Wahl-Watcher zur Bundestagswahl "Unter der Politik der Babyboomer werden künftige Generationen leiden"

Kritisiert kurzsichtige Wahlversprechen: SZ-Wahl-Watcher Michael Hampe

(Foto: SZ)

Erstmals bilden die über 70-Jährigen die größte Wählergruppe bei der Bundestagswahl. Es drohe eine enorme Diskriminierung der Jungen, kritisiert der Philosoph Michael Hampe in einer neuen Folge der Wahl-Watcher.

Interview von Karin Janker

Bestimmen die Alten den Wahlsieger? Ältere Wähler werden in diesem Wahlkampf von allen Parteien jedenfalls intensiv umworben, zahlenmäßig stellen sie bereits die Mehrheit. Gleichzeitig zeugen außenpolitische Ereignisse wie der Brexit und die Wahl in Frankreich von einer Kluft zwischen den Generationen. Darüber, was es für die politische Kultur Deutschlands bedeutet, wenn die Gesellschaft immer älter wird, macht sich der Philosoph Michael Hampe in dieser Folge der Interviewserie Wahl-Watcher Gedanken. Hampe, selbst Jahrgang 1961, kritisiert Wahlversprechen zum Rentenalter als unverantwortlich.

SZ: Herr Hampe, bei der Bundestagswahl im September gibt es ein Novum: Erstmals stellen Menschen, die 70 Jahre und älter sind, die größte Wählergruppe. Jungen Wählern liegen andere Dinge am Herzen als älteren, sie haben aber kaum mehr eine Chance, sich zahlenmäßig durchzusetzen. Ist das ungerecht?

Michael Hampe: Wenn diejenigen, die in der Minderheit sind, diskriminiert werden, ist das immer ungerecht. Im Fall der Generationengerechtigkeit ist eine solche Diskriminierung besonders heikel: Schließlich müssen die jungen Menschen viel länger mit den Folgen einer bestimmten Entscheidung leben. Offensichtlich wird das bei Themen wie Klimawandel und Umweltschutz. Leider haben wir keine Möglichkeit, eine Art "chronologischer Gerechtigkeit" herzustellen, indem wir denen, die die Folgen einer Entscheidung tragen, ein größeres Stimmgewicht zugestehen.

Unsere Leser, die sich an dieser Interviewserie mit Anregungen beteiligen können, treibt die Frage nach der Gerechtigkeit zwischen den Generationen ebenfalls um. Eine Leserfrage lautete: Wird Politik künftig nur noch für die Älteren gemacht?

Hier kommen zwei Dinge zusammen: Zum einen die Tatsache, dass unsere Gesellschaft immer älter wird. Das wird zum Problem, wenn die Mehrheit der Alten bei der Wahl nicht an die Bedürfnisse der Jungen denkt. Zum anderen zielt die Frage des Lesers aber auch darauf, dass Politiker einer bestimmten Klientel Versprechungen machen.

"Es geht bei der Bundestagswahl um die Zukunft der westlichen Welt"

Europa werde von zwei Seiten angezündet, sagt die Schriftstellerin Thea Dorn. Da sei keine Zeit, um über Steuersenkungen zu streiten. In der ersten Folge der Serie Wahl-Watcher erklärt sie, warum sie von Merkel enttäuscht ist. Interview von Karin Janker mehr ...

Man denke an die Versicherung von Martin Schulz, dass das Rentenalter nicht angehoben wird, sollte er Kanzler werden.

Ein solches Versprechen halte ich für fatal. Demokratie funktioniert nicht wie im Restaurant: Die Mehrheit, in diesem Fall die ältere Generation, bestellt und die Politik serviert. Die Politik sollte Kompromisse aushandeln und dabei auch an die Zukunft der Jungen denken - auch und gerade dann, wenn diese in der Minderheit sind.

Besonders drastisch war die Kluft zwischen den Generationen in Großbritannien beim Brexit-Referendum zu spüren: 75 Prozent der jungen Menschen waren für den Verbleib in der EU, aber sie wurden überstimmt - vor allem von Über-65-Jährigen. Zugespitzt bestimmen also die, die nur noch ein bis zwei Jahrzehnte leben, die Bedingungen, mit denen die Jungen dann ein Leben lang zurechtkommen müssen.

Der Brexit trifft junge Menschen tatsächlich härter: Die Älteren brauchen beispielsweise keine internationale Ausbildung mehr und erschweren diese nun für die Jungen. Wenn man sich die Kampagne von Boris Johnson und dem damaligen Ukip-Chef Nigel Farage vor dem Referendum ansieht, zeigt sich außerdem: Viele Politiker haben verlernt, Verantwortung zu übernehmen. Da wurde gelogen und übertrieben, nur um die Abstimmung zu gewinnen.

Sie sagen "verlernt" - war das denn früher anders?

Ich sehe das Problem tatsächlich vor allem bei der Babyboomer-Generation, die jetzt fast überall an der Macht ist.

Also bei Ihrer eigenen Generation.

Ja, die meisten von uns sind sehr privilegiert aufgewachsen - verglichen mit der vorherigen Generation, die den Krieg miterlebt hat. Dafür kann man den Menschen natürlich keinen Vorwurf machen, aber diese relative Sorglosigkeit führte häufig zu einer oberflächlichen, kurzsichtigen Einstellung und zu Verantwortungslosigkeit. Unter der Politik der Babyboomer werden künftige Generationen leiden.