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Wahlkampf-Endspurt im Saarland:Mit Rosen gegen Lafontaine

33 zu 33 Prozent - bei der Saarland-Wahl trauen sich die Wahlforscher nicht mehr, einen Favoriten zu benennen. CDU und SPD reagieren mit hohem Einsatz: Ministerpräsidentin Kramp-Karrenbauer holt sich Berliner Verstärkung, Herausforderer Maas kontert mit einer Last-Minute-Kampagne.

Am Ende verlassen sie sich auf einen Klassiker. 18.000 Rosen will die SPD am Tag vor der Wahl unters Volk bringen, allein 5000 sollen es in Saarbrücken sein. Ihr Spitzenkandidat Heiko Maas nimmt sie büschelweise in die Hand und verteilt sie in der Fußgängerzone. Dass ihn die Dornen stechen, nimmt er in Kauf. "Am Ende geht es um ein oder zwei Prozent", sagt Maas. Die muss er jetzt noch auftreiben.

Etwa 800.000 Wahlberechtigte sind am Sonntag aufgerufen, im Saarland einen neuen Landtag zu wählen. Nach dem Bruch der Jamaika-Koalition von CDU, FDP und Grünen im Januar haben sich CDU-Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer und Maas schon auf eine große Koalition geeinigt. Es geht nun darum, wer sie führt. Und darum, wer die künftige Regierung kontrolliert - Grüne und FDP könnten aus dem Landtag ausscheiden, die Piraten erstmals einziehen. In den Umfragen lag die SPD stets knapp vorne. Doch kurz vor der Wahl trauen sich die Forscher keine Festlegung mehr zu. 33 Prozent CDU, 33 Prozent SPD, sagt das Institut Infratest dimap. Dahinter rangiert mit 15 bis 16 Prozent Oskar Lafontaines Linke, die abermals nach 2009 das Schicksal der Sozialdemokraten bestimmen könnte. Das Saarland erlebt ein Fotofinish. Das wirkt sich auf den Wahlkampf der Kontrahenten aus.

Schwestern im Geiste

Annegret Kramp-Karrenbauer holt sich am Freitagabend Hilfe aus Berlin. Auch das ist ein Klassiker. Die Bundeskanzlerin ist nach Dillingen gekommen, in einen ehemaligen Lokschuppen, der heute als Jugendzentrum dient. In ihrem Gefolge ist Peter Altmaier, Parlamentarischer Geschäftsführer der Unionsfraktion im Bundestag. Der fordert, man solle Lafontaine den "Führerschein entziehen", weil er "noch jede Karre an die Wand gefahren" habe. Kramp-Karrenbauer sei hingegen die "Angela Merkel des Saarlandes", sagt Altmaier und nimmt Platz zwischen etwa 50 handverlesenen Menschen, die in zwei Reihen auf der Bühne sitzen dürfen. Dort übernimmt sogleich die Original-Merkel das Rednerpult, sie redet frei und in einfachen Worten. Zwischendurch ist zu hören, wie draußen ein Güterzug über die Gleise rumpelt.

"Richtig gücklich" sei sie über den Bruch der Jamaika-Koalition nicht gewesen, sagt Merkel. Aber Kramp-Karrenbauer sei schließlich nicht dem Wohlbefinden der Parteivorsitzenden verpflichtet, sondern habe das "eisern im Sinne des Landes" durchgezogen. Und sie, Merkel, habe sich gedacht: "Das mache ich eigentlich auch immer so. Und da waren wir wieder Schwestern im Geiste."

Die Ministerpräsidentin greift das begeistert auf ("Uns liegt dein Wohl am Herzen, liebe Angela") und appelliert ("Wir wollen gewinnen und wir werden gewinnen") und wirbt ("Wir brauchen eine Politik, die echt ist, weil wir ein Land sind, das echt ist") und schwört ein ("Jetzt raus aus dem Windschatten und rauf auf die Pedale"), bis einige Gäste des Applaudierens müde sind.

"Das hat sie richtig gut gemacht", sagt eine Frau mittleren Alters, die mit Freundinnen nach Dillingen gekommen ist. Ob Kramp-Karrenbauer Ministerpräsidentin bleibt? "Ich denke schon", sagt die Frau. "Die SPD hat hier ja schon länger nichts mehr gewonnen."

