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Wahl-Watcher zur Bundestagswahl:"Hybris schadet nicht nur im Wahlkampf"

Opportunismus ist ein gängiger Vorwurf gegenüber Parteien, ein anderer ist Konturlosigkeit. Sie haben die Krise der Union in den 1970er Jahren analysiert, damals klagten viele Wähler, die beiden Volksparteien seien austauschbar geworden. Solche Stimmen werden heute wieder laut - zu Recht?

Austauschbar sind SPD und CDU heute keineswegs. Auch Merkel setzt - trotz ihres zurückgenommenen Regierungsstils - immer wieder markante Akzente, denken Sie an ihre Griechenland-Politik, ihre Flüchtlingspolitik und auch ihre Wende in der Energiepolitik. Vieles davon hätte niemand erwartet. In den 70er Jahren war die Situation eine andere: Das politische Klima war extrem polarisiert; wer sehnt sich danach zurück? Damals herrschte ein eingefahrenes Zweieinhalb-Parteien-System vor, aus dem es keinen Ausweg zu geben schien. In dieser Situation tauchte in Deutschland zum ersten Mal das Phänomen des Wechselwählers auf - und damit der Anspruch der beiden Volksparteien, tendenziell alle Wähler anzusprechen.

Im laufenden Wahlkampf arbeiten sich SPD und CDU weniger aneinander ab als an den Schlagzeilen, die US-Präsident Trump liefert. Jüngstes Beispiel ist die Debatte über Klimaschutzziele, die hochkochte, nachdem Trump seinen Ausstieg aus dem Pariser Klimaschutzabkommen verkündet hatte.

Das ist neu im Wahljahr 2017: Einerseits wirkt der Wahlkampf sehr vorhersehbar; andererseits wird er so stark wie nie von weltpolitischen Ereignissen beeinflusst und kann deshalb noch vollkommen unerwartete Entwicklungen nehmen. Die jüngsten Ereignisse auf der Arabischen Halbinsel sind möglicherweise ein Vorgeschmack.

Wie wirkt sich diese neue internationale Perspektive im Wahlkampf auf die Chancen der beiden Kontrahenten Merkel und Schulz aus?

Die Schlagzeilen aus den USA sorgen generell für mehr Interesse an Politik, auch in Deutschland. Ich spüre das in meinen Seminaren und Vorlesungen an der Universität. Im Wahlkampf nützt Trump Merkel, denn er liefert ihr viele Gelegenheiten, sich auf der internationalen Bühne zu zeigen und sich zu profilieren. Allerdings hat sie es dort mit einem unberechenbaren US-Präsidenten zu tun. Das heißt, es wird auch unbequemer für sie.

Ist es nicht verlockend, sich da als Anführerin der westlichen Welt zu positionieren?

Diese Rolle mag verführerisch sein, aber man kann Merkel nur raten, sie sich vom Leib zu halten. Das wäre Hybris und Hybris schadet nicht nur im Wahlkampf.

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Martin H. Geyer, geboren 1957 in Donaueschingen, ist Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Er forscht insbesondere im Bereich der Sozialpolitik sowie der Geschichte des Sozialstaats und hat unter anderem Bücher und Aufsätze über die Geschichte der Bundesrepublik in den 1970er und 1980er Jahren veröffentlicht.

Wahl-Watcher

Zur Interviewserie "Wahl-Watcher": In den Monaten vor der Bundestagswahl treten die Konturen der politischen Kultur in Deutschland besonders deutlich hervor. Deshalb beobachten vier ausgewählte Intellektuelle den Wahlkampf und erklären in regelmäßigen Interviews, was dieser über den Politikbetrieb und das Land und seine Bürger aussagt: Die Schriftstellerin Thea Dorn, der Philosoph Michael Hampe, die Sprachwissenschaftlerin Elisabeth Wehling und der Historiker Martin H. Geyer werfen einen Blick auf Deutschland und seine Themen in diesem Wahljahr.

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