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Wahl in Irland:"In einem reichen Land wie Irland sollte es solches Elend nicht geben"

Dublin Economy - Ireland

In Dublin hat sich die Zahl der Obdachlosen in den vergangenen Jahren vervielfacht.

(Foto: ddp/interTOPICS /Kim Haughton)

Ein irischer Student erklärt, woher die Krisenstimmung unter jungen Iren kommt und warum die Partei Sinn Féin trotz ihrer dunklen Vergangenheit so populär ist.

Interview von Robin Hetzel

Wenn am Samstagabend in Irland die Wahllokale schließen, erwarten nicht wenige, dass es im Dáil, dem irischen Parlament, zu einem großen Umbruch kommt. Seit 1932 regiert dort eine der beiden konservativen Parteien, Fine Gael und Fianna Fáil. Aktuellen Umfragen zufolge führt jedoch eine ganz andere Partei, die linksnationale Sinn Féin.

Zwar hat Irlands Ministerpräsident Leo Varadkar die Wirtschaft ankurbeln und einen allseits akzeptierten Brexit-Deal aushandeln können, dennoch herrscht Krisenstimmung im Land. Vor allem junge Iren wie der 22-jährige Student Dylan Casey Marshall aus Wicklow im Süden Dublins finden, dass die großen Parteien sie vernachlässigen.

SZ: Welche Probleme bewegen die jungen Iren bei der Wahl am meisten?

Dylan Casey Marshall: Das größte Problem ist der Wohnungsmarkt. Die Mieten sind extrem gestiegen. Viele meiner Freunde suchen seit einem Jahr eine Wohnung, die sie sich leisten können. Das beeinflusst auch ihre psychische Gesundheit: Du hast keine Sicherheit in deinem Leben. In Irland gibt es fast 10.000 Obdachlose. Vor ein paar Tagen habe ich gelesen, dass mehr als 140.000 Kinder in kalten und schäbigen Häusern leben müssen. Das trifft mich sehr. In einem reichen Land wie Irland sollte es solches Elend nicht geben. Ein Problem sind auch die Studiengebühren: Ein Jahr Studium kostet 3000 Euro.

Den Parteichefs von Fianna Fáil und Fine Gael wird vorgeworfen, diese Probleme der jungen Wähler nicht anzusprechen. Stimmt das?

Die meisten jungen Leute glauben nicht, dass eine der beiden konservativen Parteien die Wohnungsnot lösen wird, wo doch ein Großteil ihrer Abgeordneten Immobilien besitzt. Keine der beiden will die Studiengebühren senken. Micheál Martin von Fianna Fáil steht für die schlechte Vergangenheit, weil er während der Finanzkrise regierte. Fine Gael regiert aktuell während einer der größten sozialen Krisen, die Irland je gesehen hat. Sie sieht sich als Partei für wirtschaftliche Verantwortung, aber junge Leute sehen die vielen Obdachlosen und hören von überlasteten Krankenhäusern. Leo Varadkar, der Parteivorsitzende von Fine Gael, spricht über hohe Gehälter, als wären sie Kleingeld, und erzählt von Menschen, die mit 24 Jahren ihr erstes Haus kaufen. Das ist für viele junge Erwachsene fernab der Realität.

Leo Varadkar hat einen erfolgreichen Brexit-Deal mitverhandelt, trotzdem ist er unbeliebt bei den meist pro-europäischen jungen Wählern. Spielt der Brexit überhaupt eine Rolle?

Dylan Casey Marshall

Dylan Casey Marshall, 22, kommt aus Wicklow im Süden Dublins, studiert europäisches Recht und beobachtet für das Projekt "Europe Elects" die irischen Wahlumfragen.

(Foto: privat)

Viele meiner Freunde und meine Familie haben während der Brexit-Verhandlungen gemerkt, dass Irland durch die EU viel stärker ist. Es gibt noch kritische Stimmen, aber insgesamt ist das Ansehen der EU durch den Brexit gestiegen. Varadkars Brexit-Haltung ist überall befürwortet worden. Deshalb ist es kein großes Thema. Innenpolitische Themen sind vielen aktuell wichtiger.

Im Gegensatz zu Varadkars Partei ist Sinn Féin aktuell mit 35 Prozent die beliebteste Partei unter den 18- bis 34-Jährigen. Warum?

Die Leute in meinem Alter haben ihre ganze Jugend und ihr junges Erwachsenenleben nur eine aufs Sparen fixierte Politik erlebt. Viele haben Familienmitglieder, die wegen der hohen Lebenshaltungskosten auswandern müssen. Diese Generation wünscht sich mehr soziale Gerechtigkeit. Für viele ist Sinn Féin die einzige Partei, die einen solchen Wandel will und seit fast 100 Jahren nicht mehr regiert hat. Sie wird als einzige glaubwürdige Alternative zu den beiden großen Parteien gesehen. Die Spitzenkandidatin Mary Lou McDonald scheint für viele auf dem Boden geblieben zu sein - besonders wenn sie über die soziale Krise, die alltäglichen Probleme oder Steuervermeidung von großen Firmen redet.

Sinn Féin war lange Zeit der politische Arm der irisch-republikanischen Armee. Wissen die jungen Iren um diese dunkle Vergangenheit?

Die meisten wissen das, aber die Generation, die nach dem Karfreitagsabkommen 1998 geboren ist, darf nun auch wählen. Bei deren Wahlentscheidung ist die Gewalt von damals deshalb nicht so präsent. Und die Parteivorsitzende Mary Lou McDonald, die bei jungen Iren sehr beliebt ist, wurde erst nach dem Abkommen in der Politik aktiv.

Das Hauptanliegen von Sinn Féin ist die Wiedervereinigung. Wie sieht Ihre Generation das?

Die meisten wollen einfach nur Frieden und Versöhnung. Die Mehrheit würde wahrscheinlich für die Wiedervereinigung stimmen, aber nur wenn dadurch Frieden garantiert wäre. Die Wiedervereinigung ist nicht das ausschlaggebende Thema für die Wahlentscheidung.

Im irischen Wahlsystem wählt man einen lokalen Vertreter anstatt einer bestimmten Partei. Werden dadurch globale Probleme, die den jungen Wählern wichtig sind, vernachlässigt?

Ja, es gibt einen zu großen Fokus auf lokale Probleme. Vor allem unabhängige Kandidaten konzentrieren sich sehr auf ihren Wahlkreis. Aber für viele junge Wähler sind andere Probleme wichtiger. Zum Beispiel stößt Irland noch immer viel mehr C02 aus als vorgesehen. Der Klimawandel bereitet uns große Sorge, aber durch die sozialen Probleme hat das Thema bisher nicht viel Aufmerksamkeit bekommen. Dadurch hat Sinn Féin die Grünen als Partei des Wandels abgelöst.

Gibt es unter den jungen Iren Hoffnung auf eine bessere Zukunft?

Die jungen Leute sind optimistisch und wollen eine gerechtere Gesellschaft. Die Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe und die Entkriminalisierung von Abtreibungen haben gezeigt, dass Massenmobilisierung funktioniert. Die jungen Leute sind entschlossen, das erneut zu tun, um einen Wandel zu erreichen.

© SZ.de/jme
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