Wahlen in der Türkei So haben die Deutschtürken gewählt

Autokorsos in Berlin, AfD-Vergleiche auf Twitter: Die Aufregung über die Wahlentscheidung der Türkeistämmigen in Deutschland ist groß. Aber wer hat wie gewählt und warum? Ein Überblick in Grafiken.

Von Jana Anzlinger

Die islamisch-konservative AKP hat die absolute Mehrheit, die prokurdische HDP schneidet alleine fast so gut ab wie die vier Parteien des oppositionellen Bündnisses zusammen und Recep Tayyip Erdoğan ist mit zwei Drittel der Stimmen überzeugend als Präsident bestätigt: So wäre das Ergebnis der Wahlen in der Türkei, wenn nur die Stimmen aus Deutschland gezählt würden.

In der Bundesrepublik leben fast drei Millionen Menschen mit Wurzeln in der Türkei, nirgendwo sonst ist die Diaspora so groß. Knapp 1,5 Millionen sind türkische Staatsbürger, von denen etwa 1,44 Millionen wahlberechtigt sind. Das sind mehr als zwei Prozent aller Wahlberechtigten der türkischen Wahlen. Sie hatten vom 7. bis 19. Juni Zeit, in einem der 13 Wahllokale in deutschen Konsulaten und der Berliner Botschaft ihre Stimme abzugeben.

Erdoğan und seine AKP haben in Deutschland eine große Anhängerschaft. So deutlich wie bei den Präsidentschafts- und Parlamentswahlen am Sonntag hat sich das selten gezeigt. In Deutschland kam der Amtsinhaber auf 64,8 Prozent der Stimmen im Vergleich zu 52,6 Prozent insgesamt.

Ähnlich groß war der Unterschied schon bei der Präsidentschaftswahl 2014 gewesen. Damals hatten aber in Deutschland nur acht Prozent der Wahlberechtigten an der Abstimmung teilgenommen. Dieses Jahr beteiligten sich fast 46 Prozent der 1,44 Millionen Wahlberechtigten in der Bundesrepublik an der Abstimmung.

Anhänger Erdoğans feierten in der Nacht zum Montag auf deutschen Straßen ausgelassen mit Türkei-Flaggen und Autokorsos. Der Grünen-Politiker Cem Özdemir reagierte entsetzt: "Seien wir ehrlich zu uns: Die feiernden deutsch-türkischen #Erdogan Anhänger feiern nicht nur ihren Alleinherrscher, sondern drücken damit zugleich ihre Ablehnung unserer liberalen Demokratie aus. Wie die AfD eben", kommentierte der Bundestagsabgeordnete auf Twitter.

Bei der Parlamentswahl erhielt die Regierungspartei AKP zwar in Deutschland mit 55,7 Prozent weniger Stimmen als im November 2015 - damals waren es 59,7. Aber für die absolute Mehrheit reicht es trotzdem. Hierzulande hätte es das Wahlbündnis mit der nationalistischen MHP gar nicht gebraucht, das die AKP in der Türkei eingegangen war, um die absolute Mehrheit zu sichern.

Erdoğans neue Rivalin Meral Akşener und ihre nationalistische Partei İyi konnten nur wenige konservative Wähler in Deutschland anziehen. Auch die linksnationalistische CHP schneidet in der Bundesrepublik wieder besonders schlecht ab. Die linksgerichtete prokurdische HDP und ihr Kandidat Selahattin Demirtaş sind in Deutschland erfahrungsgemäß erfolgreicher als im Mutterland.

Außerdem unterschieden sich die Wahlergebnisse in Deutschland stark nach dem Wohnort, wie etwa die größte englischsprachige Zeitung in der Türkei, Daily Sabah, umfassend ausgewertet hat: In Berlin erreichten Erdoğan selbst und das Wahlbündnis seiner AKP mit der MHP nur eine knappe Mehrheit, dafür stimmten mehr als ein Fünftel der Berliner Wähler für die HDP. In Essen und Münster ist die Zustimmung für Erdoğan hingegen überwältigend.

In Nordrhein-Westfalen lebt mehr als ein Drittel aller Wahlberechtigten. Auch bei früheren Wahlen hat sich dieser Unterschied deutlich gezeigt: In NRW-Städten und generell im Westen ist die AKP- und Erdoğan-Anhängerschaft besonders stark. HDP-Anhänger finden sich hingegen eher in Berlin und Norddeutschland.

Als Grund für die Beliebtheit von AKP und HDP an bestimmten Orten gilt, dass Türkeistämmige in Deutschland deutlich entlang ihrer familiären Herkunft wählen - und die unterscheidet sich innerhalb der Gruppe der Türkeistämmigen. Die Einwanderer aus den 60er Jahren, die damals als sogenannte Gastarbeiter ins Land geholt wurden, gelten als eher konservativ, viele stammen vom Land und aus islamisch-konservativen Gegenden in Anatolien. Ihre Prägung überträgt sich oft auf Kinder und Enkel. Kurden hingegen wählen eher die prokurdische HDP - und türkeistämmige Kurden, die vor Diskriminierung nach Deutschland geflohen sind, erst recht.

Der Erfolg der HDP ist jedoch geschrumpft - sie ist in Deutschland von Platz zwei auf Platz drei abgerutscht, hinter die CHP. Das heißt aber nicht unbedingt, dass Linke und Kurden in Berlin und Düsseldorf ihre Liebe zur AKP entdeckt haben. In der Vergangenheit haben Umfragen gezeigt, dass sich oppositionelle Türkeistämmige in der deutschen Diaspora schwer mobilisieren lassen.

Tatsächlich ist die Wahlbeteiligung zwar im Vergleich zu früheren Abstimmungen in Deutschland viel größer geworden - aber im Vergleich zu fast 90 Prozent in der Türkei ist sie immer noch vergleichsweise niedrig. Während AKP-Freunde also zuerst in den Konsulaten wählen gehen und dann vor dem Brandenburger Tor feiern, bleibt die schweigende Mehrheit zuhause - die möglicherweise ganz und gar nicht mit der Politik des Präsidenten einverstanden ist.

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