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Wahl in Österreich:Das kleine Österreich sendet ein Signal in die große Welt

A man passes presidential election campaign posters of Van der Bellen and Hofer in Vienna

Wie unterschiedlich die beiden Kandidaten sind, sieht man ihren Plakaten nicht auf Anhieb an.

(Foto: REUTERS)

Nazi-Runen, Hitlergrüße und Kandidaten, die sich selbst als das kleinere Übel anpreisen: Österreich vor der Wahl des Bundespräsidenten ist ein Land, durch das ein Riss geht.

Baden bei Wien am frühen Samstagnachmittag. Karl Pfeifer geht mit schnellen kleinen Schritten durch das Städtchen. Vorbei an den Villen und Grand Hotels aus der Kaiserzeit, vorbei am Altersheim für Künstler, über die Brücke des Flüsschens Schwechat, das nach Schwefel stinkt. Für Pfeifer bedeutet das mondäne Baden Kindheit. 1928 kam er hier zur Welt, 1938 musste er von hier mit seiner Familie fliehen.

Vor dem Abschied hat er am eigenen Leibe gespürt, was der "Anschluss" seiner Heimat an Nazi-Deutschland bedeutete. Hitlerjungen passten ihn auf dem Schulweg ab. "Saujud, sag' Heil Hitler", schrien sie, aber Karl weigerte sich. Sie drückten dem Zehnjährigen die Kehle zu, bis eine Anwohnerin einschritt.

Das ist lange her. Momentan beschäftigen Pfeifer andere Dinge. Da ist die Entwicklung in Ungarn und, natürlich, die Bundespräsidentenwahl in Österreich. Beides hat der pensionierte Journalist in einem Kommentar thematisiert.

"Um nicht von Rechtsextremisten zu sprechen, bevorzugen viele Politiker und Journalisten den euphemistischen Begriff `Populismus`", schreibt er. Damit meint Pfeifer auch die FPÖ, die an diesem Sonntag die große Chance hat, erstmals das Staatsoberhaupt zu stellen.

"Baltischer Jud" hat jemand auf ein Plakat gekritzelt

Wohl fast jeder politisch interessierte Österreicher hat sich in den letzten Wochen positioniert, auch Pfeifer. Er ist Mitglied im Personenkomitee von Alexander Van der Bellen, des früheren Grünen-Chefs. Pfeifer ist kein Grüner, die Bezeichnung "sozial fühlender Bürgerlicher" gefällt ihm am besten. Er gehört zu denjenigen, die sich hinter Van der Bellens Kandidatur stellen, um den FPÖ-Mann Norbert Hofer als Präsidenten zu verhindern.

Bislang hat es kaum jemanden interessiert, wenn die Österreicher ihr Staatsoberhaupt gewählt haben. Bislang galt das politische Naturgesetz, dass eine der großen Parteien ihren Kandidaten durchsetzen kann. Doch diesmal gewinnt kein Roter oder Schwarzer, sondern der Grüne oder der Blaue: Nach dem ersten Wahlgang im April blieben die Kandidaten Van der Bellen und Hofer übrig, zwei politische Antipoden. Einer wird an diesem Sonntag gewinnen, es ist Urnengang in einem Land, das seine Mitte verloren hat.

Auch der Wahlkampf um das höchste Amt im Staate war diesmal anders: Nie gab es so viel Aufmerksamkeit im Inland und im Ausland, nie haben Kandidaten so polarisiert. Nie ging es schmutziger zu. In Wien wurden Hofer-Plakate zerfetzt, Van der Bellens Konterfei wurde mit Aufklebern verunstaltet, auf eines kritzelte jemand "baltischer Jud".

Im Internet tobt der Kampf mit Schmähungen, mit wahren Enthüllungen und erfundenen Behauptungen. Dieses Negative Campaigning nähert sich amerikanischen Ausmaßen, ein eigener Ausdruck dafür ist längst fester Bestandteil des österreichischen Wortschatzes: "Schmutzkübelkampagne".

Das Publikum macht den Hitlergruß

Zum Tiefpunkt der politischen Auseinandersetzung avancierte ein TV-Duell ohne Moderator am Pfingstsonntag. Eine Woche vor der Wahl lieferten sich Hofer und Van der Bellen eine verbale Schlammschlacht. Seit dem verheerenden Echo auf die Darbietung versuchten im Wahlkampfendspurt beide, laute Töne zu vermeiden.

Gemäßigt und siegesgewiss gab sich Hofer auf der FPÖ-Abschlussveranstaltung, die am Freitag im Wiener Stadtteil Favoriten stattfand. "Ich tu mir heut ein bissel schwer, die richtigen Worte zu finden", sagte er. Er sei dankbar für die Unterstützung in diesem schweren Wahlkampf. Hofer kam auch auf seine Israel-Reise zu sprechen. Im letzten TV-Duell war ihm nachgewiesen worden, dass seine Visite in Jerusalem nicht so verlief, wie er sie bis dahin geschildert hatte (hier mehr dazu).

Er sei unfair behandelt worden, behauptete Hofer, schob dann aber statt der FPÖ-üblichen Medienschelte diesen Satz nach: "Ich bin froh, dass wir kritische Medien haben, die uns Politikern auf die Finger schauen." Neben Hofers Zurückhaltung bleibt von der Veranstaltung am Viktor-Adler-Markt vor allem die von mehreren Quellen dokumentierten Hitlergrüße im Publikum (hier und hier) im Gedächtnis.

Diese Wahl ist ein Signal, das von Österreich in die große Welt hinausgeht

Kurz zuvor hatte Van der Bellen seinen Wahlkampfabschluss im Park vor der Wiener Votivkirche. Auf einem kleinen Podium auf einer Wiese stand Van der Bellen. Der Wirtschaftsprofessor warb um die Österreicher, die konservativ ticken und für die Grüne und Blaue bislang gleichermaßen inakzeptabel waren. Man mag Vorbehalte gegen ihn haben, räumte Van der Bellen ein, aber "vielleicht haben Sie noch größere Vorbehalte gegen meinen Konkurrenten".

Der Grüne sagt im Prinzip das, was auch Hofer sagt - wenn auch mit anderen Worten: Es geht um Grundsätzliches bei dieser Wahl, es geht um den Charakter eines Landes und es geht um Europa. Und es ist eine Entscheidung, die ein Signal setzt, das vom kleinen Österreich weit in die große Welt hinausgeht. So wirkmächtig dürfte sich das Land seit dem Untergang der Doppelmonarchie nicht mehr gefühlt haben.

Damals, nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg, musste Wien nicht nur all die bis dahin unter der Krone Habsburgs vereinten Völker in die Unabhängigkeit entlassen. Es musste auch Südtirol an Italien abtreten. Für die Menschen in dem Gebiet bedeutete das jahrzehntelang Repression. Inzwischen ist der Konflikt befriedet, dank der offenen Grenze am Brenner und eines vorbildlichen Autonomiestatutes, das Südtirols Wohlstand begründete - denn der Großteil der Steuern bleibt in Bozen.

Die FPÖ stellt den Status Südtirols nun in Frage. 2015 hielt Hofer eine bemerkenswerte Rede in Meran, auch im Wahlkampf kam das Thema auf - sehr zur Sorge der Italiener und Südtiroler. "Es graut mir vor Hofer", sagt eine italienische Journalistin, die in diesen Tagen aus Wien berichtet. Und ihr Kollege meint mit Blick auf seine Südtiroler Heimat: "Hofer reißt alte Wunden auf."

Das Land ist überreif für eine Entscheidung

Ausgesprochen wurde in den letzten Wochen dieses heftigen Wahlkampfes alles und mehrmals. In Wien und anderswo vermitteln viele Österreicher den Eindruck, dass sich jeder eine Meinung gebildet hat. Man erzählt von Kontroversen in der eigenen Familie und im Freundeskreis. Gleichzeitig wirken viele Menschen abgekämpft. Das Land ist überreif für eine Entscheidung.

Trotzdem geht der Wahlkampf auf der Straße bis zum Schluss weiter, vor allem der von Van der Bellen. Junge Anhänger verteilen Broschüren auf dem Naschmarkt. Auf ihren T-Shirts prangt der Name des Kandidaten in verschiedenen Schriftzügen und "Öbama".

Samstag, 12 Uhr. Am Rochusmarkt stehen die Fußtruppen der Kandidaten wenige Meter voneinander entfernt und drücken den Passanten Wahlwerbung in die Hand. Für die FPÖ ist lokale Prominenz vor Ort, dazu zählt auch Werner Grebner. Der grauhaarige Jurist ist promoviert und stellt sich als Bezirksvorsteher-Stellvertreter des 3. Gemeindebezirks vor. Kultiviert und höflich ist Grebner im Umgang, er antwortet unverstellt.

Es sei ein Fehler vom damaligen FPÖ-Obmann Jörg Haider gewesen, das Bekenntnis zur "deutschen Sprachs-, Volks- und Kulturgemeinschaft" aus dem Parteiprogramm zu tilgen, sagt Grebner. Unter der Federführung von Hofer ist die Passage wieder ins aktuelle Programm aufgenommen worden. Er verstehe nicht, warum man sich daran stört, sagt Grebner.

Ob der deutsche Reporter, dessen Vater einst als Student aus Indien nach Bayern kam, auch zur deutschen Volksgemeinschaft gehöre? "Zur deutschen Kulturgemeinschaft zu 150 Prozent", sagt Grebner freundlich. "Aber zur deutschen Volksgemeinschaft? Hm...". Er lächelt und geht einen Schritt zurück. "Also vom Aussehen... vielleicht Ihre Nachkommen nach ein paar Generationen."

Wie passt solches Denken zusammen mit den Lehren von Christentum und Aufklärung, den Grundlangen der westlichen Zivilisation? Die Christianisierung Mitteleuropas sei "mit Gewalt" erfolgt, antwortet der FPÖ-Politiker und zeigt den Anhänger, den er um den Hals trägt. Es ist ein Mjölnir, der Kriegshammer des germanischen Gottes Thor.

Zwei Stunden später, etwas außerhalb von Baden. Die Sonne strahlt warm vom wolkenlosen Himmel. Karl Pfeifer geht trotz seiner 87 Jahre mit kleinen schnellen Schritten an den Weingärten vorbei. Der Nachbarort Sooss ist in Sicht, es sind nur noch ein paar hundert Meter. An einer Bank bleibt er stehen. Er holt seine Kamera aus der Tasche und fotografiert die Runen, die auf das Holz geschmiert wurden. Eine davon ist die Odal-Rune, erfunden von dem völkisch-rassistischen Esoteriker Guido von List. Sie ist ein Zeichen alter und neuer Nazis. "Sowas sieht man leider oft", sagt Pfeifer.

Wenig später ist er am Ziel seiner Wanderung. Es gibt eine Jause, Schinken mit frischem Kren, Bärlauchaufstrich und Apfeltaschen, dazu eine Karaffe Roséwein. Wenn Hofer gewinnen sollte, wäre er dann auch Pfeifers Präsident? Ja, sagt er, das sei dann nun mal Realität.

Ans Auswandern denkt er nicht, schon allein aus journalistischen Gründen: "Ich bin viel zu neugierig, was als nächstes passiert."

© SZ.de/jly

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