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Wahlen in der EU:Die europäischen Dada-Wähler

Europa bestimmt längst unseren Alltag, doch seine Bürger wollen das nicht wahrhaben. Daher besteht nun die Gefahr, dass sie - wie einst die Dadaisten, als ihre Kunst im Mainstream ankam - ihr Gebilde selbst zerstören.

Als die Dadaisten vor hundert Jahren Bilder malten und Texte schrieben, wollten sie vor allem eines: nicht dazu gehören, die Norm brechen, individuell sein. Als sie dann selbst zum Mainstream wurden, als ihre Kunst "cool" wirkte und die Moderne zu bestimmen begann, da revoltierten sie gegen die Vereinnahmung. Die Dadaisten akzeptierten nicht, dass sie angekommen waren. Lieber zerstörten sie ihre Ordnung wieder.

Wenn die Europäer in anderthalb Monaten ihr Parlament wählen, spielen nicht wenige selbst dabei Dada. "Europa" ist politischer Mainstream, aber seine Bürger wollen das nicht wahrhaben. Was sie geschaffen haben, bestimmt längst ihr Leben, und trotzdem wollen etliche dieses Europa lieber zerstören. Das ist durchaus ein bisschen verständlich.

Vieles, worüber man seit Jahren klagen kann, fördert die Lust an der Zerstörung: Brüssel ist so fern, so abstrakt, so künstlich. Europa ist ja auch wunderbar gaga: Traktorsitze und Gurkenkrümmung werden geregelt, in Hinterzimmern herrschen die Bürokraten. Und wie heißt noch gleich mein Abgeordneter in Straßburg?

Bedrohlich, kompliziert, unverständlich

Die Kritik ist so abgedroschen wie einseitig. Die ehrliche Botschaft lautet: Europa ist schwierig, aber zwingend nötig. Anders als die Dadaisten können sich die Europäer den Luxus nicht leisten, ihre Kunst zu zerstören. Sie würden sonst nämlich schmerzhaft erfahren, dass sie ohne ihr Gebilde nicht existieren können. Um im Bild zu bleiben: Für nationalen Klassizismus ist kein Platz mehr. Und auch jenes Biedermeier, wie es die Partei "Alternative für Deutschland" oder die Ukip in Großbritannien predigen, verhält sich zu Europa wie die Gaslaterne zur LED-Diode.

375 Millionen Europäer können bis zum 25. Mai zur Wahl gehen. Das ist eine stattliche Zahl. Nur in Indien werden mehr Menschen in einer demokratischen Abstimmung um ihre Meinung gebeten. Das allein könnte man schon als Errungenschaft betrachten. Aber die Europäer entwickeln wenig Stolz auf ihre gemeinsame Demokratie. Sie empfinden sie als bedrohlich, kompliziert, unverständlich.

Wenn jetzt der Wahlkampf richtig beginnt, dann wäre das die Gelegenheit, auf Europas Erfolge, aber auch auf seine Schwächen zu schauen. Wer beklagt, dass bei der Bundestagswahl oft nicht inhaltlich argumentiert wird, der müsste nun jauchzen. Europa ist eine politische Großbaustelle, es fordert jene heraus, die noch verändern wollen, und gleichzeitig ist dies besonders schwierig.