. Für Erdoğan wäre der Verlust Istanbuls an den politischen Gegner schmerzlich. Dort gelang ihm einst der politische Durchbruch - ebenso wie es nun bei Sarıgül der Fall sein könnte.

Zwischen Sarıgül und Erdoğan gibt es noch andere Parallelen: Beide stammen aus kleinen Verhältnissen, haben Aufsteiger-Biografien. Sarıgül wuchs in einem Dorf im Osten des Landes auf, später zog seine Familie nach Istanbul, wo der Vater als Hausmeister arbeitete. Als junger Mann trat Sarıgül in die CHP ein. Er arbeitete bei einem kommunalen Verkehrsunternehmen, knüpfte Beziehungen.

Der geschiedene Vater von zwei Kindern ist ein charismatischer Redner. Wenn Journalisten über ihn schreiben, benutzen sie gerne das Wörtchen "smart"; auch sein volles Haupthaar und seine perfekte Bräune sind ihnen ein paar Zeilen wert. Sarıgül besitzt Strahlkraft und ist volksnah zugleich - eine Spitzenkraft, nach der die CHP, der das Image von Betonköpfen anhaftet, lange verzweifelt gesucht hatte.

Vertreter der "Generation Gezi"

Dabei ist es nicht selbstverständlich, dass Sarıgül für die Volkspartei antritt. 2005 legte er sich mit dem damaligen CHP-Vorsitzenden Deniz Baykal an. Der beschuldigte ihn der Bestechlichkeit und warf ihn aus der Partei. Die Korruptionsvorwürfe wurden fallen gelassen, und als Baykal 2010 über eine Sexvideo-Affäre stolperte, holte dessen Nachfolger Kemal Kılıçdaroğlu den Geschassten wieder in den Dienst der Partei zurück.

In der CHP repräsentiert er nun den modernen, liberalen Flügel, nicht mehr den autoritären Kemalismus alter Prägung. Sarıgül gilt als pragmatisch, er selbst sieht sich als türkischer Sozialdemokrat. Im Falle eines Wahlsiegs will er sich in Istanbul für vernünftige Ideen einsetzen anstatt für "verrückte" - eine Anspielung auf Erdoğans brachialen Bauwahn.

Er will eine grünere Stadt, verspricht mehr Bürgerbeteiligung und will Schluss machen mit dem aggressiven Führungsstil. So will er die liberalen, urbanen Wähler ansprechen, die "Generation Gezi" also. Doch auch die Wähler im konservativ-religiösen Lager hat er im Blick. Er pflegt sein Bild als gläubiger Muslim und lässt sich freitags zum Beten in der Moschee blicken.

Ob diese Taktik klug ist oder - wie manche sagen - beliebig, wird sich Ende März zeigen. Recep Tayyip Erdoğan jedenfalls scheint seinen Widersacher ernst zu nehmen: Im Netz kursieren Mitschnitte, auf denen der Premier zu hören sein soll. Offenbar weist er darin den Chef des TV-Senders Habertürk an, Sarıgüls Sendezeit zu kürzen. Der Mann aus Şişli konterte dieses Manöver auf einem Wahlkampftermin: "Er hat Angst."

© Süddeutsche.de/sks

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