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Wahl in Österreich:Das Land ist überreif für eine Entscheidung

Ausgesprochen wurde in den letzten Wochen dieses heftigen Wahlkampfes alles und mehrmals. In Wien und anderswo vermitteln viele Österreicher den Eindruck, dass sich jeder eine Meinung gebildet hat. Man erzählt von Kontroversen in der eigenen Familie und im Freundeskreis. Gleichzeitig wirken viele Menschen abgekämpft. Das Land ist überreif für eine Entscheidung.

Trotzdem geht der Wahlkampf auf der Straße bis zum Schluss weiter, vor allem der von Van der Bellen. Junge Anhänger verteilen Broschüren auf dem Naschmarkt. Auf ihren T-Shirts prangt der Name des Kandidaten in verschiedenen Schriftzügen und "Öbama".

Samstag, 12 Uhr. Am Rochusmarkt stehen die Fußtruppen der Kandidaten wenige Meter voneinander entfernt und drücken den Passanten Wahlwerbung in die Hand. Für die FPÖ ist lokale Prominenz vor Ort, dazu zählt auch Werner Grebner. Der grauhaarige Jurist ist promoviert und stellt sich als Bezirksvorsteher-Stellvertreter des 3. Gemeindebezirks vor. Kultiviert und höflich ist Grebner im Umgang, er antwortet unverstellt.

Es sei ein Fehler vom damaligen FPÖ-Obmann Jörg Haider gewesen, das Bekenntnis zur "deutschen Sprachs-, Volks- und Kulturgemeinschaft" aus dem Parteiprogramm zu tilgen, sagt Grebner. Unter der Federführung von Hofer ist die Passage wieder ins aktuelle Programm aufgenommen worden. Er verstehe nicht, warum man sich daran stört, sagt Grebner.

Ob der deutsche Reporter, dessen Vater einst als Student aus Indien nach Bayern kam, auch zur deutschen Volksgemeinschaft gehöre? "Zur deutschen Kulturgemeinschaft zu 150 Prozent", sagt Grebner freundlich. "Aber zur deutschen Volksgemeinschaft? Hm...". Er lächelt und geht einen Schritt zurück. "Also vom Aussehen... vielleicht Ihre Nachkommen nach ein paar Generationen."

Wie passt solches Denken zusammen mit den Lehren von Christentum und Aufklärung, den Grundlangen der westlichen Zivilisation? Die Christianisierung Mitteleuropas sei "mit Gewalt" erfolgt, antwortet der FPÖ-Politiker und zeigt den Anhänger, den er um den Hals trägt. Es ist ein Mjölnir, der Kriegshammer des germanischen Gottes Thor.

Zwei Stunden später, etwas außerhalb von Baden. Die Sonne strahlt warm vom wolkenlosen Himmel. Karl Pfeifer geht trotz seiner 87 Jahre mit kleinen schnellen Schritten an den Weingärten vorbei. Der Nachbarort Sooss ist in Sicht, es sind nur noch ein paar hundert Meter. An einer Bank bleibt er stehen. Er holt seine Kamera aus der Tasche und fotografiert die Runen, die auf das Holz geschmiert wurden. Eine davon ist die Odal-Rune, erfunden von dem völkisch-rassistischen Esoteriker Guido von List. Sie ist ein Zeichen alter und neuer Nazis. "Sowas sieht man leider oft", sagt Pfeifer.

Wenig später ist er am Ziel seiner Wanderung. Es gibt eine Jause, Schinken mit frischem Kren, Bärlauchaufstrich und Apfeltaschen, dazu eine Karaffe Roséwein. Wenn Hofer gewinnen sollte, wäre er dann auch Pfeifers Präsident? Ja, sagt er, das sei dann nun mal Realität.

Ans Auswandern denkt er nicht, schon allein aus journalistischen Gründen: "Ich bin viel zu neugierig, was als nächstes passiert."

© SZ.de/jly
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