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ORF-Elefantenrunde in Österreich:"Entschuldigung, das ist eine Sauerei"

Peter Pilz (Liste Jetzt), Pamela Rendi-Wagner (SPÖ), Sebastian Kurz (ÖVP), Beate Meinl-Reisinger (NEOS), Werner Kogler (Grüne) und Norbert Hofer (FPÖ).

(Foto: Joe Klamar/AFP)

Beim großen Schlagabtausch vor der Wahl in Österreich gibt es Phrasen, ein paar Unverschämtheiten - und eine bemerkenswerte Drohung.

Wenn Wahlkampf ein Land wäre, dann wohl am ehesten Österreich. Denn seit 2017 zelebriert das wunderbare Land im Zentrum Europas nicht nur eine erkleckliche Anzahl diverser regulärer, vorzeitiger und nachgeholter Urnengänge. Es bot auch zu jedem Wahlkampf dermaßen viele Fernsehduelle, dass man sich als österreichaffiner Beobachter bisweilen wie bei einer Fußball-Weltmeisterschaft mit andauernder Gruppenphase vorkam. Nur der Torreigen, der hielt sich in Grenzen.

An diesem Donnerstagabend kam es zur letzten Fernsehauseinandersetzung der Spitzenkräfte vor der Parlamentswahl am Sonntag: Der ORF lud ein zur Elefantenrunde.

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Gleich vorweg: Neue Inhalte gab es keine, Blackouts auch nicht. Unverschämtheiten ja, Phrasen auch, sowie ein paar aufschlussreiche Erkenntnisse. Das Moderatoren-Team Claudia Reiterer und Armin Wolf führte souverän und klug durch die Sendung. Allein bei den Versuchen, wasserfallartige Monologe aufzuhalten, gab es bisweilen Probleme.

Angetreten waren die Spitzenvertreter der im bisherigen Parlament, dem Nationalrat, vorhandenen Parteien plus den Grünen, die zwar momentan nicht im Parlament vertreten sind, aber den Umfragen nach zufolge bald wieder.

Werner Kogler, ein Grünen-Veteran, teilte mit hochgekrempelten Ärmeln aus und warb für gendergerechte Sprache. Er verteidigte die Klimaaktivistin Greta Thunberg gegen Norbert Hofer. Denn der hatte in klassischer Rechtspopulisten-Manier mit Blick auf die junge Schwedin das Wort "Zöpferl-Diktatur" fallen lassen - Hauptsache Schlagzeile.

Auf den Chef der radikal rechten FPÖ äugten an diesem Abend besonders viele Menschen. Schließlich lodert es in seiner Partei lichterloh. Hofers Vorgänger Heinz-Christian Strache hatte mit dem Ibiza-Skandal den Bruch der Regierung begründet. Seit wenigen Tagen gibt es den Verdacht, dass Strache seinen kostspieligen Lebensstil möglicherweise doch umfangreicher durch seine Partei finanziert hat, als sich das für eine Partei schickt, die stets beteuert, für die kleinen Leute da zu sein.

Wenige Stunden vor dem Fernsehduell wurde der Verdacht laut, auch Hofer habe möglicherweise auf unredliche Weise von der Partei profitiert. Mit belegter Stimme beteuerte Hofer volle Transparenz im Fall Strache, allerdings erst nach der Wahl. Ob dem langjährigen Parteichef der Parteiausschluss droht, wollte Moderator Wolf wissen. "Wer auch immer Dinge nicht korrekt abrechnet, hat die Konsequenzen zu ziehen", antwortete Hofer und schob nach: "Ich bin keiner, der so sanft vorgeht, wenn es notwendig ist." Eine bemerkenswerte Drohung gegen einen Mann, dem Hofer seine politische Karriere verdankt.

Neben Hofer stand Sebastian Kurz, sein ehemaliger Regierungspartner - auch er einer mit Strache-Erfahrung. Anders als mit allen anderen Kandidaten gab es zwischen den beiden keinerlei Nickeligkeiten. Kein Wunder: Inhaltlich passen ÖVP und FPÖ nach wie vor gut zusammen. Beim TV-Duell boten die beiden bei den Themen Ausländer und Islam ein verblüffend stimmiges Duett. Hofer ragte allerdings mit der Aussage heraus, dass er keine gesteigerte Feindlichkeit gegenüber Muslimen in Österreich bemerkt und auch nichts dagegen tun möchte - obwohl eine aktuelle Studie der Uni Salzburg gerade diese Entwicklung festgestellt hatte, wie Moderator Wolf erwähnte.

