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Wahlkampf:Aufs grüne Herz gezielt, bei Martin Schulz bedient

  • Viel war zuletzt vom "neuen Sound" der Grünen die Rede, der nötig sei, wenn die Partei ihr Umfragetief überwinden will.
  • Bei der Vorstellung ihres Wahlprogramms suchen die Spitzenkandidaten die Nähe zu jungen und neuen Mitgliedern.
  • Aber Özdemir bekennt auch: Seine Partei dürfe nicht so tun, als bilde sie den Querschnitt der Bevölkerung ab.

Manchmal können Schuhe ein Statement sein. Freitagmorgen in Berlin, die Grünen stellen ihr Wahlprogramm vor, als Ort haben sie sich ein hippes Café im Park am Gleisdreieck ausgesucht. "Zukunft wird aus Mut gemacht", steht auf den Plakaten, alles soll nach Aufbruchsstimmung aussehen. Und Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt trägt zum roten Hosenanzug Sneakers.

Göring-Eckardt und der zweite Spitzenkandidat Cem Özdemir sind seit Beginn des Monats unterwegs, auf "Haustürwahlkampftour", heißt es in einem Video auf der Parteiwebseite. Und sie sind auf der Suche nach einem Profil, das ihre Partei belebt.

Viel war zuletzt von einem "neuen Sound" die Rede - als Reaktion auf die Umfragen, in denen die Grünen seit Wochen auf weniger als acht Prozent kommen und an Bedeutung zu verlieren drohen. Doch der neue grüne Sound, er klingt dann eher vorsichtig denn nach Richtungswechsel, und vor allem sehr vertraut. "Umwelt können wir am besten, da macht uns keiner was vor", sagt Spitzenkandidat Cem Özdemir. Rückbesinnung auf klassische grüne Themen, das soll die Lösung sein.

Ökologie ist kein Spiel, sondern eine "Existenzfrage"

Die Kandidaten lassen keine Gelegenheit aus, das einzige unbestrittene Alleinstellungsmerkmal der Partei zu unterstreichen. Göring-Eckardt zitiert einen 34 Jahre alten Wahlspruch der Grünen, "wir haben die Erde von unseren Kindern nur geerbt", er sei "heute dringlicher denn je". Ökologie, das sei kein Spiel, das sei eine "Existenzfrage". Und Özdemir schlägt sich auf die Brust, als er sagt, die anderen Parteien würden zwar auch von der Energiewende sprechen, doch sie hätten das Herz dabei nicht am rechten Fleck.

Im Programmentwurf sind Ziele formuliert, die aufs grüne Herz zielen. Von 2030 an soll Deutschland nur noch abgasfreie Autos zu produzieren, die Verkehrswende sei "das nächste große Projekt". Ergänzend wollen sie einen Mobil-Pass einführen, der den öffentlichen Nahverkehr in Deutschland bündelt. "Genial" nennt Özdemir das Projekt, das in der Schweiz funktioniere, deshalb müsse es ja wohl auch in Deutschland funktionieren. Die Grünen fordern, die 20 Kohlekraftwerke mit dem größten Schadstoff-Ausstoß sofort vom Netz zunehmen, und den vollständigen Umstieg auf erneuerbare Energien. "Wir sind die letzte Generation, die an der Klimakrise etwas ändern kann", sagt Göring-Eckardt.

Zur Vorstellung des Programms haben die Grünen Neumitglieder zum Diskutieren eingeladen, sie wollen diesmal mehr zuhören als wissen, sagen Özdemir und Göring-Eckhardt. Die Botschaft: weg vom Image der Partei, die vor allem mit sich selbst beschäftigt ist, die mit Schlaumeierei und Detailversessenheit auf sich aufmerksam macht. Bei der Präsentation stehen junge Menschen neben den Kandidaten, viele haben Namensschilder auf der Brust, Hauke, Jenny, Martin. Mehrmals loben Özdemir und Göring-Eckardt "so viele neue Mitglieder". Tatsächlich ist die Anzahl der Parteimitglieder seit vergangenem Jahr zwar auf einem Höchststand, doch es ist unübersehbar, was die Grünen am Freitag in Berlin zu zeigen versuchen: Euphorie entfachen, das kann nicht nur Martin Schulz.

Özdemir: Grüne sind nicht der Querschnitt der Bevölkerung

Das Thema Gerechtigkeit, mit dem der SPD-Spitzenkandidat Wahlkampf macht, wollen die Grünen nicht ihm allein überlassen. Der internationale Kaffeekonzern müsse die gleichen Steuern zahlen wie der Bäcker an der Ecke, heißt es im Programm - es ist ein Satz, den Schulz im Wortlaut genau so seit Wochen sagt. Der Entwurf der Grünen sieht die Vermögenssteuer für Milliardäre und Multimillionäre vor, eine Erhöhung des Spitzensteuersatzes oberhalb von 100 000 Euro. 12 Milliarden Euro sollen für die Familienförderung ausgegeben werden, vor allem zur Entlastung Alleinerziehender. Zwar gehe es Deutschland "vergleichsweise gut", doch das müsse für alle gelten. Auch Investitionen in Kitas, Schulen und die Digitalisierung sollen Kernthemen im Wahlkampf sein.

Der Entwurf, über den auf einem Parteitag Mitte Juni endgültig entschieden wird, enthält keine Koalitionsaussage. "Eigenständigkeit heißt Eigenständigkeit", sagt Göring-Eckardt. Natürlich sei Rot-Grün die Lieblingskonstellation, sagt Özdemir, doch: Hauptsache es gelinge, die große Koalition zu beenden. An elf Landesregierungen sind die Grünen beteiligt, "jetzt ist der Bund fällig", sagt Özdemir. Ob das realistisch ist? Ob sich die Partei auf diesen Kurs einigen kann?

Es ist auch interessant, was Özdemir am Freitag sagt, wenn er die Stimme senkt. Seine Partei dürfe nicht so tun, als bilde sie den Querschnitt der Bevölkerung ab. Man müsse auch mit denen ins Gespräch kommen, "die nicht so viel mit uns reden". Am Ende werden sie gefragt, wie denn der Grünen-Wähler aussehe, den dieses Programm überzeuge. "So wie du", sagt Özdemir und grinst. "Oder so wie du?", fragt Göring-Eckardt zurück. So sicher sind sie sich noch nicht.

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