Wahl zum Bundespräsidenten Der Mensch ist des Menschen Wulff

Die Nominierung von Joachim Gauck schürte bei vielen Bürgern die Hoffnung, auf den politischen Weckruf müssten nun auch Taten folgen. Zu erwarten ist aber keine weitere Sensation, sondern das politisch Gewohnte: Parteidisziplin.

Von Heribert Prantl

Dass ihre Bundeskanzler nicht zaubern können, wissen die Deutschen. Es ist, das lehrt sie die Erfahrung, sogar besondere Vorsicht geboten, wenn ein Regierungschef das Blaue vom Himmel und die schnelle Halbierung der Arbeitslosigkeit verspricht. Demokratie kennt keine politischen Zauberformeln. Von ihren Bundespräsidenten erwarten die Deutschen allerdings durchaus, dass sie so eine Art Zauberer sind, dass sie also Dinge können, die normale Politiker im politischen Alltag nicht können.

Die Menschen erwarten sich von der Wahl des Bundespräsidenten eine politische Sensation, zu Erwarten ist aber eine Abstimmung in gewohnten Bahnen. Und dann wird wohl mit Christian Wulff eine fröhliche und munter-moderne Biederkeit einziehen ins Schloss Bellevue.

(Foto: online.sdeauto)

Die Geschichte der Bundesrepublik bestärkt sie in dieser Hoffnung. Schon der erste Bundespräsident, Theodor Heuss, konnte politische Streitfragen zum Staunen der Menschen ins Schweben bringen. Er hat die Deutschen gelehrt, dass Demokratie zwar "keine Zauberformel für die Nöte unserer Welt" ist, aber ein lebensgestaltender Wert. Und der dritte Bundespräsident, Gustav Heinemann, ist zum "Bürgerpräsidenten" geworden, weil er in der ersten großen Krisenzeit der Republik die richtigen Worte fand. Seine Präsidentschaft fiel in die turbulenten Jahre der Studentenunruhen, und Heinemann war einer, der in dieser Zeit nicht auf Autorität pochte, sondern auf ganz unprätentiöse und bescheidene Weise Autorität war - weil er sich als ehrlicher Makler zwischen Staat und Bürger verstand.

"Kleidung beliebig, aber erwünscht"

Heinemann war, wie später der weltmännische Weizsäcker, ein Präsident, der aus der aktiven Parteipolitik kam und sie dann trotzdem glorios hinter sich ließ. Er war einer, der in einer Zeit wachsenden politischen Unbehagens Orientierung geben konnte - mit Sätzen, die berühmt geworden sind, mit einem Satz wie dem, dass nicht der Krieg, sondern der Frieden der Ernstfall sei. Und dieser Präsident, der selbst durchaus ein wenig spröde wirkte, verstand es wunderbar, dem Amt das Steifzeremonielle und die Bürgerferne zu nehmen. Einmal unkte er, er wolle auf seinen Einladungen die Formel drucken: "Kleidung beliebig, aber erwünscht".

Der Frust über die Parteipolitik ist aber heute so groß, dass einem Parteipolitiker von vornherein nicht mehr zugetraut wird, als Präsident die Kluft zwischen Parteipolitik und Bürger zu überwinden. Jeder Nicht-Parteipolitiker genießt von vornherein sehr viel mehr Zuneigung als ein Parteipolitiker. Das erklärt die Sympathien für Horst Köhler, den zurückgetretenen Präsidenten; und das erklärt die Euphorie, mit der Joachim Gauck als Kandidat für dessen Nachfolge öffentlich gefeiert wird. Die Leute erhoffen von ihm den großen Rumms, sie erwarten den Donnerschlag, der den Nebel zerreißt und den Smog vertreibt.

Bei Joseph Haydn kommt dieser große Rumms im zweiten Satz. Im 16. Takt der Symphonie Nr. 94 hat das Publikum ein grandioses Erlebnis: Das ganze Orchester bläst, fidelt und paukt ein überraschendes, ja revolutionäres Fortissimo auf G-Dur. So ein Fortissimo in G, in Gauck-Dur, so eine politische Symphonie mit Paukenschlag, erwarten sich viele nun in der Bundesversammlung: Der ganze Bundespräsidenten-Wahlkampf, von dem die zwei Kandidaten immer wieder betonen, dass er keiner sein solle, lebte vom Warten auf diesen Paukenschlag. Aber der wird nicht mehr kommen - weil er schon stattgefunden hat.

Der Paukenschlag bestand schon in der Nominierung des eher konservativen Pfarrers Gauck ausgerechnet durch SPD und Grüne. Die Überraschung darüber war so groß, dass alle Welt glaubte, mit einem bloßen Weckruf könne es doch nicht getan sein - ihm müsse nun die Tat folgen. Die Freunde von Gauck aus allerlei Gremien, zuvorderst der ehemalige sächsische CDU-Ministerpräsident Biedenkopf, nährten diese Hoffnung; und im Internet gilt dieser werbende Freundesdienst für Gauck als Beleg dafür, dass die Zeit der parteigebundenen Entscheidungen vorbei sein müsse.

Gauck: Der deutsche Obama

Gauck wurde, ohne dass er sehr viel dafür kann (er schaut ja eher zurück als nach vorn), zur Hoffnung derer, die von klassischer Parteipolitik enttäuscht sind. Die maßlose Enttäuschung über Parteipolitik verwandelte sich in maßlose Hoffnung auf Gauck. Aus ihm wurde binnen weniger Wochen ein deutscher Obama, ein Opa Obama. Er verkörpert, fast wie der US-Präsident in der Wahlkampfzeit und den ersten Präsidentschaftswochen, den Wunderglauben an eine neue Politik.

Auf den Paukenschlag der Nominierung Gaucks wird aber das folgen, was in Haydns Symphonie schon vorher kommt: säuselnde Dreiklangsbehaglichkeit, das politisch Gewohnte also - Parteidisziplin, eine Abstimmung in mehr oder weniger gewohnten Bahnen. Und dann wird wohl mit Christian Wulff eine fröhliche und munter-moderne Biederkeit einziehen ins Schloss Bellevue, alsbald den meisten Deutschen zum Wohlgefallen. Der Mensch ist dem Menschen ein Wulff.

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