Eine Regierungsbeteiligung der FPÖ an der Seite der ÖVP ist angesichts der laufenden Entwicklung dennoch nicht realistisch. Denn das Gerangel um die Macht, Posten und Kurs dürfte bei den Rechtspopulisten nach der Wahl erst richtig an Fahrt gewinnen.

Bleibt noch die Variante von Kurz' Volkspartei mit Koglers Grünen und den liberalen Neos, deren Parteichefin Beate Meinl-Reisinger in der Runde souverän agierte. Besonders zahm ging sie nicht mit Kurz um. Die Liberale hielt Kurz vor, dass er während der knapp 18 Monate ÖVP/FPÖ-Regierung oft zu den Skandalen seines Regierungspartners geschwiegen und manches mitgetragen hatte.

Interessant war auch, als Meinl-Reisinger es als größten Fehler ihrer politischen Laufbahn bezeichnete, vor Gründung ihrer Partei für die ÖVP gearbeitet zu haben - der Kameraschwenk auf Kurz zeigte einen Altkanzler, der bewegungslos und kühl auf sie starrte.

Der Grüne Kogler schleuderte in Richtung Kurz den Vorwurf, dass seine Partei "ihre christlichen Wurzeln verloren" habe und forderte die "Umkehr dieser Türkisen". Und der junge Altkanzler? An ihm flossen Verbalattacken ab, er antwortete gerne auf Fragen mit Phrasen, die man in all den anderen TV-Duellen verlässlich gehört hat und vermutlich noch mit in den Schlaf nimmt. Etwa, in mehreren Variationen: "Gegen uns soll es keine Mehrheit geben."

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33 Jahre ist Kurz alt, genauso lange kennt der Ex-Grüne Peter Pilz den Parlamentsbetrieb. Der Aufdecker und Provokateur hatte vor der vergangenen Wahl seine Partei mit einer Neugründung quasi gespalten. Das Ergebnis: Die Grünen schafften es nicht ins Parlament, Pilz mit seiner heutigen Liste JETZT schon. Seitdem ist seine Minipartei von Machtkämpfen personell ausgedünnt, Pilz' Ruf ist durch Belästigungsvorwürfe angekratzt, die Umfragen sehen für ihn nicht gut aus. Das TV-Duell kann der letzte große Auftritt für ihn sein, entsprechend provokant formulierte er, dass ihn Kurz von der Seite spöttelnd anblafft. Und Meinl-Reisinger hielt ihm einmal vor: "Entschuldigung, das ist eine Sauerei." Vorher hatte Pilz behauptet, seine Liste seien die einzig "nicht käuflichen" politischen Akteure.

Bleibt noch Pamela Rendi-Wagner, die SPÖ-Chefin. Die Ärztin ist Quereinsteigerin, hat einen schlechten Start in den Wahlkampf hingelegt und einige mächtige Parteifreunde, die ihr zuverlässig Knüppel zwischen die Beine werfen. Rendi-Wagner liegt in Umfragen deutlich hinter Kurz, mit dem sie in vorhergehenden Fernsehduellen - vorsichtig formuliert - ziemlich drastisch aneinandergeraten war. Diesmal hielt sie sich merklich zurück und formulierte ausführlich auf ursozialdemokratischem Terrain: Die von Kurz eingeführte Regelung zum möglichen Zwölf-Stunden-Tag abschaffen, Frühpensionen, Erbschaftsteuer. Kurz stand neben ihr und hörte aufmerksam zu, schließlich ist eine Koalition mit den Sozialdemokraten auch eine mögliche Regierungsoption.

Einmal fragte Moderator Wolf die SPÖ-Chefin noch, was das Verrückteste sei, was sie jemals gemacht habe. "Das liegt noch vor mir", sagte Rendi-Wagner und dann: "Ich bin so jemand, der nicht so risikofreudig ist." Das könnte sich nach dem Wahltag ändern.

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