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Wahl zum Abgeordnetenhaus:Lehren aus der Piratenzeit

Die Erschöpfung, die er erlebt hat, kennen viele Piraten. "Viele haben ihre Schule, die Uni, den Job, die Familie vernachlässigt", erzählt Schlömer. Die Piraten waren für sie mehr als eine Partei, sie waren Hobby, Freundeskreis und Partnerbörse. Einerseits spreche das ja für eine solche Bewegung - auf der anderen Seite führte es zu genau jenen emotionalen Wutausbrüchen, persönlichen Feindschaften und letztlich unpolitischen Diskussionen, die der Partei den Absturz bescherten.

Auch Fabio Reinhardt, heute 35 Jahre, merkte schnell, dass die Piraten nicht alles im Leben sind - beziehungsweise: für einen Politiker nicht alles sein dürfen. "Sonst verliert man schnell den Blick für die Themen, die den Leuten wichtig sind. Und wird im schlimmsten Fall Alkoholiker, weil viele der Parteitermine mit Alkohol verbunden sind", sagt er.

Reinhardt ist eines der wenigen bekannten Gesichter der Piratenfraktion, die noch einmal für die Partei zur Wahl antreten. In seinem Heimatbezirk Friedrichshain-Kreuzberg verteilt er Flyer an ein paar Jungs, die an einem Freitagnachmittag schon beim dritten Bier in einer der vielen Kneipen sitzen. "Piraten, ey, die hab' ich auch mal gewählt", sagt einer von ihnen, "aber ihr habt es ja ganz schön verkackt."

Fabio Reinhardt, Piraten

Pirat Fabio Reinhardt tritt noch einmal an - auf Listenplatz elf.

(Foto: Piratenpartei Friedrichshain-Kreuzberg)

"Hör doch mal auf, so zu reden! Du redest wie so ein Politiker!"

Reinhardt lächelt gequält. Er weiß ja selber, woher dieses Bild kommt. Trotzdem setzt er nach: "Hier im Bezirk haben die Piraten aber super Arbeit gemacht, überlegt es euch doch noch einmal." Der angetrunkene Typ lacht und sagt: "Hör doch mal auf, so zu reden! Du redest wie so ein Politiker!"

"Wie so ein Politiker": ein Kompliment ist das nicht, das weiß Reinhardt. Er hat früher auch so gedacht wie die Jungs am Kneipentisch, erzählt er auf dem Weg zum Wahlkampfstand am Ostkreuz. "Leute, die in Parteien waren, waren für mich immer Karrieristen, "die da oben", die nichts mit "denen da unten" zu tun haben, sagt er. Die Arbeit im Parlament habe diese Einstellung verändert. "Ich habe gemerkt, dass es zwar in allen Parteien die Karrieristen gibt. Aber eben auch ganz viele normale Leute, die einen guten Job machen."

Reinhardt gehört nach Ansicht vieler, die sich mit der Berliner Politik auskennen, zu den Leuten, die einen guten Job machen. Er fokussierte sich schon lange vor der sogenannten Flüchtlingskrise auf das Thema Flüchtlingspolitik. Zum Beispiel trat er im Streit zwischen der Stadt und einigen Flüchtlingen, die seit 2012 die Gerhart-Hauptmann-Schule besetzt halten, als Fürsprecher der Geflüchteten auf. Als die chaotischen Zustände um das Berliner Lageso im vergangenen Sommer weltweit Schlagzeilen machten, stand er als Experte mittendrin.

Vom Abgeordneten zum potenziellen "Verräter"

Umso seltsamer scheint es, dass er auf der Landesliste der Piraten nur auf Platz elf steht. Das hat mit der Austrittswelle der vergangenen Jahre zu tun. Reinhardts Bürokollege Oliver Höfinghoff sowie viele seiner Freunde und Vertrauten innerhalb der Partei haben diese in den vergangenen Monaten verlassen. "Auf der Aufstellungsversammlung kamen einige auf mich zu und sagten: Ich schätze deine Arbeit - aber wer weiß, ob du nicht auch zum Verräter wirst?", erzählt er. "Das ist natürlich schade."

"Verräter": ein hartes Wort. Eines, das aber sinnbildlich steht für die Emotionalität, in der Debatten auch heute noch ablaufen innerhalb der Partei. Warum schmeißt man da nicht hin? Reinhardt nennt mehrere Gründe. "Erstens erschien es mir persönlich unlogisch, Mitglied der Piratenfraktion zu sein, aber kein Parteimitglied mehr. Das verstehen die Leute doch ohnehin nicht."

Viel wichtiger ist ihm allerdings: "Die Piraten haben mich in meinem Thema immer gut unterstützt." Das gelte für die Bundespartei, in der seine Ideen zur Flüchtlingspolitik immer gut angekommen seien - aber auch für die Fraktion. Reinhardt lobt insbesondere Fraktionschef Delius: "Wie der diese sehr unterschiedlichen Menschen in ihren Ideen und Themen unterstützt und gefördert hat, das war eine tolle Leistung."

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