Heiko Maas kämpft, um das zu ändern. Er ist 2004 und 2009 als Spitzenkandidat gescheitert, auch an Lafontaine. Am Samstagnachmittag steht Maas in Saarbrücken auf dem Sankt Johanner Markt. Die Sonne scheint, der Hemdknopf ist offen, und der Kandidat müht sich, Wechselstimmung zu verbreiten. Das geht mit Rosen ("Die ziehen immer, die lehnt kaum einer ab", schwärmt einer seiner Helfer) und mit lauter Musik. Eine sechsköpfige Brass-Kapelle begleitet Maas durch die Innenstadt. Aufmerksamkeit ist garantiert, auch wenn die Gespräche unter der Lautstärke der Blechblasinstrumente leiden.

"Die CDU ist ausmobilisiert", sagt Maas mit Blick auf den Gegner. Bei der Wählerschaft der übrigen Parteien gebe es viele, die noch unentschlossen seien. "Alles Potential, das jetzt noch da ist, ist Potential für die SPD." Als er einer Frau eine Rose übergibt, legt die ihre Hand mütterlich auf seinen Arm. "Wir wählen sie doch sowieso. Haben wir doch immer gemacht", sagt sie. Ihr Mann lobt den Juristen: "Er hat an Format dazugewonnen."

Handzettel, Windräder, Rosen in orange

Diesen Eindruck haben viele Beobachter. Und doch herrscht bei der SPD die Sorge vor Oskar, dem Schreckgespenst. In Fernsehinterviews betont Lafontaine, seine Partei sei in Umfragen unterrepräsentiert. Er werde nicht nach Berlin gehen: "Alle Hoffnung meiner Konkurrenten, ich würde der Saar-Politik nicht erhalten bleiben, sind falsche Hoffnungen." Eine rot-rote Koalition sei möglich, obwohl Maas das mehrfach (auch im Gespräch mit der SZ) ausgeschlossen hat.

Am Freitagabend hat Lafontaine in Saarbrücken auf dem Tblissler Platz gesprochen, direkt an der Saar, vor dem Staatstheater. Das Festzelt ließ er gleich stehen - für die Wahlparty. Zwei seiner Helfer haben sich am Samstagnachmittag gleich neben dem SPD-Zelt postiert und rufen abwechselnd "Oskar wählen! Nur er rettet das Land mit seinem Sachverstand" und "Mutbürger der SPD wählen die Linke".

Das Duo leidet allerdings darunter, dass kaum jemand ihre Lafontaine-Handzettel mitnehmen will. Viele Saarbrücker haben schlicht die Hände voll: Die Grünen, in Umfragen bei fünf Prozent, warten mit Windrädern auf. Die FDP bietet Luftballons, ihr Spitzenkandidat Oliver Luksic spricht von leichtem Aufwind für die Liberalen. In Umfragen liegen sie bei zwei bis drei Prozent. Die Piraten rechnen mit acht Prozent. Ihre Spitzenkandidatin Jasmin Maurer sagt, der Wahlkampf dürfe dann auch langsam mal zu Ende gehen.

Maas gibt sich derweil präsidial und konditionsstark. Die Band im Gefolge, begrüßt er die Wahlkämpfer der übrigen Parteien mit Handschlag. Ein Stück weiter die Fußgängerzone hinauf hat auch die CDU begonnen, Rosen zu verteilen. Sie sind orange, nicht rot, und etwas langstieliger als die der SPD. Das müsse aber nichts heißen, kalauert ein Genosse: "Sie werden sehen, unsere halten länger."

Ob das auch für den Kandidaten gilt? Der eilt gegen 15:30 Uhr zum nächsten Termin. Sein Pressesprecher reagiert kopfschüttelnd auf die Frage eines Reporters, ob der Spitzenkandidat der SPD zumindest am Samstagabend abschalten dürfe: "Nee, nee." Es gebe da noch einen kleinen symbolischen Lauf - Maas ist Triathlet - und eine Kneipentour in Saarlouis. Gewissermaßen zur Sicherheit: "Damit die Leute da nicht so viel trinken, morgens aufstehen und das Wählen nicht vergessen."

© SZ.de/mikö/cag

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