Wahl in Griechenland Politik in der Zwangsjacke

Angst und Druck: Noch nie hatten die Griechen so wenig Chancen, das zu wählen, was sie sich wirklich wünschen. Der hauchdünne Sieg der Nea Dimokratia ist mitnichten ein Freibrief, vielmehr gaukelt das Wahlrecht eine Stärke vor, die die Konservativen nicht haben. Die Spiele und Spielchen im tief gespaltenen Griechenland werden weitergehen.

Ein Kommentar von Christiane Schlötzer

Als am Sonntagabend die ersten Wahlnachfragen veröffentlicht wurden, hielt das Land den Atem an. Man wusste schon, dass es knapp wird - aber so knapp? Der TV-Sender Skai veröffentlichte zunächst Zahlen, die Alexis Tsipras einen hauchdünnen Vorsprung vor dem Konservativen Antonis Samaras gaben. Eine einzige Stimme kann nach dem griechischen Wahlrecht entscheiden, welche Partei als stärkste den Zuschlag von 50 Sitzen in dem 300-köpfigen Parlament erhält und damit eine Regierung bilden darf. Doch so knapp wurde es dann doch nicht.

Kurz nach 22 Uhr griechischer Zeit trat ein selbstbewusster Antonis Samaras im historischen Zappeion-Gebäude vor die Journalisten und verlas mit fester Stimme eine vorbereitete Erklärung. Darin versicherte Samaras, dass dies ein Wahlsieg auch für Europa sei und eine Regierung unter seiner Führung sich an die Unterschriften unter den Vereinbarungen mit Europa gebunden fühle. Das wollten die Politiker in Berlin und Brüssel hören. Alexis Tsipras, der so nah die Macht herangekommen ist, wie dies kaum einer noch vor wenigen Wochen erwartet hätte, gratulierte in einem Telefonat dem Wahlsieger Samaras. Er versprach, seine Partei werde eine "verantwortliche und kämpferische Opposition darstellen".

Am Samstagabend hatte Athen noch gefeiert. Auf dem zentralen Syntagma-Platz in Sichtweite des Parlaments hatte die konservative Nea Dimokratia ihren Wahlkiosk mit Flachbildschirmen geschmückt und davor weiße Plastikstühle aufgestellt, für das Spiel, das den Griechen Hoffnung geben sollte. Und tatsächlich: "Samaras, Samaras" jubelten die Zuschauer dem griechischen Stürmer zu, der zufällig denselben Namen trägt wie der Spitzenkandidat der ND, der auf den Wahlplakaten gar nicht sportlich wirkt. Im dunklen Anzug und mit breitem Krawattenknoten macht der 61-jährige Antonis Samaras einen eher steifen Eindruck.

Als endlich der Schlusspfiff ertönte im Stadion von Warschau, setzte das große Hupkonzert auf Athens Straßen ein, und vor dem Samaras-Stand entzündeten Wahlhelfer ihre restlichen roten Rauchfackeln. Damit nebeln sie sonst bei Auftritten ihres Parteichefs ganze Plätze ein, weil das auf den TV-Bildern irgendwie festlich aussieht.

Doch der Taumel war kurz, mit dem Rauch verzog sich auch die Heiterkeit. Kein Vergleich zu den trunkenen Nächten im Sommer 2004, als Griechenland die EM gewann. Damals war auch sonst noch alles gut, die Staatskassen waren üppig gefüllt, die Banken gaben fast jedem Kredit, das Leben war ein Fest. Nun erzeugt ein 1:0 für Hellas nur einen "unfassbaren Moment" der Erleichterung, wie es Torschütze Giorgos Karagounis ausdrückte. Alle Spieler, und das ist ungewöhnlich, sprachen diesmal etwas in die Fernsehkameras, das sich auch politisch deuten ließ. Kostas Katsouranis zum Beispiel: Er meinte, die Griechen sollten am Wahltag "eine Lösung" finden, so wie dies die Kicker geschafft hätten. Nur welche, das sagte der Spieler lieber nicht.

"Griechenland bleibt im Euro" titelte gazzetta.gr am Sonntag, eine Internetzeitung, die sich sonst nur für Sport interessiert. Am meisten aber beeindruckte auch die politischen Blätter der portugiesische Trainer der griechischen Nationalmannschaft, Fernando Santos. Der hatte auf die Frage eines irischen Journalisten, ob etwa Ärger über die deutsche Kanzlerin seine Spieler antreibe, geantwortet: "Die griechische Geschichte inspiriert uns." Sie stehe für Werte, die heute die ganze Welt kenne. Er fordere daher "Respekt" für Hellas. Santos machte damit am Sonntag fast so viele Schlagzeilen wie die Parlamentswahl.

In Wahllokalen im Athener Zentrum herrschte schon am Vormittag beträchtlicher Andrang. Die Wähler mussten diesmal keine Kreuze machen. Es gab nur Parteilisten, und für jede Partei einen eigenen weißen Wahlzettel. In die Urne kam nur der Zettel mit der bevorzugten Partei. Wer Wähler fragte, mit welchen Gefühlen sie ihre Stimme abgaben, hörte immer wieder das Wort "Hoffnung". Ein Syriza-Wähler sagte: "Ich warte seit 38 Jahren auf eine Veränderung, jetzt habe ich Hoffnung, dass wir ein demokratischeres und freieres Land werden." Vor 38 Jahren endete in Griechenland die Diktatur, seither wechseln sich die ND und die sozialistische Pasok in der Regierung ab.

Parlamentswahl in Griechenland

Hellenen an den Urnen