bedeckt München

Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus:Sind Jugendliche die besseren Bürger?

Damit kommt die Runde dann zu allgemeineren Themen: Asyl und Rassismus. Den Großteil der 90 Minuten diskutierten die Schüler darüber. Es meldet sich zum Beispiel Tim und bemängelt, dass die geflüchteten Jugendlichen in den Willkommensklassen unter sich blieben. "Warum werden die denn nicht mit uns gemeinsam unterrichtet?" Linke-Politikerin Platta stimmt zu: "Es soll nur ein kurzer Zeitraum sein, in dem getrennt unterrichtet wird."

Einer seiner Mitschüler widerspricht: "Wir sind doch jetzt schon 27 Schüler in der Klasse. Wenn da jetzt noch drei dazukommen, die vielleicht noch nicht mal deutsch sprechen - wie soll das ein Lehrer allein schaffen?" Auch Schüler Eddi ist wenig begeistert: "Viele von uns sind sehr leistungsorientiert. Für uns geht es darum, fürs Leben zu lernen und Noten zu sammeln."

Darauf entgegnet Grünen-Politikerin Kapek: "Ich war in der Schule auch leistungsorientiert. Aber ich muss sagen, dass ich die wichtigsten Erfahrungen im Ausland gemacht habe." Sie lächelt: "Auch wenn euch die Lehrer etwas anderes sagen: Nicht allein eure Ausbildung bestimmt, was ihr für ein Mensch seid." Piraten-Politiker Magalski schlägt einen Kompromiss vor, der im Raum auf Zustimmung stößt: "Vielleicht kann man erst einmal mit Fächern wie Kunst und Sport beginnen, wo die Sprachkenntnisse nicht so wichtig sind."

Engagement ist für viele Schüler schwierig

Da grätscht Moderatorin Theresa Sickert mit einer spannenden Frage rein: Wer engagiert sich denn überhaupt heute schon? Oder hätte eine Idee, wie man die Situation der Flüchtlinge verbessern könnte? Es gehen kaum Hände nach oben. CDU-Politiker Freymark sagt dazu: "Ich verstehe schon, dass ihr euch fragt: Hab ich überhaupt eine Idee? Und wird die denn anderen Gefallen? Aber Empathie und soziale Kompetenz lernt man in schwierigen Situationen."

Das ist streng - und doch kommt es an. Vielleicht auch, weil er auch noch eine persönliche Anekdote anhängt: "Ich habe einmal ein Praktikum in einem Kindergarten gemacht, in dem zwei schwerbehinderte Kinder waren. Am Anfang habe ich mich gefragt, wie ich wohl mit denen umgehen soll. Dann habe ich gesehen, dass die anderen Kinder sie einfach ganz normal behandeln und keinen Unterschied machen."

Er scheut auch keine Konfrontation, als ein Schüler fragt: "Warum soll ich mich für ein Flüchtlingsheim engagieren, wenn ich von meiner Freundin höre, dass sie schon von Flüchtlingen abgezogen wurde?" Da betont der CDU-Politiker: Es sei wichtig, sich klarzumachen, dass 99 Prozent der Flüchtlinge nicht kriminell seien. "Über das ein Prozent muss man reden - aber man darf nicht denken, dass alle so sind. Auch den Schüler Max, der sich beklagt "als Deutscher" dürfe man nicht mal sagen, dass kriminelle Flüchtlinge nicht hierher gehören, weisen die Politiker in die Schranken. "Das stimmt doch nicht", sagt etwa Kapek. "Nach Ereignissen wie denen in Köln sagt doch keiner: Och, das ist ok."

Das Fazit

Und wie fanden es die Jugendlichen? "Ich fand es schade, dass die unterschiedlichen Positionen der Parteien nicht so stark zum Vorschein kamen", sagt Schüler Ole nach der Veranstaltung. "Aber es ist ja auch klar, dass man in so einem Rahmen nicht sehr ins Detail gehen kann." Und wer hat am meisten überzeugt? Oles Kumpel Leon sagt: "Ich bin da voreingenommen, weil ich in der Linksjugend engagiert bin. Aber auch die Position der Piraten hat mich überzeugt."

Carolin, Marie und Yasemine aus der elften Klasse fanden hingegen die Linken-Politikerin Platta wenig überzeugend: "Das wirkte irgendwie auswendig gelernt." Auch SPD-Kandidatin Halsch hat sie nicht so richtig beeindruckt. Sie werde sich wohl für die Grünen von Antje Kapek entscheiden, sagt Marie: "Sie hat das sehr emotional rübergebracht, das fand ich gut." Yasemine lobt auch Freymark und Magalski: "Die wirkten sehr sympathisch und natürlich."

Carolin hat aber etwas ganz anderes an der Veranstaltung beeindruckt: "Mich hat es sehr berührt, was Levan erzählt hat. Dass so etwas so nahe an einem selbst passiert, das hätte ich nicht gedacht."

Sachlich, respektvoll, spannend

Am Ende bleibt eigentlich nur eine Frage offen. Wie kann es sein, dass der Großteil dieser Gerade-Mal-18-Jährigen es schafft, woran so viele Ältere scheitern? Sie diskutieren über Asyl, Flüchtlinge und Rassismus kritisch - aber ohne verletzend, persönlich oder rassistisch zu werden. Sie hören einander (und auch den Politikern auf der Bühne) zu, auch wenn die Meinungen auseinander gehen.

Davon könnte sich so mancher Erwachsener auf der Bürgerversammlung einiges abgucken. Vielleicht liegt das daran, dass die meisten der anwesenden Schüler noch weniger persönliche Kränkungen, gesellschaftliche Umbrüche und Unsicherheiten erlebt haben als viele der älteren Wutbürger. Vielleicht wächst da aber auch eine Generation heran, die sachlicher, ruhiger und nachdenklicher ist als so manche vor ihr.

Das klingt vielleicht ein bisschen langweilig. Aber der Zustand der Demokratie bereitet nach diesem Besuch auf dem Grünen Campus Malchow gleich viel weniger Sorgen.

© SZ.de/gal

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite