Süddeutsche Zeitung

Wahlen in Australien:Abenteurertum und Cowboymentalität

Die australische Regierung ist in Sachen Klimaschutz unter dem Druck der Energie-Lobby eingeknickt - und bekam nun die Quittung. Auch in Berlin dürfte das auf einiges Interesse stoßen.

Im Frühjahr schaltete die australische Bergbauindustrie eine Reihe von Anzeigen, um sich gegen eine drohende Steuer auf ihre Gewinne zu wehren - mit Erfolg: Der Druck der Energie-Lobby und ihre polemischen Angriffe auf den damaligen Premier Kevin Rudd zeigten so viel Wirkung, dass dessen eigene Partei ihn abservierte. Das Ergebnis der eilig angesetzten Neuwahlen dürfte auch in der Berliner Koalition, die sich bekanntlich mit einer Kampagne deutscher Konzerne gegen eine Brennelementesteuer herumschlägt, auf einiges Interesse stoßen: Labor wurde für seinen Kotau abgestraft, die Grünen haben kräftig zugelegt.

Die Folge: ein hung parliament, ein Patt, und eine Regierung, die auf die Unterstützung Unabhängiger angewiesen ist. Schon wird unter anderem mit den Grünen verhandelt, die nun durch die Hintertür zu einigem Einfluss kommen. Im Wahlkampf hatte der Klimawandel eine untergeordnete Rolle gespielt: Rudds Nachfolgerin Julia Gillard hatte in vorauseilendem Gehorsam die Kohlesteuer kassiert und nur vage angekündigt, dass die Industrie dennoch an den Kosten der Klimaerwärmung beteiligt werde.

Ihr konservativer Gegenpart Tony Abbott hält gleich das ganze Gerede über eine Klimaerwärmung für Quatsch - obwohl Australien pro Kopf mehr Kohlendioxid produziert als jedes andere Land der Welt, und obwohl der Raubbau an der Natur, die Wasservergeudung in dem wasserarmen Land und eine spürbare Klimaerwärmung die Sensibilität für dieses Zukunftsthema befeuert hatten.

Die Wahlkämpfer diskutierten lieber über das marode Gesundheitswesen und machten Stimmung gegen illegale Immigranten. Beide Themen ließen die Wähler kalt, auch wenn sie wegen der Wahlpflicht an die Urnen mussten. Aber sie bestraften die beiden großen Parteien für ihre Ignoranz. Gillard etwa musste büßen, weil sie als Königsmörderin gilt: Teile der Basis goutieren es nicht, dass sie Rudd aus dem Amt jagte, der - wenn auch nicht sehr erfolgreich - für eine klimapolitische Wende eingetreten war und international einiges Ansehen genoss.

Australien war lange ein gesegnetes Land: Immense Rohstoffvorkommen und die Nähe zu Asien garantierten ein stetiges Wirtschaftswachstum und ökonomische Unabhängigkeit. Das Selbstverständnis gleicht in vielem dem der Amerikaner: Beide Nationen sind geprägt durch einen von Größe und Ressourcen genährten Isolationismus, aber auch durch eine permanente Aufbruchsstimmung, die sich aus der Tradition von Abenteurertum und Cowboy-Mentalität speist.

Die globale Finanzkrise hat down under ohne Blessuren überstanden, weil der asiatische Boom auf die lokale Ökonomie abgestrahlt hat. Der konservative Abbott steht für dieses alte Australien: Der bekennende Macho und Fitness-Fan hält nicht viel von internationaler Verantwortung und Nachhaltigkeit. Sollte er die Unabhängigen auf seine Seite ziehen und Premier werden, hätte er eine wachsende rot-grüne Lobby gegen sich.

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SZ vom 23.08.2010/kar
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